Women in the Arts (2): Georgia Fambris (Ausstellungsbesuch in Athen, 19.11.2019)

Harte Malerei, schwer zu verkraften, aber nichtsdestoweniger sehr sehenswert. Zumal es  eine Frau und kein Mann ist, die das moderne Verständnis von Frausein hier herausfordert. Außerdem: sie kann malen.

Georgia Fambris, Jahrgang 1973, in Genua geboren, in Athen lebend, hat zunächst Ikonenmalerei studiert. Hat sie aus diesen Anfängen ihre Beherrschung der Fläche, die Farbenfreude und – wie so viele griechische Maler – die Faszination durch die menschliche Gestalt mitbekommen? Doch sonst ist nicht viel davon übrig geblieben: Großäugige Heiligkeit der Gestalten solltest du nicht hier erwarten. Denn es geht um den alltägichen Lebensausdruck der Hausfrau-Ehefrau-Mutter.

Diese Malerin attackiert die Leinwand und die Nerven der Betrachterin mit kalkulierter Wucht und unter der Gürtellinie. Was sich da zwischen Küche und TV, zwischen Couchtisch und Kinderzimmer an Leben entfaltet, ist (so empfinde ich es) ein bunter Alptraum der körperlichen Entfremdung  und des geistigen Nichts. Ich musste an Ule Rolffs Kommentar zum gestrigen Ping-Pong “ WAS WEISS MAN MIT SIEBZEHN VON DER LIEBE, WAS WEISS MAN VOM STERBEN? MEHR ALS MAN SOLL UND ERTRAGEN KANN denken: „Und wir können es in uns begraben oder lebendig erhalten. Ich weiß nicht, welcher Weg der bessere ist. Es in starke Bilder zu gießen ist auch einer.“ schrieb Ule.

Die großformatigen Bilder, gestern gesehen in der Ausstellung „All I miss. Since forever“ in der traditionsreichen Galerie Zoumboulaki am Kolonaki-Platz in Athen, erinnerten mich ikonografisch stark an Max Beckmann. Aber schau selbst! (Anklicken macht die Bilder besser sichtbar).

Außer diesen großen Bildern wurden Zeichnungen der Künstlerin gezeigt, die um vieles sensibler die häusliche Situation aufgreifen. Hier siehst du nicht Figuren, sondern in ihrer Zartheit und Hilflosigkkeit erkennbare Menschen.

 

Geradezu klassisch die im heimischen Herd gefangene Frau …

Ich weiß schon, warum ich diese Abneigung gegen die Küche habe und sie lieber dem Mann überlasse 😉

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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27 Antworten zu Women in the Arts (2): Georgia Fambris (Ausstellungsbesuch in Athen, 19.11.2019)

  1. wildgans schreibt:

    Uahh, wie heftig. Sehnsuchtskultur. Mir fällt diese Karikatur von Marie Marcks ein, man sieht eine Frau in ihrer Küche beim Kochen im Chaos von einigen, an ihren Rockzipfeln quengelnden Kleinkindern, dazu die Schrift „Du hast es doch selbst so gewollt!“ – gleich darauf eine alte Therapeutin,die vor ein paar Jahren zu mir sagte: Jetzt im Ruhestand ist es deine Aufgabe, deinen Ehemann gut zu versorgen! Und ich knabbere noch jeden Tag daran, besonders daran, wie es den Mann erfreute (wir waren zum Paargespräch dort).Diese Künstlerin bringt nun meinen Tag zum Brennen…
    Gruß von Sonja

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    • gkazakou schreibt:

      Ha! Das zufriedene Gesicht deines Mannes. endlich mal ein vernünftiger Rat! Aber vergiss dabei nicht: er hat eine Frau wie dich – und nicht so eine wie die Therapeutin geheiratet! Da wird er schon gewusst haben, warum 🙂

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  2. kopfundgestalt schreibt:

    Ich hasse Küche.
    Gestern ein schnelles Gericht mit meiner Frau zusammen gemacht, alles aufgebaut am Tisch: Nudeln, Eier, Salat, Avocadocreme, Brot, Wein ect. Gut Gegessen. alles abgeräumt, gespült, weggeräumt, Geschirrspülmaschine…mehr als zwei Stunden Tätigkeit. Fast 2,5 Stunden.
    Für mich zuviel.

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  3. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda,
    bei den bunten Bildern sehe ich im Malstil eine Mixtur aus Beckmann und Dix, jedes Bild, jede Zeichnung braucht eine eigene Betrachtung, die Frau als Lustobjekt, die Frau als Hausfrau, als Mutter, die Frau, die selbst für sich sorgt, es sich besorgt, und … In diesem Zusammenhang verstehe ich jetzt auch deinen Vorschlag besser, aber ich will auch noch darüber nachdenken.

    Das heutige Bild und Leben der Frauen ist sehr viel vielschichtiger geworden, auch wenn viele Themen geblieben sind und die Emanzipation noch immer ein Prozess ist.
    Heute finden junge Paare eigene Lösungen, die für sie stimmig sind. Manche Frauen sind gerne in der Küche tätig, ebenso manche Männer, manche erledigen die gesamte Hausarbeit zusammen, bei anderen ist es noch sehr konventionell, die gemeinsamen Absprachen spielen hierbei eine große Rolle!
    Ich merke, dass das Thema sehr groß ist und lasse es aber jetzt erst einmal hier stehen.
    Herzlichst, Ulli

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  4. …beim Blick nur auf das Formale: toll, restlos begeistert. Das Inhaltliche: ätzend und für meinen Bedarf nicht tauglich, die Realität hält genug davon parat. Ich wollte nicht die Kleinhöllen dieser Welt auch noch im Bild anschauenmüssen, wenn ich schon darin arbeite. Insofern widersprüchlich, aber das Inhaltliche gäbe den Ausschlag….

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    • gkazakou schreibt:

      so ungefähr dachte ich auch, Sabine. „zum Kotzen“,dachte ich, zumal ich zunächst glaubte, es mit einem Künstler (Mann) zu tun zu haben, der ein weiteres Mal die Frau zum Objekt macht. Als ich meinen Irrtum begriff, ging es mir freilich nicht besser mit der inhaltlichen Seite. Denn hier macht sich nun die Frau selbst zum Objekt – oder vielmehr, sie spiegelt den empfundenen, gelebten Objektcharakter wieder. Das schmerzt. Aber es ist ihr bewunderungswürdig gut gelungen.

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      • Ja, Du fasst es mit Deinen Worten gut zusammen, und es seltsam, wie etwas faszinierend und abstossend zugleich sein kann…(wobei für mich das Abstossende überwiegt). Andersherum könnte ein überzeugender Inhalt schlecht gemalt sein – wären wir da grosszügiger?

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    • gkazakou schreibt:

      ich weiß nicht, Sabine, wie du es sehen würdest, aber für mich ist ein schlecht oder kitschig gemalter guter Inhalt schlechte Malerei, und da bin ich nicht besonders gnädig. Es gibt sie in vielen Kirchen. Da allerdings urteile ich meistens gar nicht, denn es ist ja nicht für mich und meine ästhetischen Ansprüche dort, hat eine andere Funktion.

      Ich war mal in einer Greco-Ausstellung in Kreta, woher Domenicus Theotokopoulos genannt el Greco ja stammt, da gingen die Frauen aus den Dörfern hin, die dort abgebildeten Heiligen anzubeten und den in der Ferne gestorbenen Sohn der Insel zu ehren. Ich vermute, dass ihnen die Malerei selbst fremd oder zumindest gleichgültig war.

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  5. Ule Rolff schreibt:

    HUCH! Das erwischt mich jetzt kalt in lustvoller Plätzchenbackorgie! ☺ Ich empfinde nämlich das Zubereiten von Speisen als eine äußerst kreative Tätigkeit wie das Malen oder Plastizieren – und zugleich hat es eine kultische Dimension des Dankes an die Natur, die uns die Nahrungsmittel schenkt, die ich zu etwas Neuem verarbeiten darf. Wenn der Mann es übernimmt, anschließend die Küche aufzuräumen oder derweil die Böden im Haus wischt oder das Klo putzt, fühle ich mich eher privilegiert. So weit ein Blick auf meine Welt, in der ich über 40 Jahre lang berufstätig war (auch mit Freude, und selbstgewählt) und nur selten Zeit für den Haushalt hatte.
    Es gibt eine andere Frauenwelt, von der ich weiß, in der ich aber nie gelebt habe; da knüpfe ich an euer letztes PingPong an: mit 17 wusste ich schon, dass ich in jener weiblichen Abhängigkeit nie leben will – manchmal ist es auch ein Schutz, früh zu viel zu wissen.
    Diese andere Welt sehe ich in dieser starken, fantastischen Kunst von Georgia Fambris, bewundere die Kraft der Bilder, fühle das Grauen und die Leere eines solchen übervollen Lebens, merke, wie mich eine Übelkeit überkommt bei dem Bewusstsein, welchem Los ich entkommen bin – und stelle doch fest, dass mein Mitgefühl theoretisch bleibt: mein Leben finde ich in diesen Bildern eben nicht wieder. Dennoch halte ich diese Werke für wirklich große, ausdrucksmächtige, mutige Kunst und bin dir sehr dankbar, liebe Gerda, dass du uns diese zeigst. Auch werde ich gewiss meine Ausstellungsverzeichnisse daraufhin durchforsten, ob irgendwann in erreichbarer Nähe Arbeiten von Georgia Fambris gezeigt werden.

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Ule, für diesen Kommentar danke ich dir sehr, besonders auch für deine anerkennenden Worte über die Kunst der Georgia Fambris.
      Ja, Backen, Kochen, Plastizieren, Lieben (o dies erschreckende deutsche Wort „Geschlechtsverkehr“, alternativ: Liebe machen, Sex haben, es sich besorgen…), Kinder zur Welt bringen, wickeln und windeln, trösten, füttern, ja warum nicht auch die alten Eltern, die Vögel, den Hund … all das können wunderbar kreative Tätigkeiten sein. Warum dann der Hass, der in diesem Fall sehr nach Selbsthass schmeckt? Es ist wohl die empfundene Unfreiheit, die alle Lust ersterben lässt. „Das kann man von dir erwarten“.
      Glücklich, wer wie du (und ich) die freie Wahl sich nicht nehmen ließ und für sich eine gute Lösung fand!

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  6. Es wurde jetzt schon viel von dem gesagt, was ich ähnlich empfinde! Als überzeugte Singelfrau koche ich, wie mir der Sinn danach steht, mal mehr, mal weniger aufwendig! Ne, eigentlich gar nicht aufwendig! 😁

    So, was mir bei diesen Aussagekräftigen Werken sofort auffiehl, daß immer ein Bein in der Darstellung herausragte bzw. in einem Art Panzer gepackt ist.
    Hat diese Künstlerin eine Geh Behinderung? Um so mehr sind ihre Hausfrauentätigkeiten und ihr Alltagsleben als Ehefrau, Mutter usw. noch mehr belastend.
    Vielleicht liege ich ja auch total falsch! 🤔

    Aufjedenfall eine interessante Künstlerin mit faszinierenden Werken!

    Liebe Grüße Babsi

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    • gkazakou schreibt:

      danke, Babsi. ich weiß weiter nichts über die Künstlerin. das Bein fällt tatsächlich sehr auf, ich vermute allerdings, dass es eher aus symbolischen Gründen so im Vordergrund steht.

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  7. Chrinolo schreibt:

    Die Gefangene am Herd ist wirklich herausragend – tolle Zeichnung! Ihr Gesicht hat viel Ausdruck.
    Ich koche sehr gerne, wenn ich nicht muss 😉

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  8. Myriade schreibt:

    Künstlerisch sehr stark finde ich die Bilder auch nur sind es auch für mich die absoluten Horrorwelten, die dargestellt werden. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass Frauen heute nicht mehr so leben müssen, nur stimmt es leider nicht …..

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Myriade. Schlimm ist es für jeden Menschen, wenn er-sie ständig Dinge tun soll oder muss, die einen vom selbst gesetzten Lebenssinn abschneiden. Bei Frauen kommt hinzu, dass dieses Sollen und Müssen mit ihrer biologischen Veranlagung vorausgesetzt wird, auch wenn sich seelisch alles sträubt. Weil sie mehr Freiheit hatten, wollte ich als Mädchen ein Junge sein. In der heutigen Gender-Diskussion wird daraus leider oft der gefährliche Schluss gezogen, dass ein tatsächlicher Geschlechtswechsel hilft. Dabei geht es eigentlich um ein erweitertes Menschenverständnis, das sowohl für Männer als auch für Frauen befreiend wäre.

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  9. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Eine starke Malerin, eine, die zeigt, was geschieht, weiß, erkennt, eine, die anprangert und darstellt und sie macht es so eindrucksvoll in Farbe, aber eigentlich noch viel eindrucksvoller in scharz/weißen Zeichnungen, bei denen man nicht von der Farbe entzückt und leicht abgelenkt, wie *wundervoll* dargestellt* ruft, sondern weil man SIEHT, was man sieht und das eindrucksvollste von allen, die Frau, gefangen am/im Herd, während ER der im Monitor ist…, doch beileibe nicht gefangen (oder verstehe ich es falsch?)
    Ich sehe keinen wirklichen Hass, liebe Gerda, nur das Bedürfnis, aufzuzeigen, was Realität ist. Sie macht aufmerksam.
    Wie groß ist doch unsere Freiheit im Gegensatz zu der vieler anderer Frauen und vor allem in so vielen anderen Ländern. Stundenlang in der Küche zu stehen, wäre nicht mein Ding, aber da ich gerne gut esse, koche ich auch, denn ich bin es, die es ganz gerne macht und einigermaßen hinbekommt *g*, im Gegensatz zu ihm 🙂

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    • gkazakou schreibt:

      danke für deine feinen Worte, liebe Bruni. Ja, sie beschreibt, aber natürlich ist ihr Beschreiben nicht frei von Gefühlen…..Vielleicht ist esgar nicht ihre eigene Situation, die sie hier beschreibt, sondern das, was sie rundum bei anderen Frauen sieht. Sie selbst hat ja einen Ausweg in der Malerei gefunden.

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      • www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

        Da sind wir haargenau einer Meinung, liebe Gerda. So empfinde ich es auch, denn sie selbst befreit sich mit jedem Pinselstrich und keiner hindert sie.
        Was für ein Privileg, wenn ich vergangene Zeiten bedenke, wieviele Malerinnen, wirklich sehr gute, standen hinter ihren Männern zurück und blieben relativ unbekannt …im Gegensatz zu ihren Männern.

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, und meistens durften sie auch nur Landschaften und Blumen und hübsche Sächelchen malen. Es gab natürlich schon früh Ausnahmen und seit dem 1.Weltkrieg, der die größten Umbrüche brachte, hat sich für die Frauen so ziemlich alles verändert.

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