Poseidonisches

Das gestrige Bild zeigte die Wirkung des Seismos (Erdbeben). Ich habe es heute überarbeitet und es nun dem „Erderschütterer“ Poseidon gewidmet. Er ist ein älterer Bruder von Zeus, herrscht über die Meere und lässt, wenn er wütend ist, die Erde beben.

Poseidon, der Erderschütterer

Meine Überarbeitung ist die bildnerische Fortsetzung der Passage aus der „Klassischen Walpurgisnacht“ (Faust II), aus der ich gestern zitierte. Es ist eine wüste Anfangswelt, die Goethe uns zeigt und durch die seine Helden Faust und Mephistopheles ihren Weg bahnen. Eben ist ein neuer Berg entstanden – eine gute Gelegenheit für die beiden Philosophen Thales* und Anaxagoras*, sich über das „erste Prinzip“ der Weltentstehung zu streiten.** Ist es das Poseidonische (Neptunische) oder das Vulkanische (Plutonische) , das Wasser oder das Feuer?

Anaxagoras (zu Thales).
Dein starrer Sinn will sich nicht beugen,
Bedarf es weit’res dich zu überzeugen?

Thales.
Die Welle beugt sich jedem Winde gern,
Doch hält sie sich vom schroffen Felsen fern.

Anaxagoras.
Durch Feuerdunst ist dieser Fels zu Handen.

Thales.
Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.

Anaxagoras.
Hast du, o Thales, je, in Einer Nacht,
Solch einen Berg aus Schlamm hervorgebracht?

Thales.
Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen
Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.
Sie bildet regelnd jegliche Gestalt,
Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.

Anaxagoras.
Hier aber war’s! Plutonisch grimmig Feuer,
Aeolischer Dünste Knallkraft, ungeheuer,
Durchbrach des flachen Bodens alte Kruste
Daß neu ein Berg sogleich entstehen mußte.

Thales.
Was wird dadurch nun weiter fortgesetzt?
Er ist auch da, und das ist gut zuletzt.
Mit solchem Streit verliert man Zeit und Weile
Und führt doch nur geduldig Volk am Seile.

 

 


 

*Thales (6. Jh vor Chr) vermutete als „erste Ursache“ das Wasser, Anaxagoras (5. Jh vor Chr) das feurige Element oder auch den Geist. Jedenfalls nimmt man das an, denn das wenige, was uns von den beiden Philosophen überliefert ist, stammt von Aristoteles.

**Zu Goethes Zeit tobte ein heftiger Streit unter den Gelehrten,  welches die treibenden Kräfte bei der Bildung der Erdoberfläche gewesen seien: die vulkanischen oder die neptunischen. (Der römische Gott Neptun entspricht ungefähr dem griechischen Poseidon). Goethe war an dem Thema sehr interessiert, und so lässt er in Faust II, in der „Klassischen Walpurgisnacht“ die beiden antiken Natur-Philosophen auftreten.

Es scheint mir, dass Goethe dem Thales mehr Sympathie entgegenbrachte, denn er hasste die Vorstellung abrupter Entwicklungen und Brüche.  Ein wenig macht sich Goethe hier wohl auch lustig über die hitzköpfigen Gelehrten seiner Zeit.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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12 Antworten zu Poseidonisches

  1. kunstschaffende schreibt:

    Poseidon, der Erderschütterer. Könnte man auch sagen, Poseidon der Vater des Erdbeben? Dein Werk stellt das Chaos, wenn die Erde bebt kraftvoll dar!
    Ein Erdbeben löst einen Tsunami aus, so spielen die Kräfte dann doch zusammen.
    Neptun und Poseidon bildeten eigentlich eine Synthese. Das Zwiegespräch zwischen Anaxagoras und Thales würde sich so gesehen eigentlich relativieren. Somit hätte keiner recht! Sorry, alles Ratsch, die ungebildete Babsi erzählt nur Quatsch!🙊😜

    Nächtliche Grüße zu Dir liebste Gerda

    Babsi

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Neptun ist der römische Name für Poseidon, sie sind im Prinzip derselbe Gott (des Meeres). Er war einer der drei Großen: Zeus für Himmel und Wetter, Poseidon fürs Meer und Hades für das Totenreich. Die Griechen gaben ihm den Beinamen „Erderschütterer“, vielleicht in Erinnerung an die Katastrophen, die die kykladische Kultur von Thera (Santorin) und die Minoische Kultur in Kreta auslöschten: Vulkanausbruch, Erdbeben und Tsounami.

      Gefällt 1 Person

  2. Gerhard schreibt:

    „Zu Goethes Zeit tobte ein heftiger Streit unter den Gelehrten, welches die treibenden Kräfte bei der Bildung der Erdoberfläche gewesen seien“.
    Ist das wirklich so gewesen?
    Wissenschaft ist ja schon lange unterwegs, vielleicht 400 Jahre. Einige Sparten nahmen ihre Fahrt allerdings recht spät auf, das stimmt. So ist die Geburt der Psychoanalyse etwa 1775 anzusetzen. Physik und Kosmologie war da viel eher dran.
    In der Geologie weiß ich es nicht. Vielleicht hinkte die auch nach?!
    Immerhin bedurfte es eines Einstein, der Anfang des 20. Jahrhunderts die Existenz von Atomen erstmals bewies. Manches brauchte erheblich Zeit.
    Stimmt es wirklich, daß Aristoteles und Platon der Atomtheorie durch Nichtbeachtung den Todesstoß versetzten? Unlängst fand ich eine kleine Abhandlung, in der sich Aristoteles darüber immerhin auslies, wenn auch eher ablehnend.

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  3. gkazakou schreibt:

    Zum ersten Absatz: Stimmt, was nicht heißt, dass die Fragen erstmals aufkamen. Zum übrigen: da bin ich überfragt. Liebe Grüße!

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  4. kopfundgestalt schreibt:

    Man muß meine Kommentare richtig verstehen.
    Ich mag Mystik, mag Mythen, Schamanismus sogar. Bin aber auch ein Freund der Wissenschaften.
    Dieses Gemenge an Interessen hatte mir auf manchem Wissenschaftsblog oder spirituellen Blog ein klein wenig Ärger eingebracht 🙂

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  5. wildgans schreibt:

    Was für mich heraussticht: Im Feuchten ist Lebendiges erstanden.
    Und dein Bild dazu – und es riecht moosig, erdig, fruchtbar – und ich verspeise fettrote Kirschen von einer fruchtbaren Stelle der Erdoberfläche und denke darüber nach, wie dein Leben dort in Meeresnähe wohl aussieht!

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    • gkazakou schreibt:

      Danke liebe Frau Wildgans! Das Meer ist hier doch sehr anders als im Norden, es gibt eine klare Trennung zwischen dem heißen harten Felsen und dem kühlenden salzigen Wasser. Auch ist die Atmosphäre kaum getrübt, trocken, klar, von Zikadenmusik belebt. Die Wildkräuter der Macchia geben ihre ätherischen Öle dazu. Das ist alles köstlich – nur für einen nördlichen Menschen nicht immer leicht anzunehmen.

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  6. www.wortbehagen.de schreibt:

    Kraftvoll ist das Geschehen wenn Götter wirken
    Du hast es in kräftigen, starken Formen eingefangen und wenn ich das Streitgespräch der beiden alten Philosophen lese, dann kann ich nicht wirklich erkennen, wo weniger Kräfte wirken

    Goethes Worte, die er vor allem auch Thales sprechen läßt

    *Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen
    Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen.*

    sind so umfassend gut und beeindruckend, daß mich alles mitreißt, was ich hier lese.
    Du meinst, Thales hätte er den Vorzug gegeben?

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  7. gkazakou schreibt:

    Ja, Bruni, oder jedenfalls dem Prinzip des langsamen Wandels. Danke dir für deine Worte.

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  8. juergenkuester schreibt:

    Wirklich interessant und mehr als informativ, Danke!

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