Der geheimnisvolle Nachen (F. Nietzsche)

„Der geheimnisvolle Nachen“ ist der Titel eines Gedichts von Friedrich Nietzsche,das mir immer durch den Sinn geht – geheimisvoll, betörend, in der Stille und im Nichts endend. Meine Zeichnung ist keine Illustration des Gedichts. Und doch wirken die Zeilen stets untergründig mit, wenn ich, wie gestern, ein Boot, einen Kahn oder Nachen zeichne.

Der geheimnisvolle Nachen

Gestern nachts, als alles schlief,
Kaum der Wind mit ungewissen
Seufzern durch die Gassen lief,
Gab mir Ruhe nicht das Kissen,
Noch der Mohn, noch, was sonst tief
Schlafen macht, – ein gut Gewissen.

Endlich schlug ich mir den Schlaf
Aus dem Sinn und lief zum Strande.
Mondhell war’s und mild, – ich traf
Mann und Kahn auf warmem Sande,
Schläfrig beide, Hirt und Schaf: –
Schläfrig stieß der Kahn vom Lande.

Eine Stunde, leicht auch zwei,
Oder war’s ein Jahr? – da sanken
Plötzlich mir Sinn und Gedanken
In ein ew’ges Einerlei,
Und ein Abgrund ohne Schranken
Tat sich auf: – da war’s vorbei!

– Morgen kam: auf schwarzen Tiefen
Steht ein Kahn und ruht und ruht …
Was geschah? so rief’s, so riefen
Hundert bald: was gab es? Blut? – –
Nichts geschah! Wir schliefen, schliefen
Alle – – ach, so gut! so gut!

(Friedrich Nietzsche)

Ich habe die Zeichnung (Kohle auf grauem Karton, 70 x 100 cm) heute mehrfach mit Fotoshop-Filtern bearbeitet, in der Hoffnung, das Gemeinte dadurch deutlicher zu machen. Ein paar der Bearbeitungen sind hier zu sehen. Zum Vergrößern bitte anklicken.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Antworten zu Der geheimnisvolle Nachen (F. Nietzsche)

  1. kopfundgestalt schreibt:

    Jede einzelne Bearbeitung besonders, wie ich meine
    Die letzte vielleicht vorzuziehen, weil die Flucht besser gelungen scheint.Das Ungefähre, Unprognostizierbare kommt so besser zur Geltung wie in der Ausgangszeichnung.

    Gefällt 2 Personen

  2. wildgans schreibt:

    Boot, Kahn, Nachen, Schiffchen…
    Er ruderte mich auf dem Tiefen See am Kloster Maulbronn vor kurzem, unter herabhängenden Ästen hindurch…
    Deine Zeichnungen ….anmutend! Sie erinnern mich daran. Ein lebenswarmes Gefühl!
    Das Gedicht kann/will ich heute Nacht nicht beachten.
    Gute Nacht.

    Gefällt 1 Person

  3. wildgans schreibt:

    Entschuldige, Zeichnung, Singular!

    Gefällt 1 Person

  4. Ulli schreibt:

    Ich denke gerade an einen Absatz aus meiner Novelle: Die kleine, blaue Frau:

    „Die kleine blaue Frau wäscht ihr Kleid am Fluss, als ein leeres Boot an ihr vorübergleitet. Sie sieht keine Ruder, keine Frau und keinen Mann. Zarte Schleier umwehen das Boot. Die kleine blaue Frau hört einen leisen Gesang, schwimmt zum Boot und nimmt es an die Leine, sie zieht es bis zum Strand. Dort setzt sie sich hinein.
    Die Sonne geht unter, die Sonne geht auf, die Sonne geht wieder unter. Die kleine blaue Frau sitzt in dem ruderlosen Boot und lauscht seinem leisen Gesang. Sie lernt die Totenlieder. Die Sonne geht auf. Jetzt erhebt sich die kleine blaue Frau, sie trägt die Lieder zur Alten mit dem erdigen Gesicht. Die nimmt die Lieder in ihr Herz, dann lässt sie sie wieder frei. Da wird es still. Zarte Schleier wehen ins Blau des Morgenhimmels.“

    Herzengsgrüße an dich und Dank für das Gedicht und die Bilder, liebe Gerda,
    Ulli

    Gefällt 1 Person

  5. www.wortbehagen.de schreibt:

    Was für ein wunderbares Gedicht, von Geheimnis umweht, liebe Gerda, und ich sinke hinein …

    Von allen Deinen Bearbeitungen spricht die kleine rechts oben mit mir
    und erzählt von einem winzigen Boot auf stürmender See.

    Tiefschwarz
    ist die Nacht
    Ob die übellaunige See
    ein Einsehen hat,
    weiß nur sie
    sonst keiner

    Vielleicht noch
    der Mond, der bisher
    hinter den Wolken ruhte,
    bis er sie unwirsch
    zur Seite schob und

    dem kleinen gebeutelten Boot
    doch noch zu Hilfe eilte …

    (Doch wo verbirgt es sich nun?
    Vielleicht in den tiefen lyrischen Schatten)

    Liebe lächelnde Sonntagsgrüße von Bruni

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      wunderbar deine lyrische Antwort, liebe Bruni! deins und Ullis sind Bildvorgaben für weitere Bootsbilder, die zu malen wären! Einen wunderschönen Sonntag wünsche ich dir. Unser Sonntag hier lacht aus allen Knopflöchern.

      Gefällt mir

  6. www.wortbehagen.de schreibt:

    HUCH, tiefe lyrische Schatten sollten es sein …

    Gefällt 1 Person

  7. PPawlo schreibt:

    Im letzten Bild klappt das „Weißeln“ der Flächen doch prima. Geht das nicht auch so bei den Zeichnungen „was willst du mal werden?“

    Gefällt 1 Person

  8. Pingback: Boot und Fährfrau |

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