Wahlkampf oder Die gestiefelten Kater

Es war einmal ein armer Müllerssohn, der erbte nur einen Kater.  Ein völlig unbrauchbares Erbe, grad gut genug, um aus dem Fell Handschuhe zu machen.

IMG_4606In dieser hoffnungslosen Situation verlangt und bekommt der Kater ein paar schöne Stiefel, mit denen er die Welt und den König beeindrucken und das Schicksal des Müllersohns zum Guten wenden wird. So erzählen die Brüder Grimm.

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Wen aber symbolisiert der gestiefelte Kater?

Eugen Drewermann (katholischer Theologe und Psychoanalytiker), so lese ich bei Wikipedia, sieht in ihm „den schizoiden oder narzisstischen Berater in Politik und Wirtschaft“. Er verkörpert die „Hybris des Hoffnungslosen“. Donnerwetter, das passt ja ausgezeichnet! Einen Narziss hatten wir hier als Wirtschaftsminister, und von der Hybris der Hoffnungslosen können wir ein Liedchen singen. „Was in anderen Märchen die Begegnung des Helden mit seinem zauberischen Selbst sein könnte, ist hier nur die Ablösung eines großen Betrügers durch einen neuen, wobei sein Schloss heute am ehesten einem Bankturm entspricht.“IMG_4603

So also lese ich bei Wikipedia, das ich gern zu Rate ziehe, wenn ich etwas, was ich kenne, um eine gelehrte Variante bereichern möchte. Den Gestiefelten Kater kenne ich – jedes Kind kennt ihn, diesen schlauen Typen und Habenichts, der die reichen Dümmlinge an der Nase herumführt. Aber dass das Königsschloss ein Bankturm sein könnte und der König also womöglich ein Gläubiger des Müllersohns, dem der Kater als einziges Erbe zugefallen ist – nein, darauf wäre ich wahrhaftig nicht gekommen. Aber es passt. Kater haben wir hier in Griechenland en masse, solche mit und solche ohne Stiefel. Hybris auch. Und Schulden sowieso.

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Von einem Duell ist leider im Märchen nichts bekannt. Dort gibt es ja auch nur einen gestiefelten Kater. Wir hier haben hingegen etliche. Sie sind in dieser Woche mit Duellen gut ausgelastet, denn Wahlen stehen vor der Tür. Man nennt solche Duelle jetzt dibeit (Debatte), eine besondere Aufführung, in der zwei oder mehrere gestiefelte Kater einander nach festen Regeln ans Leder gehen.

Der Sieger wird von den Zuschauern beklatscht, der Verlierer ausgepfiffen.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Wahlkampf oder Die gestiefelten Kater

  1. tttower schreibt:

    Von Selbstverliebtheit, Arroganz, Überheblichkeit, kann man wohl kaum einen Kater freisprechen, ob in Stiefeln oder im rahmengenähtem Maßschuh.
    Mehr Leistungs- weniger Machtelite wäre wünschenswert.

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  2. mmandarin schreibt:

    Die Leute mit Stiefeln (vor allem männliche Kater) waren mir immer schon suspekt. So manchel mal mutierte ein „harmloser“ Kater auch zum Raubtier

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  3. mmandarin schreibt:

    Verzeihung, „so manches mal …“

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  4. gkazakou schreibt:

    Keine Bange, mmandarin, diese hier sind nur arme Trickser.

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  5. tttower schreibt:

    Hallo Gerda, natürlich auch, wie konnte ich nur vergessen dies zu erwähnen, die visuelle Umsetzung dieser Thematik, wie immer, äußerst gelungen.

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  6. gkazakou schreibt:

    Freut mich, ttower! Eigentlich ist der Vorgang allerdings umgekehrt: erst entsteht das Bild, dann der Kommentar. Das Kreieren der Bilder mit ihrer Symbolsprache setzt das Denken frei. Am Ende treten Bild und Text in eine Art von Dialog ein und bespiegeln sich gegenseitig. Das ist aber nicht verbindlich, es ist meine Art, auf Bilder und Ereignisse zu schauen. Jeder ist frei, zu den Bildern zu assoziieren, was ihm ein- und auffällt.

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  7. afrikafrau schreibt:

    Das“Denken“ kostet noch nichts… frei…. folge deinen Gedanken sehr gerne, sehr anregend…

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