Schwanenwege. Harald scheut Kosten. Ein Beitrag zum Thema „Plauderstündchen“ des Mitmachblogs.

Ich wollte gern meine Gewohnheit beibehalten, zu den Themen des Mitmachsblogs etwas zu veröffentlichen. Doch Neues mag ich grad nicht schreiben. Also suchte ich einen passenden Abschnitt in meinem uferlosen, aber hoffentlich nicht langatmigen Romanfragment (hallo, dies sind die Wörter vom Textstaub-Projekt abc-etüden!) und entschloss mich zum folgenden.

Wir befinden uns in Genua, denn da liegt der jüngste Bruder Swen schwer verletzt und unansprechbar im Krankenhaus – abgestürzt mit einem Privatflugzeug. Harald, den ihr schon kennt, und seine Schwester Gise sind gekommen, um Swen beizustehen. Abgestiegen sind sie in einer Pension, in die sie ein Herr Mercurio C Pontevecchio  zu nächtlicher Stunde geführt hat. (Mercurio ist eine aktualisierte Fassung des Gottes Merkur oder Hermes, der als Händler, Dieb und Seelenführer bekannt ist, aber psst! Den Protagonisten des Romans schwant noch nichts!). Die Pension wird von einer Dame namens Proserpina geführt –  Unterwelt vom Besten, sozusagen.

Ich möchte noch betonen, dass dies kein Reiseführer ist. Versucht nicht, mit Google Earth Haralds Wege zu rekonstruieren.  Ihr würdet an meiner Glauwürdigkeit irre werden.  „Genua“ ist ein Ort meiner Fantasie, genauso wie die Personen dieses Romans der Fantasie entsprungen sind.

 

Harald scheut Kosten

Harald fand mühelos den Verwaltungstrakt der Klinik und stand Punkt sieben im Büro der Rechnungsabteilung. Man händigte ihm einen Computerausdruck mit den bisher aufgelaufenen Kosten aus und verlangte einen Vorschuss für die Operation und die Extrakosten, die durch Swens Verlegung in die erste Klasse samt Einzelpflege anfallen würden. Harald überflog die Rechnung und starrte schließlich auf die vorläufige Endsumme. Vorläufige! Das war ja – ihm wurde beinahe schlecht. Wer hatte überhaupt die erste Klasse und den Pflegedienst angeordnet? Gise natürlich, wer sonst! War sie denn total übergeschnappt? Wer sollte das bezahlen? Er jedenfalls nicht. Sein Gehalt reichte gerade für die Miete, für das Auto und die laufenden Ausgaben, sowie für zweimal Urlaub im Jahr. Die paar Ersparnisse brauchte er für eigene Notlagen. ‘Wenn Swen nicht irgendwo versichert ist oder Geld zurückgelegt hat, müssen wir Haus und Hof verkaufen’, dachte er empört und begann, über den Vorschuss zu verhandeln. Als sie sich schließlich einigten und er seine Kreditkarte zückte, fiel sein Blick auf den Siegelring mit dem Schwanenwappen, und sein Magen zog sich ängstlich zusammen.
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Harald sah auf die Uhr. Bis zehn hatte er eine Menge Zeit. Ein Bummel zum Hafen? Vielleicht servierten sie Frühstück auf einem der Boote? Er kannte das aus Hamburg, es gefiel ihm, seinen Kaffee an der Binnenalster zu trinken und den Schwänen, Enten und anderen Wasservögeln Brocken zuzuwerfen. Es würde seine strapazierten Nerven beruhigen.
Was von oben so einladend ausgesehen hatte, war bei näherem Hinsehen dann doch etwas enttäuschend. Die Straßen waren ziemlich heruntergekommen. Es wimmelte von Menschen aus aller Herren Länder, die irgendwelche Dinge verkaufen wollten oder einfach nur herumstanden. Manchmal wurde es richtig eng. Schließlich fand er einen Durchgang zum alten Hafen, aber die wenigen Schiffe mit Restaurationsbetrieb waren an diesem frühen Morgen geschlossen. …
Er verließ den Hafen und bog in eine Fußgängerzone ein. Hier drängten sich kleine Geschäfte, Souvenirläden vor allem und Cafés mit hochglanzpolierten Regalen, Spiegeln, Gläsern und Espressomaschinen. Nicht übel. In einem Café fand er einen Tisch, von dem aus er das Treiben auf der Straße bequem überblicken konnte. Bei der hübschen Bedienung bestellte er einen Milchkaffee und ein Croissant. In einer verspiegelten Säule sah er sich selbst: hager, mit elegantem Raubvogelprofil, das eine Bein über das andere geschlagen. Er war zufrieden mit sich und lächelte der jungen Frau zu, die ihm das Bestellte brachte. Sie lächelte zurück und eilte, ihren hübschen Po unter dem knappen schwarzen Rock schwenkend, zur Theke zurück. ‘Nicht übel’, dachte Harald zum zweiten Mal innerhalb von wenigen Minuten und tauchte das Croissant genüsslich in den Kaffee.

Viel gab es zu sehen auf dem Stück Straße: Junge Mütter zogen ihre frisch gewaschenen Kinder hinter sich her; Ladenbesitzer schoben schwere eiserne Rouleaus hoch und öffneten die dunklen Schluchten ihrer Geschäfte; ein dunkelhäutiger Händler gegenüber hängte zwei Käfige mit Papageien heraus und begann, seine bunte Ware auf hölzernen Bänken auszulegen. ‘Nicht übel’, befand Harald nun zum dritten Mal an diesem Morgen.

Ganz nebenbei und wie zur Bestätigung warf er noch einen Blick auf sein Profil im Spiegel – und schrak zusammen. Genau hinter ihm stand Herr Mercurio D. Pontevecchio und grinste ihm zu. Und schon begann sein unaufhaltsames Geschwätz über ihn hereinzubrechen: „Guten Morgen, verehrtester Harald! Welch glücklicher Zufall! Gestatten Sie, dass ich mich zu Ihnen setze? Sie trinken Milchkaffee? Eine gesunde Gewohnheit, fürwahr. Ich für meinen Teil ziehe etwas Stärkenderes vor. Ein doppelter Espresso für mich, liebste Marilena!“. Und Marilena, die aparte Serviererin, brachte ihm seinen Espresso samt Wasser und einen Teller mit glasiertem Süßgebäck, denn sie kannte offenbar Herrn Mercurios Geschmack. „Hat sie nicht einen reizenden Po, die kleine Marilena? Und wie nett die weißen Schleifen sich auf dem schwarzen Röckchen machen! Ohne das Röckchen wär der Anblick freilich noch erfreulicher, nicht wahr, Verehrtester? Sie stimmen mir zu, sehe ich? Wie recht Sie haben, es geht doch nichts über zwei süße Bäckchen in zarter Spitzen-Umkleidung.“ Und er ergriff mit seinen dicklichen Fingern ein rosa glasiertes Küchelchen, das appetitlich in weißem Spitzenpapier ruhte, und biss andächtig hinein. Es knackte leise zwischen seinen Zähnen, sprang auf und zeigte sein weißes schaumiges Inneres, das nun mit spitzer Zunge und genussvollem Schmatzen verzehrt wurde.
Harald schaute angestrengt in Richtung Straße. Woher wusste dieser windige Typ, was ihm durch den Kopf gegangen war? Harald schielte wieder hinüber, erbost und angewidert. Wie der Kerl seinen Mund spitzte, wie er seinen kleinen Finger abspreizte und den schweren Ring funkeln ließ, es war lächerlich, es war direkt zum Ekeln.
Als ob Herr Mercurio auch diese Gedanken aufgefangen hätte, flötete er gutgelaunt: „Ich sehe, ich bin Ihnen lästig, Verehrtester. Ich gehe schon, ich bin schon fort. Lassen Sie mich nur gerade noch dieses süße Sächelchen hier verspeisen und diese Tasse leeren, und Sie können sich wieder ungestört Ihren Gedanken hingeben! Mich rufen ohnehin andere Geschäfte. So seien Sie gegrüßt und grüßen Sie ihre liebreizende Schwester von mir“, und weg war er, untergetaucht im Gewühl der Straße.
Die vorige zufriedene Stimmung wollte sich nicht wieder einstellen, und Harald rief die Bedienung, diesmal ohne Lächeln, und verlangte zu zahlen. „Un café au lait un espresso un croissant des biscuits fait huit euro soissante”, sagte sie in recht flüssigem Französisch. Aha, auch den Kaffee und Kuchen des sauberen Herrn sollte er bezahlen! und er griff nach seiner Brieftasche. Doch da war nichts. Keine Brieftasche. Sie war weg. Futsch. Geklaut. Was war er doch für ein blöder Idiot. In Italien, in Genua in engen Hafengassen herumzulaufen und sich nichts dabei zu denken. Seine Kreditkarten, sein Pass, sein Führerschein – weg. Es war die perfekte Katastrophe. …

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Antworten zu Schwanenwege. Harald scheut Kosten. Ein Beitrag zum Thema „Plauderstündchen“ des Mitmachblogs.

  1. gkazakou schreibt:

    Hat dies auf MitmachBlog rebloggt.

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  2. kunstschaffende schreibt:

    Wieder ein spannender Abschnitt liebe Gerda! Und wieder gehe ich mit Gedanken an Harald ins Bett, ohne zu wissen wie’s weiter geht. Das ist Folter!😟

    😊 Guts Nächtle

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  3. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, mir gefällt sehr, wie du diesen Herrn Mercurio D. Pontevecchio zeichnest, was für ein Unsympath! Und natürlich denke ich sofort an ihn als Taschendieb…
    Mir gefällt auch wie du den männlichen Blick annimmst, diesen lüsternen, der mich schon aus so manchem Café oder Schwimmbad getrieben hat…
    Sonnige Grüsse sende ich dir
    Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      Nun, der Herr Merkurios ist quasi ein vergröbernder Projektions-Spiegel. Er macht versteckte Gelüste hör- und sichtbar. Eine äuseest interessante recht undurchsichtige Persönlichkeit. Ein Gott eben. .

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    • gkazakou schreibt:

      das sage ich in der Einleitung zu diesem Beitrag. Mercurio ist eine latinisierte Form von Merkur bzw Hermes. Ob das D in seinem Namen Deus=Gott oder D=Dämon bedeutet, will ich nicht entscheiden…..

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      • Ulli schreibt:

        So, ich dachte es mir schon, aber ist denn Mercurius so einer, ich empfinde ihn vollkommen anders. Da seufze ich wieder, ich hatte ihm so ein feines Kapitel in meinem Gamuppelbuch gewidmet, leider wurde es fast ganz gestrichen, er hatte dann einen Auftritt bei Frau Luna, sodass ich wenigstens noch ein gaaanz kleines bisschen hinüberretten konnte- heute … würde ich das nicht mehr zulassen!

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  4. gkazakou schreibt:

    ich beanspruche nicht, dass mein Herr Mercurio der wahre ist…. 😉

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