Überfluss

Endlich ein Thema, das nichts, aber auch gar nichts mit der griechischen Realität zu tun hat. Auch die Quelle meiner heutigen Fantasie sind weder die Odyssee noch die Argonauten oder gar die Eleusischen Mysterien. Es ist ein gut deutsches Volksmärchen.

Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen.

Na schön, bis hierher könnte es sogar griechisch sein.

Da ging das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen: „Töpfchen, koche,“ so kochte es guten, süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: „Töpfchen, steh,“ so hörte es wieder auf zu kochen. Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, sooft sie wollten.

Hier nun sind wir nicht in der mediterranen, sondern in der deutschen Welt, in der Hunger ja auch kein Fremdwort war. Hirsebrei war auch keins. Aus dem Hunger wird Sättigung. Warum hört das Märchen hier nicht auf? Das wäre doch mal ne schöne Wendung: die Hungrigen werden satt, Punkt. Aber nein, es geht weiter. Wie?

Auf eine Zeit war das Mädchen ausgegangen, da sprach die Mutter: „Töpfchen, koche,“ da kocht es, und sie ißt sich satt; nun will sie, daß das Töpfchen wieder aufhören soll, aber sie weiß das Wort nicht. Also kocht es fort, und der Brei steigt über den Rand hinaus und kocht immerzu, die Küche und das ganze Haus voll und das zweite Haus und dann die Straße, als wollt’s die ganze Welt satt machen, und ist die größte Not, und kein Mensch weiß sich da zu helfen.

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Der süße Brei, Variante (c) Gerda Kazakou

Überfluss (Über-Fluss) ist „die größte Not“. Größer als Armut und Hunger? Frag mich nicht. es ist das Märchen, das diesen Vergleich anstellt.  Chaos droht. Alles wird überflutet vom grässlichen süßen Brei, den man heute nachgeschmissene Kredite nennt. Frommes Mädchen, wo bist du, um diesen Alptraum zu stoppen?

IMG_4276Endlich, wie nur noch ein einziges Haus übrig ist, da kommt das Kind heim und spricht nur: „Töpfchen, steh,“ da steht es und hört auf zu kochen, und wer wieder in die Stadt wollte, der mußte sich durchessen.*

Oder auch „durchfressen“, würde ich sagen. Was du gesäet, das ernte, wie du dich bettest, so liegst du, die Suppe, die du dir gekocht hast, musst du nun auch auslöffeln – und was derlei Volksweisheiten mehr sind. In unserem Fall muss sich das Volk durch den süßen Brei durchfressen, um zu seinem Häusle, seinem Herd und seinem Bett zu gelangen. Wohl bekomm’s! IMG_4277 a

*Gebrüder Grimms Haus- und Volksmärchen.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Ökonomie, Dichtung, die griechische Krise, Katastrophe, Leben, Methode, Mythologie, Tiere, Träumen, Umwelt abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Überfluss

  1. Myriade schreibt:

    In einer Weise ist Überfluss ein Problem, er kann Initiative und Kreativität abwürgen und auch jede Lebensfreude verdunkeln …. Aber das Problem des Überflusses ist derzeit in Griechenland wohl auf eine sehr kleine wenn auch sehr reiche Minderheit beschränkt ….
    Am besten gefällt mir das erste Bild. Da ist soviel Schwung und Energie drin

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  2. gkazakou schreibt:

    Herzlichen Danke für deinen Kommentar, Myriade! Für mich begann das Problem in Griechenland vor etlichen Jahren, als das Land mit billigem Geld geschwemmt wurde und alle Leute fröhlich konsumierten und Schulden machten, während die Produktion immer mehr schrumpfte. Dann platzte die Blase (weit weg in den USA, Lehman’s Brothers Pleite), und was Segen schien, wurde zum Alptraum.

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