abc-etüden mit Paradeisern. „Herr Wesentlichster und seine Kinkerlitzchen“

Eine tomatenrote Schreibeinladung, wer kann da widerstehen?


Danke Christiane, danke lz textstaub, danke lieber Pinselfisch

Die Wörter sind ja diesmal aus der Peripherie des deutschen Sprachraums – hallo Wien, nicht böse sein! – und deshalb besonders pikant. Man kann sich leicht den Mund verbrennen an ihnen. Ich habe sie erst mal vorsichtig beäugt und ein kleines Histörchen drum gebastelt. Gebastelt ist auch das Bild: Ein Ausschnitt aus einem größeren, mithilfe von Photoshop hab ich es ein bisschen angepasst an die Bedürfnisse der Etüde.

Herr Wesentlichster und seine Kinkerlitzchen

Der stattliche Herr Wesentlichster  ging mit seinen Kinderchen, den Kinkerlitzchen,  auf den Markt.

Ein Stand mit strammen roten Tomaten erregte sein Interesse. Und wieviel sollen sie denn wohl kosten, im Kilo? fragte er den Mann hinter dem Stand. Der war ein echter Schlawiener, also ein solcher Bewohner der schönen Stadt Wien, der seine Ware gern durch Anpreisung von schönen Nebensächlichkeiten anreicherte. Die Paradeiser? Nun, sie sind sehr schön, nicht wahr? Er rühmte die runde Form, und meinte: ein Schilling fünfzig. Er rühmte den feinen Duft, und schon wars ein Schilling achtzig. Er rühmte die feste Haut, da war er bei einem Schilling neunzig angelangt, er lobte die Erntefrische und erreichte glatt zwei Schilling und zehn. Halt halt, rief Herr Wesentlichster, behalt du deine Rundungen und deine Haut, dein Erntefrisch und deinen Duft, ich nehm die Tomaten pur für einen Schilling zwanzig. 

Kaum hörten sie den Papa, fingen seine Kinderchen, die Kinkerlitzchen, an zu betteln und zu bitten und zu quengeln und zu quäken.  Die Älteste, schon zehn, hatte es auf die schöne runde Form  abgesehen, die zweite liebte den feinen Duft, die dritte die glatte rote Haut, und die Kleinste rief: Erntefrisch, Papa, ich will das Erntefrisch! Was sollte der arme Herr Wesentlichster tun?  Er kaufte die Paradeiser mit allem Drum und Dran für zwei Schilling fünfzig und zog mit seinen vier Kinkerlitzchen von dannen. Jeder trug das seine: Herr Wesentlichster trug die Tomaten in einer Tüte, die Älteste stolzierte rund und wohl geformt hinter ihm her,  die zweite duftete verführerisch, die dritte hatte glatte rote Bäckchen, dass es eine Freude war, und die Kleinste hüpfte und jubilierte in einem fort: Erntefrisch, ich bin die Dame Erntefrisch!

Was soll man dazu sagen? Zweifünfzig ist nicht zuviel für soviel Freud.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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28 Antworten zu abc-etüden mit Paradeisern. „Herr Wesentlichster und seine Kinkerlitzchen“

  1. Ulli schreibt:

    Du bist und bleibst ne Wucht, liebe Gerda, Geschichtenerzählerin und Bildgestalterin!

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  2. Mein Name sei MAMA schreibt:

    Hihi, die Kinkerlitzchen-Kinder – das finde ich einmal originell, genauso wie die Geschichte 🙂
    Lieber Gruß aus „Fast-Wien“ 😉

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  3. Myriade schreibt:

    An der Peripherie zu sein ist doch keine Beleidigung, im Gegenteil, das heißt, dass man auch mit benachbarten Kulturräumen in Kontakt ist; was für Ost-Österreich unbedingt zutrifft. Die umgebenden slawischen Länder und Ungarn hatten auf unsere Kultur im allgemeinen und auf die Sprache im besonderen sehr großen Einfluss.

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    • gkazakou schreibt:

      Aber klar doch, Wien stand und steht nun auch wieder in enger Kommunikation mit den Ländern der ehemaligen kukMonarchie. Die Ausbeute an Wörtern ist groß und bunt, u.a. gehört dazu eben auch Schlawiner, der die Slawen, Juden, Zigeuner und andere Mischpoke aus dem Osten bezeichnete, die mit Kleinkram handelten (Hausierer) und denen man nicht so recht über den Weg traute.

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  4. chris schreibt:

    Kinkerlitzchen und Schlawiner befinden sich durchaus in meinem Sprachgebrauch. Paradeiser kennen wir auch – das sind diese roten Früchte eines Nachtschattengewächses….gut, wir nennen sie hier Tomaten. 😉

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    • gkazakou schreibt:

      So geht es mir auch. Kinkerlitzchen ist ne Verballhornung aus dem Französischen, und meint die Eisenwaren, mit denen die Kleinhändler über Land zogen. Schlawiner sind ebenfalls Hausierer, aber aus dem Osten (Slowaken, Slowenen, Juden, Zigeuner). Da diese Berufsgruppe bei den Bürgern schlecht beleumundet war, haben sie eine pejorative Bedeutung angenommen. Paradeiser kannte ich nicht, habe nachgelesen, dass es diesen Ausdruck bis nach Russland hinein gibt.

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        Herr Wesentlicher und seine unverzichtbaren Kinkerlitzchen! Wie wundervoll, liebe Gerda

        Eine Geschichte, so ganz nach meinem Herzen und so wohlgefüllt mit wohlgerundem Erntefrischem und ich vestehe sie voll und ganz, die preislichen Erhöhungen, durch all die feinen *zusätzlichen* Wohltaten des waschechten Schlawieners an seinem paradiesischen Marktstand, der nur auf dem wunderschönen Naschmarkt gestanden haben kann 🙂

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        Kinkerlitzchen und Schlawiner kannte ich gut. Vom Paradeiser hatte ich zwar schon gehört, aber er gehörte nicht zu meinen saarländischen Wurzeln, die sich inzwischen schon so lange in bergsträßische gewandelt haben *g*

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      • chris schreibt:

        In Hessen haben sich viele Begriffe aus dem Französischen eingedeutscht durch die Hugenotten, was man ja auch an etlichen Namen bis heute sieht. Aus dem Jüdischen gibt es so manche Begriffe im Deutschen, das ist den Menschen heute gar nicht mehr so bewusst…

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    • gkazakou schreibt:

      danke, liebe Bruni, für dein verständnisvolles Lächeln. Naschmarkt in Wien?

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        oh ja, ich habe ihn in wunderschöner Erinnerung, schon allein wegen seines schönen Namens, liebe Gerda

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    • gkazakou schreibt:

      Stimmt, Chris, die deutsche Sprache ist voll von solchen Wörtern. Mischpoke ist zB ein ehemals jüdisches Wort (Familie, Sippe), das übers Rotwelsch ins Deutsche geraten ist. Die Wörter, die aus dem Franzöischen entliehen wurden, sind meistens wertneutral oder sogar positiv. Wörter aus dem Jiddischen (Schlammassel, meschugge, mauscheln, abzocken, Kassiber….) haben eher negative Konotationen. Im Griechischen sind es die zahlreichen aus dem Türkischen entliehenen Wörter, die diese Funktion erfüllen. Das sagt natürlich etwas über die Beziehungen zwischen den Volksgruppen aus, die in einem Gebiet leben….

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      • chris schreibt:

        Das Französische hatte früher in den adeligen Kreisen eine sehr wichtige Funktion – daher ist es positiver besetzt, obwohl sich Deutschland und Frankreich nicht immer grün waren… 😉

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    • gkazakou schreibt:

      So ist es, lieber Chris. Auch die Bürgerlichen fanden das Französische chic. Meine Oma kannte so Verse wie Voulez vouz vouz promener dans la große Baumallee? Non, Monsieur, das kann nicht etre, meine mere steht am fenetre.;)

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  5. rina.p schreibt:

    Richtig zum Schmunzeln. Wirklich witzig. Und so gut umsetzbar in die Realität. Dieser Wiener – Schla-Wiener hihih..

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  6. Christiane schreibt:

    Liebe Gerda, jetzt war ich fast vier Tage nicht online. Wenn du als Autorin dich nicht darum kümmerst, deine Texte zentral bei der Schreibeinladung zu verlinken (der Ping ist NICHT da, weiß der Himmel, warum), und ich dich nicht sowieso lesen würde, wäre mir dein Beitrag entgangen. Nun sind meine Befindlichkeiten wirklich nicht das Maß der Dinge, aber für mein Projekt, das ich liebe und hege und pflege, und für Jule, die Wortspenderin, die nicht aus unserm Kreis stammt, fände ich es schade. Würdest du also bitte *lufthol* einen Kommentar mit einem Link zu deiner Etüde bei der Schreibeinladung hinterlassen?
    Ich würde es sosososososo bedauerlich finden, wenn sie verlorenginge!
    Liebe Grüße
    Christiane

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  7. gkazakou schreibt:

    Liebe Christiane! Ich hab oben beim Dankeschön unter dem Bild den Link eingefügt und dachte, der erscheint dann auch bei dir. Ich machs sobald ich am Computer sitze, noch mal, hoffentlich diesmal richtig. (Dies schreib ich am Handy)

    Liken

    • Christiane schreibt:

      Liebe Gerda, das ist ja der Mist. Ja, du hast es gut gemacht, aber die Pings (dass dein Link dann automatisch bei mir erscheint), funktionieren manchmal und manchmal nicht; manchmal kann man herausfinden, warum es nicht klappt, oft nicht. Deshalb ist es besser, wenn die Etüden-Autoren sicherheitshalber auch noch mal kommentieren und ihren Link zur Etüde dalassen, damit nichts verloren geht.
      Entschuldige bitte, falls ich zu ruppig rüberkam (wenn ich das so lese, denke ich, ich hätte sanfter sein können), es war in keiner Weise so gemeint.
      Liebe Grüße
      Christiane

      Gefällt 1 Person

  8. Anna-Lena schreibt:

    Sehr schön umgesetzt, liebe Gerda, ich bin begeistert 🙂 .
    Herzlich,
    Anna-Lena

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