Vor der Ausfahrt nach Ephesos

Du fragst mich, wann ich mich endlich auf die Reise mache, die ich so enthusiastisch ins Auge fasste (https://gerdakazakou.com/2016/08/31/21209/). Leicht und lustig und voll geistiger Abenteuer schien sie mir zu sein. Lang sollte sie dauern. Ich würde keine Eile haben, würde an vielen Küsten anlegen und, wie Kavafis es empfiehlt, lernen von den Weisen. (Ithaka)

Christiane (Irgendwas ist immer) warnte mich zwar, ich würde unbedingt scheitern. Ich antwortete ihr tapfer mit Giacometti, dass das Scheitern eine ultimative Chance sei, vielleicht doch einen Schritt voranzukommen.  (Diese Weisheit fand ich bei Susanne, Zitat  zum Sonntag)

Lange genug habe ich nun gebrütet, habe die Karten studiert und die Route wieder und wieder bedacht. Die Winterstürme setzen bald ein, dann wird es nicht leicht sein loszusegeln. Also nur Mut! Nimm dein Boot, setz die Segel und hoffe auf guten Wind von Westen – wie die Archäer damals, als sie von Aulis aufbrechen wollten. Die ganze Flotte hatte sich im Hafen gesammelt, die Krieger hatten Lust auf Mord und Beute, aber es kam kein Wind auf.  Nichts. Kein Lüftchen hob die Segel. Sollten sie etwa bis hinüber nach Troja rudern? Da erschien ein Seher, Kalchas hieß er – nein, nicht Kaiphas, das war der Hohepriester, der Jesus verhörte, es klingt so ähnlich, man kann sie wirklich leicht verwechseln – Kalchas also erschien vor König Agamemnon und sagte: Du musst deine Tochter Iphigenia opfern, um die Göttin Artemis zu versöhnen.

Wieso gerade Iphigenia? Womit hatte sie diesen schrecklichen Tod durch die Hand des Vaters verdient? Und wer war Artemis? ( https://gerdakazakou.com/2015/09/20/artemis/).

„Wenn die Not am größten, ist die Rettung am nächsten“ (Bert Brecht, 3-Groschenoper). Iphigenie wurde, als das Beil schon ihren Hals berührte, von der Göttin hinweggenommen. Es ging ihr wie Isaak, als Abraham ihn opfern wollte: an die Stelle des Kindes wurde ein Opfertier gesetzt. Manche sagen, auch Jesus sei es so ergangen, aber das ist natürlich Unsinn. Artemis jedenfalls entführte die junge Frau auf eine ferne Insel, die man Tauris nannte. Dort wurde sie Priesterin der Artemis.

Aber ich will nicht zur Krim segeln! Tauris, das ist Krim, weißt du das nicht? Was soll ich da? Dort gibt es nichts für mich zu erfahren. Auch nach Troja will ich nicht, nein! Mein Ziel heißt Ephesos!

Und warum? höre ich dich fragen. Was erhoffst du dir von Ephesos? Der Tempel der Artemis ist längst zerstört, verbrannt, ausgeraubt! Die Goten haben ganze Arbeit geleistet. Und was die Goten nicht schafften, schaffte das Meer. Der Hafen ist versandet, die Stadt ist im Sumpf versunken. Nichts als Mücken, Frösche und Störche wirst du da finden. Und ein paar Ruinen, die die Römer da hinterlassen haben. Na ja, ein Kirchlein gibt es auch dort, in Erinnerung an den Apostel Paulus, der hier wirkte. Interessiert dich das vielleicht?

Ach was, antworte ich dir. Mich interessiert nicht die Stadt, und auch die Ruinen lassen mich kalt. Die Kirche zur Erinnerung an Paulus ist mir egal. Wenn ich Paulus selbst dort anträfe und ihn nach dem Brief an die Korinther fragen könnte, den er dort schrieb – du weißt, den über die Liebe! -, das wär was anderes. Aber wie auch immer, diese Begegnung muss warten. Denn vorerst will ich Heraklit aufsuchen. Du weißt doch, den griechischen Philosophen, den sie den „dunklen“ nannten und der von 520 bis 460 vor unserer Zeitrechnung dort lebte. Sein Werk hat er im Artemis-Tempel deponiert, in dem er diente. Es hieß „Über die Natur“. Das Pergament, auf dem er es schrieb, ist verschollen, verbrannt, vergessen. Abschriften gibt es auch nicht, nur ein paar Sätze haben seine später geborenen Kollegen daraus notiert. Also muss ich mich an ihn persönlich halten. Er soll mir Aufklärung geben über die Fragen, die mich umtreiben.

Sanzio_01_Heraclitus

Raffael, Schule von Athen, Ausschnitt: Heraklitos

Aber er lebt doch nicht mehr! rufst du mir zu. Was soll dir die Reise zu einem Toten?

Ist er wirklich tot? Genau das möchte ich gerne erfahren.

Unser Selbst muss, um zu leben, durch einen ewigen Wechsel und ein Wachstum der Form gehen, das wir ein dauerndes Sterben und ein dauerndes Geboren werden, welches zu gleicher Zeit vor sich geht, nennen können.

(Rabindranath Tagore, Schöpferische Meditation, 225. Anm.63)

Gefunden bei ralphbuttler

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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15 Antworten zu Vor der Ausfahrt nach Ephesos

  1. Susanne Haun schreibt:

    Danke für den Hinweis auf meinen Blog, Gerda, ich bin zur Zeit auch uneins mit mir selber. Ich denke, diese Phasen sind gut und aus deinem inneren Monolog wird sich etwas Neues und Einzigartiges entwickeln. Ich wechsle gleich auf meinen Blog und schreibe. Schreibe von meinem Hadern und Zerren und Verwerfen und Wiederaufnehmen… der innere Kampf der Künstlerin!

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    • gkazakou schreibt:

      Auf deinen Blog, Susanne, weise ich immer gerne hin🙂. Was sich aus meinem inneren Dialog entwickeln wird, wird sich zeigen. Alles fließt und verändert sich, und ich mache da keine Ausnahme. Die Geschichte, ob nun in mythologischer oder historiographischer Form, scheint eine Ansammlung von Blödsinn. Es sei denn – es sei denn – es sei denn – es gäbe doch einen Zusammenhang, eine innere Logik, einen Logos, von dem Heraklit mit solcher Inbrunst spricht … Wir Künstler sollen Ordnung schaffen im Chaos, sollen deuten und Anstöße geben zum besseren Verständnis, und tasten doch selbst im Dickicht und hadern und zerren und verwerfen, wie du und ich und so viele andere. Sei herzlich gegrüßt!

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  2. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda,
    das sagt doch genau das, worüber wir gestern bei mir hin und her schrieben:
    „Unser Selbst muss, um zu leben, durch einen ewigen Wechsel und ein Wachstum der Form gehen, das wir ein dauerndes Sterben und ein dauerndes Geboren werden, welches zu gleicher Zeit vor sich geht, nennen können. “
    Eine wunderbare Fortsetzung, danke!
    Meine innere und äussere Reise machte ich im März nach und in Asturien, das war so eine, der ich Fragen stellte und Antworten erhielt. In etwas mehr als einer Woche mache ich mich wieder auf den Weg, mehr Aussenreise, als innere, auch wenn man das eine und andere nicht wirklich trennen kann, nur die Gewichtung – ich bin gespannt wohin es dich führt …

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, Ulli, es knüpft an deins an, wird es auch in der Fortsetzung tun, denn ich reise nach Osten. Du merkst schon an meinem Stil, dass ich im Fahrwasser des Tricksters reise. Er ist mir grad sehr nah. Tagore benutzt eine ganz andere Sprache, wie einer, der bereits angekommen ist und den Weg, den er zurückgelegt hat, überschaut. Goethe, in den „Weissagungen des Bakis“, sagt das so: „Lang und schmal ist ein Weg. Sobald du ihn gehest, so wird er / Breiter; aber du ziehst Schlangengewinde dir nach. / Bist du an’s Ende gekommen, so werde der schreckliche Knoten / Dir zur Blume und du gibst sie dem Ganzen dahin.“ Wunderbare Träume! Gerda

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      • Ulli schreibt:

        Guten Morgen, liebe Gerda, heute Morgen bei meinem ersten Kaffee, dachte ich noch einmal an deine Reise und ärgerte mich ein bisschen, weil ich die „Metapher“ der Reise so wörtlich nahm- ich will nicht mehr kommentieren, wenn ich müde bin, wenn ich den Zusammenhang noch nicht wirklich hergestellt habe, es scheint, dass erst mein langer, dringen notwendiger Schlaf alles an seinen Platz rückte.
        Du machst mich nun endgültig neugierig auf Goethes Weissagungen des Bakis, die ich nicht kenne. Deine zitierten Zeilen nehme ich nun mit und danke dir herzlich dafür. Auf der Reise in den Osten, von wo kommst du? Ist es der Norden? Ich glaube schon und ja, dahin geht es, auch für mich, wenn auch noch nicht so ganz akut!
        Ich freue mich wirklich sehr auf deine Reise, deine Erkenntnisse am Wegesrand, die du aufsammeln wirst und auf die Tricksterenergie.
        Kennst du eigentlich den Blog von Cambra Skadé, sie ist Kollegin und hat viele Bilder und Geschichten mit der Coyoteenergie, der Närrin- warum auch immer noch tanzen wir oft unwissender Weise gemeinsam ums Feuer und Ende September werde ich sie wiedersehen, wie viele andere großartige Frauen, ich werde berichten.
        Herzliche Grüße
        Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      Aber Ulli, warum ärgerst du dich, wenn du einer Trickserin auf den Leim gehst? Die Wahrheit ist: Die Reise mache ich nicht im Körper, sondern in meinen Gedanken, und wenn ich Glück habe, kann ich mein Fühlen mit ins Boot nehmen. Mein Tag begann wunderbar, möge deiner ebenso schön sein! Gerda

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  3. Martina Ramsauer schreibt:

    In meinem ganz unauffälligen Leben tue ich mich mit dem Absterben einer Begeisterung oder Liebe zu jemandem oder etwas sehr schwer und wie schön ist es dann, wenn plötzlich etwas Neues entsteht.

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  4. Maren Wulf schreibt:

    Eine gute Reise wünsch ich dir!

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  5. bruni8wortbehagen schreibt:

    Ein Reisen in Gedanken, wie wundervoll und sollte es ein Segeln sein, noch schöner, ein Segeln nach Ephesos, um evtl. Paulus zu treffen, der Dir erscheinen wird (wenn er gerade mal Lust hat) in Deinen Gedanken und er wird deutlicher und deutlicher.
    Am Ende steht er vor Dir, Du siehst ihn, ein wenig verschwommen, aber nur er kann es sein, denn Dein Geist fühlt es sicher, es ist keine Fata Morgana und kein neuzeitlicher Fake, es ist ein Wunder und es findet in Deinen Gedanken statt.
    Die Mauern werden sich aus den dürren Gräsern erheben, der Tempel leuchtet in der Morgensonne wie ich sehe (ja, ich lausche ein wenig, ich weiß, es ist ungehörig, aber so reizvoll, Euren Worten zu lauschen, verzeih es mir also bitte, aber verrate es dem Paulus nicht, er war ein so eifernder ernsthafter Mann) .

    Warum nur solltest Du scheitern, obwohl Dich das Scheitern nur gestärkt hätte, Dein Geist ist stark und übersteht so eine kleine Reise denkenderweise leicht und sicher.

    Liebe Nachmittagsgrüße am Samstag von Bruni

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  6. gkazakou schreibt:

    Danke für diese Ermutigung, liebe Bruni. Du meinst also, Paulus werde mir womöglich noch vor dem Heraklit entgegentreten? Es ist ja möglich. Sein Erscheinen In Ephesus liegt erst knapp 2000 Jahre zurück, während der andere schon 500 Jahre früher über das Pflaster von Ephesus schritt. Ob sie sich wohl vertragen hätten? Beide waren feurige, aber auch cholerische Temperamente, die viel über das Feuer das Geistes zu verkünden wussten. ulli erzählte uns vom feurigen Ostschild. ….

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