abc-etüde: Meine Vogelfluglinie. Ein autobiografischer Sachtext

Eine abc-etüde der anderen Art: Autobiografisch, Sachtext und zugleich ein Aufruf, sich für die Erhaltung der Vogelfluglinie einzusetzen. Link unten im Text.

Danken möchte ich wie immer Christiane für die Betreuung dieses schönen abc-Schreibprojekts, und diesmal Ulli für ihre Wörter, die bei mir so viele Erinnerungen wecken.

Vogelflug – das bedeutet für mich: Kindheit und Sehnsucht nach der Weite, der Ferne, dem Anderen, Fremden, dem noch nie Gesehenen.
Über meine Stadt zogen die Vogelschwärme. Mit ihren singenden Schwingen, ihrem aufgeregten Rufen eroberten sie mein Herz, das im selben Gesang und Rhythmus schwang. Reisen!

Mit den Fähren, die ab 1951 auf der Vogelfluglinie verkehrten, kamen auch die Autos, bis oben vollgepackte Buckelvolvos mit fremden Nummernschildern. Ach, wer mit ihnen reisen könnte! Wie eng und beschränkt war doch meine Heimatstadt.

Zu einem Fahrrad brachte ich es mit vierzehn. Das erweiterte den Spielraum. Ich konnte bis Plön und Eutin, ja auch bis Kiel und Lübeck radeln, ohne es groß zu merken. Mit 16 kam die Zeit des Trampens. Nein, ich war nicht ängstlich. Angst hatte ich mir verboten. Wer Angst hat, bleibt zuhause hocken.

1961 machte ich Abitur und heuerte beim Fährbetrieb der Vogelfluglinie an. Ich arbeitete an der Theke – reichte Platten mit Smörrebröds durch und schenkte den harten dänischen Schnaps in Gläser, die nebeneinander aufgereiht auf der Theke standen. Nicht zu viel, nicht zu wenig einschenken! Sonst meckerten entweder die Kellner oder du zahltest drauf.

Die Schiffe verkehrten zwischen Großenbrode und Gedser. Schau mal hier!  Hier kannst du die „Theodor Heuß“ im Eiswinter 1963 bewundern! Doch da studierte ich schon in Berlin und der Fährverkehr war nach Puttgarden auf Fehmarn weitergewandert. Die großen Fähren, in deren Bauch neben einem Haufen Pkws und Lastern zwei Züge passen, legen seither in Rødbyhavn an.

Bald soll es mit den Fähren ein Ende haben, lese ich mit Schrecken. Denn Großinvestoren kam eine Untertunnelung in den Sinn: Warum nicht den Ostseeboden durchbohren und husch! schon bist du auf der anderen Seite. Noch hoffe ich, dass die Menschen, die gegen diesen Wahnsinn kämpfen, das Vielmilliarden-Geschäft verhindern können. Auch du kannst dich gern dort engagieren!

300 Wörter

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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30 Antworten zu abc-etüde: Meine Vogelfluglinie. Ein autobiografischer Sachtext

  1. Myriade schreibt:

    Ich würde auch immer und überall eine Fähre einem Unterwassertunnel vorziehen …

    Gefällt 6 Personen

  2. Christiane schreibt:

    Sag mal, spinnen die? Wer muss denn da Geld verbraten – und wofür?
    Es gibt Sachen, die machen mich immer wieder fassungslos.
    Danke für die Sachetüde, liebe Gerda.
    Herzliche Grüße
    Christiane 😥👍

    Gefällt 5 Personen

  3. piri ulbrich schreibt:

    Was das mit den Wasserwesen macht, scheint die Planer nicht zu interessieren. Hauptsache schnell irgendwo ankommen. Ökologie geht anders.

    Gefällt 4 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Ja. es ist ein fürchterliches Großprojekt, das vor über zehn Jahren ausgeheckt wurde, vollkommen sinnlos und außerordentlich zerstörerisch für die Ostsee. Die Initiative ist sehr aktiv, versucht mit immer neuen Infos und Aktionen das Ding zu stoppen, aber es ist schwierig, denn es handet sich um viiiiel Geld. Wenn es dich interessiert, kannst du dich unter dem link informieren und die Petition an die Kieler Landesregierung unterschreiben.

      Gefällt 4 Personen

  4. Leinwandartistin schreibt:

    Oh, davon lese ich zum ersten Mal, und das mit Schrecken. Danke für den Hinweis und den Link. Ich lese immer gern noch ein wenig selbst zum Hintergrund, bevor ich etwas unterzeichne, aber auf den ersten Blick scheint dieses Projekt jeglichem „gesunden (Menschen?)Verstand“ zu widersprechen. Hallo Größenwahnsinn?

    Gefällt 4 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Es ist ein viel-Milliarden-Projekt (bisher ca 9), das sehr gefährlich für das feine ökologische Gleichgewicht der Ostsee ist , dazu auch ökonomisch sinnlos wie der Stuttgarter Bahnhof oder die endlose Geldversenkung im BER. Es stammt aus der Zeit, als solche großen Infrastrukturprojekte „in“ waren und die entsprechenden Kapazitäten aufgebaut wurden, die nun brachzuliegen drohen. In diesem Fall ist Dänemark besonders interessiert, weill es die Röhren baut.
      Du kannst alle Informationen einsehen und beurteilen, wenn du den link anklickst In der Folge siehst du dann auch Beiträge von Befürwortern und kannst dir eine Meinung bilden.

      Gefällt 4 Personen

  5. finbarsgift schreibt:

    Schön von dir was autobiografisches zu lesen …
    und… ich liebe deine Legebilder.
    Herzliche Grüße vom Lu

    Gefällt 5 Personen

  6. elsbeth weymann schreibt:

    Danke Gerda- für diesen besonderen Text von dir und deine so lebendigen, Heimweh machenden Zugvögel. …
    Ich hatte keine (!!) Ahnung von diesem WahnsinnWahnsinnsprojekt ,habe sofort unterschrieben und werde weiterleiten an Freunde.Danke für den Hinweis. !!!
    Es ist nicht zu fassen…mir fiel wieder dieser indianische Spruch ein:“Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, dass man Geld nicht essen kann“….

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, Elsbeth! Es ist wirklich erstaunlich, wie wenige Menschen in Deutschland von diesem Projekt wissen. Dabei ist es verheerend für die Ökologie der Ostsee und darüberhinaus Geldfresser. Diese vielen Milliarden könnten zB für Umweltprogramme genutzt werden . Da wäre dann keine CO2-Steuer, die wieder die weniger Begüterten trifft, erforderlich.

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  7. hummelweb schreibt:

    Danke für deine Etüde und den Hinweis auf diese Ungeheuerlichkeit! Unglaublich, was da passieren soll!

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Ich freu mich über deine Resonnanz. Die Projektplanung und der kampf dagegen sind schon viele Jahre alt, aber es scheint, in Deutschand hat man sich bisher wenig darum gekümmert. Ganz anders als beim Stuttgarter Bahnhof, der weit weniger katastrophal war….Ich finde das merkwürdig.

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  8. Anna-Lena schreibt:

    Danke für den Einblick in dein persönliches Leben und den Hinweis auf das Grauen. Auch ich habe davon nichts gewusst und werde unterschreiben.

    Gefällt 2 Personen

  9. elsbeth weymann schreibt:

    https://www.n-tv.de/wirtschaft/Riffe-koennten-Fehmarnbelt-Tunnel-verhindern-article21254395.html

    Möge die Natur stärker sein ! und die Protestbewegungen weiter wachsen wie bisher.. leider bleibt immer dies Gefühl der Ohnmacht gegenüber diesen Geldgiganten und ihrer skrupellosen Macht—-aber die Hoffnung stirbt zuletzt !
    .
    Wie auf deinem Legebild –die Vogelzüge haben begonnen.Die Kraniche fliegen über das Land — und rasten zu Zigtausenden in Linum an der Ostsee (Brandenburg) das übrigens auch eine Station auf dem Jakobs-Pilgerweg ist.
    Einen schönen Sonntag !!!..
    Elsbeth

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, Elsbeth,für deine so lebhafte Resonnanz! Ja, es gibt einige Hoffnung am Horizont, dass das Projekt zu Fall kommt. Wahrscheinlich gibt es juristische Probleme zu lösen, die Dänen pochen auf den abgeschlossenen Staatsvertrag. Die erwarteten Vorteile für die dänische Wirtschaft in Milliardenhöhe sind ja kein Pappenstiel und müssen irgendwie kompensiert werden.
      Wie schön die synchrone Vorstellung der wandernden Kraniche und der wandernden Pilger. Auch Schiller sah beide ja zusammen, in seinen Kranichen des ibikus. Damals waren es zum großen Korinther Fest pilgernde Sänger. Während sich so viel verändert hat seither: die Kraniche ziehen immer noch. Dies allein macht ihren Anblick so bewegend.

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  10. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, eine feine Sachetüde mit Links zur Vergangenheit und deinen persönlichen Erinnerungen und schönen Legebildern und dann kommt wieder einmal der Wahnsinn um die Ecke. Ich erinnere mich schon einmal eine Petition dagegen unterschrieben zu haben, aber nun bin ich auch deinem Link gefolgt und habe nochmals unterschrieben. Niemals würde ich durch solch einen Tunnel fahren wollen, auch nicht durch den Nordseetunnel nach England, die Vorstellung das gewaltige Meer über meinem Kopf zu haben, löst gleich klaustrophobische Gefühle aus. Davon abgesehen, kann ich solch ein Projekt nicht unterstützen, das wieder mehr zerstört als Gutes tut.
    liebe Sonntagmorgengrüße an dich,
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Ulli. Tunnel sind an sich schon nervend, und nun gar unter dem Meer! Nee, ist nix für mich. Erst wollten sie ja eine Brücke bauen – auch son Giga-Ding, auch nicht besser. Ich nehme an, für die Lastwagenfahrer ist es auch besser, sich ein bisschen auf einer Fähre auszuruhen, als ununterbrochen zu fahren und zu fahren, damit das Budget des Unternehmers stimmt.. Nun auch dir meine besten Wünsche für einen schönen Sonntag.

      Gefällt 2 Personen

  11. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Schön, alle diese Einzelheiten aus Deinem damals noch so jungen Leben zu lesen, liebe Gerda.
    Ein Tunnel unter der Ostsee? Unvorstellbar gruselig und für alle Meeresbewohner eine echte Katastrophe, die auf jeden Fall verhindert werden muß! Selbstverständlich werde ich unterschreiben!

    Gefällt 1 Person

  12. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 45.46.19 | Wortspende von „Meine literarische Visitenkarte“ | Irgendwas ist immer

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