Montag ist Fototermin: Die achtziger Jahre in Griechenland.

Ich war gestern in einer Ausstellung im Gazi – das ist die alte Gasfabrik Athens, die zu einem weitläufigen Ausstellungsgelände umgestaltet wurde und jetzt Technopolis heißt. Das Thema – „die achtziger Jahre“ – hatte viele Athener jeden Alters angelockt. Viele kamen mit Kindern, wohl um dem Nachwuchs zu zeigen, wie man selbst gelebt hatte.

Aber war es tatsächlich nur der bescheidene Wohlstand – ein Telefon, ein Transistorradio, eine Vespa, ein Faxgerät am Arbeitsplatz und eine Trockenhaube für den Friseurladen – , der die Griechen nach langer Zeit des Darbens und der Arbeitsemigration an ein kleines Glück für die kleinen Leute glauben ließ – damals, in den gloriosen Zeiten des Pasok – der Panhellenischen Sozialistischen Bewegung des Andreas Papandreou? Sicher nicht. Auf kleinen Plakaten und in Zeitungsausschnitten wird man erinnert an die Veränderungen im Familienrecht, an Gleichstellungsgesetze, Arbeits- und Streikrechte, an Zugang zum staatlichen Krankenhauswesen für alle, an automatische inflationsbereinigte Lohnanpassung, an Renten für Widerstandskämpfer, an eine neue internationale Rolle im Rahmen der Blockfreien, an Herabsetzung des Wahlalters und -zig andere Reformen, die das Lebensgefühl der Menschen stark veränderte.

Dass die kleinen Freuden des kleinen Mannes mit einem immerfort wachsenden Schuldenberg finanziert wurden und dass das dicke Geld ganz woanders hinwanderte, das kann man freilich auch lesen. Da sind einerseits die bunten Wahlplakate,

andererseits die Meldungen über die Verstaatlichung und anschließende Abwicklung fast der gesamten Schwerindustrie Griechenlands, die Berichte über den „Kauf des Jahrhunderts“ – ein riesiges Waffenbeschaffungsprogramm, das die staatlichen Schulden rasant wachsen ließ und zugleich die Taschen so mancher Mittelsmänner füllten -, die Manipulationen des Bankenwesens und der Presse, erinnert als „Koskotas-Skandal“, ein sich ständig beschleunigender Kauf- und Partyrausch derjenigen, die sich ein großes Stück vom Kuchen abschneiden konnten …, so dass Karamanlis Griechenland ein „grenzenloses Irrenhaus“ nannte – linkes Bild -. Rechts eine Meldung zum „Kauf des Jahrhunderts und den Kosten für die Mittelsmänner“ unter dem Titel „Historische Lüge von Andreas“- gemeint ist A. Papandreou.

1981 war Griechenland – noch unter dem konservativen Ministerpräsidenten Konstantinos Karamanlis – Mitglied der EU geworden. Im selben Jahr übernahm die Pasok, die gegen EU und NATO gewettert hatte, die Regierungsgeschäfte.  Plötzlich war Geld da, sehr viel Geld. EU-Geld. Warum arbeiten, wenn man viel mehr durch Subventionen und billige Kredite erreichen kann? fragten sich nicht nur die Bauern. An die Stelle der heimischen Produktion trat der Import, denn es gab im europäischen Binnenmarkt keine Zölle mehr und die Importgüter waren billiger. Daher nahm die Arbeitslosigkeit trotz des vielen neuen Geldes stark zu – von 2.7% 1981 auf 7.5% 1981 und der Schuldenberg wuchs und wuchs, wie das folgendeSchaubild zeigt.

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Viele Menschen fühlten sich wohl in jenen Jahren des leichten Geldes, sie bemerkten kaum, dass eine heftige Inflation den Zugewinn an Kaufkraft fast wieder auffraß.  Das linke Bild zeigt das Wachstum des Bruttosozialprodukts 1975-1995 in nominalen Größen – von außen nach innen zu lesen, 1995 ist der volle Kreis im Zentrum – . Das rechte Bild zeigt, wieviel das Wachstum wert war, wenn man die Inflation einrechnete.

Die Menschen, die sich wegen der Entwicklung des Landes seit damals Sorgen machen und nicht wissen, wie es weitergehen soll – ob sie wohl in der Ausstellung Antworten gefunden haben?

Ich fand immerhin einen Lichtstrahl in einem Glas mit Wasser, der sich auf dem Kaffeehaustisch brach. Den fotografierte ich für euch drei Mal. Denn dreimal musst du es sagen.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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9 Antworten zu Montag ist Fototermin: Die achtziger Jahre in Griechenland.

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  2. bruni8wortbehagen schreibt:

    Danke für Deinen ausführlichen Text zur Entwicklung des Landes, in dem Du nun schon so lange lebst, liebe Gerda.

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    • gkazakou schreibt:

      Hast du denn nun etwas mehr verstanden, liebe Bruni, oder setze ich zu viel voraus?

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        Liebe Gerda, ich habe eigentlich alles verstanden und erkannt, wie schwierig es ist, sich nicht am frischen Geld zu bedienen, das scheinbar so leicht fließt. *g*

        Hast Du Dich gewundert, daß ich nicht mehr dazu geschrieben habe? Es liegt nur an meiner Müdigkeit, die mich am Abend nun immer früher überfällt, wie ich es immer gewohnt war.
        Diese seltsame Krankheit hat sich zwar verabschiedet, aber sie hat mir ein wenig Schwäche zurückgelassen, damit ich mich ohne sie nicht so alleine fühle *hüstel*

        Dein Bericht ist saugut und mit wichtigen Informationen angefüllt. Er zeigt so vieles, was ohne Deine Ausführlichkeit nie so klar hätte werden können.
        Dein Durchblick hilft beim Nachdenken darüber, was passiert ist.
        Inflation frißt auch bei uns schon die Gelder in den Haushalten und keiner spricht über Inflation… Sie schleicht sich ein und doch macht sie sich schon länger bemerkbar, z.B. beim wöchentlichen Einkauf und jede Hausfrau bemerkt es.
        Vor jeder Inflation kommt auch dieser Kauf- und Partyrausch .
        Die Vergangenheit zeigte es gut, auch in meiner Familie. Mein Urgroßvater väterlicherseits verlor sein gesamtes Vermögen und fast mittelos starb der ehemals sehr reiche Sägewerksbesitzer aus dem Riesengebirge…

        Du siehst, ich komme vom Thema Griechenland ab, liebe Gerda, es ist schrecklich mit mir, ich weiß es ja *g*

        Für den Moment liebe Abendgrüße von mir an Dich
        Bruni

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  3. kunstschaffende schreibt:

    Was nützt Wachstum, wenn sich skrupellose Subjekte daran bedienen und alles verspielen!
    Nachhaltigkeit ist ein großes Wort in ihrem Munde, nur tun sie dafür nichts im Grunde!
    Das es dieses Museum gibt, ist eine wunderbare Sache!

    Deine Wasserglas-Strahlbilder sind super und das ohne Bildbearbeitung!👏👏👏👏👍

    LG Babsi

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  4. Ulli schreibt:

    Dreimal muss man es sagen! Ja und drei zauberhafte Lichtbilder zeigst du uns, neben einem Bericht, der mir nur wieder einmal zeigt was ich alles nicht weiss und doch schon so oder so ähnlich las- EU-Gelder und Subventionen, was haben die nicht alles kaputt gemacht und könnten doch etwas ganz Kluges sein, was sie auch m a n c h m a l sind.
    nochmals meine Herzensgrüsse an dich, Gerda,
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    • gerda kazakou schreibt:

      Ja, freilich, könnten, wenn wären. Aber die ökonomische Logik ist ziemlich erbarmungslos. Jeder strebt nach dem leichten Weg und vermeidet langfristige Investitionen, wenn er es auch anders haben kann. Und wo viel Geld zirkuliert, ohne dass dahinter Anstrengung steckt, da ist die Korruption nicht weit. Das ist zB auch die Crux bei der sog. Entwicklungshilfe.
      Herzensgrüße dir! Gerda

      Gefällt 1 Person

      • Ulli schreibt:

        Was nur wieder zeigt wie komplex das alles ist. Ich bin wirklich gespannt auf das Buch von Geseko, ich hab schonmal das Inhaltsverzeichnis studiert- da kommen viele kluge Köpfe Zuwort-
        denn alle diese Probleme gibt es ja auch nicht seit gerade eben, nur gerade eben wird es Zeit die Weichen in andere Richtungen zu stellen und meiner Meinung nach d r i n g e n d !
        liebgrüss
        Ulli

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