Sonntags ins Archiv: Amerika, Amerika!

Wie jeden Sonntag bin ich auch heute ins Archiv gestiegen und habe am 8. November 2016, in meinem zweiten Bloggerjahr also, Halt gemacht. Dort fand ich einen Eintrag mit dem Titel „Amerika, Amerika“, und der ist auf beklemmende Weise aktuell. Damals schrieb ich:

„Wenn man die Schlacht zwischen einem Trump und einer Clinton vor der Riesenkulisse von Eroberung und Zerstörung sieht,  wenn man sich dazu die ungebrochene Aggressivität und das Arsenal von Waffen vor Augen führt, über die dieses Land verfügt, dann möchte man sich verstört abwenden und weinen.“

Damals bemühte ich mich darum, mich an meinem eigenen Zopf aus dieser sumpfigen Szenerie herauszuziehen und mir die Welt schön zu malen. …Ach ich armer Malerzauberclown.

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Geht es mir heute anders? Ja. Ich sehe alles viel entspannter. Die Midterm-Wahlen sind diesmal anders herum herausgekommen, das führt zu einem gewissen Ausgleich. Es sind auch ein paar neue Gesichter erschienen, die ich nun studiere und einzuschätzen versuche – insbesondere in Bezug auf das, was ich am 8. November 2016 die Zerstörung der Völker und Kulturen durch die Triumphe der weißen Rasse über sie nannte. Damit meinte ich die Zerstörung der Indianerkulturen auf dem amerikanischen Kontinent. (Hallo Myriade!)

Wie sieht es eigentlich heute mit der Vertretung der „indigenen Völker“ („native Americans“) im Repräsentantenhaus, im Senat und bei den Gouverneursposten aus? Hat sich da etwas Entscheidendes geändert?

In den europäischen Medien sieht es fast nach einem Triumph der „Indigenen“ aus: Deb Haaland (Dem) ist nun als erste indigene Frau Gouverneurin eines US-Staates (New Mexico), und Claire Vandez (Dem) von der Ysleta del Sur Pueblo Nation, vertritt nun als erste indigene Frau New York im Repräsentantenhaus. Und was der Meldungen mehr sind. Was aber hat sich tatsächlich hinsichtlich der Repräsentation der „Native People“ durch die letzten Wahlen verändert?

Es war nicht ganz leicht, mir ein Bild zu machen, wenngleich die Kandidaten ihren „nativen“ Hintergrund auch dann in den Vordergrund stellen, wenn nur ein Elternteil „native“ ist und sie vollkommen integrierte Mitglieder der US-Gesellschaft sind. Ihre Abstammung (teilweise auch ihr Geschlecht, ihre LGBT Orientierung, ihre Religion) wird beim Wähler zum Bonus.

Das war nicht immer so.

Beginnen wir bei den ersten Indianern, die für die Republikanische Partei ins Amt (Congress, dh Repräsentantenhaus oder Senat, und/oder Regierungsamt) gewählt wurden. Als erster wird Richard Harvey Cain (1825 – 1887) erwähnt.  Seine Mutter war Cherokee Indianerin, sein Vater Schwarzer. Und seine bedeutende Lebensleistung betrifft vor allem die Verbesserung der Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung.

Der nächste ist dann Charles Curtis (1860 – 1936), Mitglied der Kaw Nation (Indianerstamm, von dem sich der Staatsname Kansas ableitet). Er wurde republikanischer Senator von Kansas. Präsident Herbert Hoover (1929-1933) machte ihn dann zum ersten „Native American“ Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten. Eine kleine Pikanterie:  1921 legte er dem Senat das Equal Rights Amendment vor, das die Gleichstellung von Mann und Frau in der Verfassung verankern sollte. Verabschiedet wurde es schließlich im Jahre 1972.  (Manche Mühlen mahlen eben sehr langsam).

Und wie ist es in diesem Jahrhundert?

2003 sind zwei „Native Americans“ im Congress vertreten, beide Republikaner aus dem Staat Oklahoma. Der eine, Markwayne Mullin (*1977), gehört zur  Cherokee Nation: fünf mal in den Congress gewählt, wurde er im März 2026 von Donald Trump zum Leiter der Heimatschutzbehörde ernannt. Der andere, Tom Cole (*1949) aus Oklahoma und Mitglied der Chickasaw Nation, ist der am längsten in Repräsentantenhaus und Senat dienende Native American. Seine Mutter, Helen Te Ata, war die/der allererste Indigene, die/der in den Senat von Oklahoma gewählt wurde. Eine seiner Großtanten war die berühmte Geschichtenerzählerin Te Ata (1895 – 1995).

2018 zogen Sharice Davids in Kansas und Deb Haaland in New Mexico für die Demokraten in den Congress. Sharice Davids (*1980) wurde vor allem als „erste offen LGBT Native American“ gefeiert. Sie wurde in Frankfurt/Main geboren und zählt sich zum Ho-Chunk Volk ihrer alleinerziehenden Mutter, die bei den US-Streitkräften dient. Sie ist promovierte Juristin und professionelle Kampfsportlerin. Politisch stimmte sie immer für Vorlagen von Joe Biden.

Deb Haaland (*1960), ebenfalls 2018 für die Demokraten in den Congress gewählt, gehört zum Laguna-Stamm der Pueblo-Indianer. Sie selbst rechnet ihre Abstammung zurück bis zur 35. Generation, als die Pueblo-Indianer sich im 13. Jahrhundert in New Mexico festsetzten. Ihr Vater war Norweger. 2021 ernannte Joe Biden sie zur Innenministerin. und so wurde sie zum „first Native Woman“ Kabinettsmitglied. Bei den Zwischenwahlen gewann sie jetzt den Gouverneursposten von New Mexico, auch dies ein „first native woman“-Ereignis.  International wird es vor allem als Sieg der Demokraten abgebucht. Sie selbst sieht es wohl eher als gelungene Wiedergewinnung der Pueblo-Herrschaft über ihr angestammtes Land.

Zusammengefasst: Soviel ich sehe, hat sich die Vertretung der Native People in der US-Politik nicht wirklich verändert. Durchweg hatten und haben sie 4-5 VertreterInnen im Congress, wobei Demokraten und Republikaner in etwa gleich stark vertreten sind. Inden Südstaaten konkurrieren sie mit den Latinos. Eine besondere politische Agenda lässt sich nicht entdecken. New Mexico ist da eher eine Ausnahme. Die wunderliche Macke der Amerikaner, Menschen nach ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht, ihrem Glaubensbekenntnis und ihren sexuellen Vorlieben einzuteilen und den Erstauftritt einer jeden Kategorie lauthals zu feiern, führt immer wieder zu irreführenden Schlagzeilen. Da ist es dann eine erste Frau aus dem Stamm der Cherokee, die ein Amt errungen hat oder die erste offen LGBT Native American oder die erste Frau aus dem Volk der Pueblo, die in New Mexico Gouverneurin wird….oder auch El-Sayed, der erste Moslem, der einen Senatsitz erringt, oder Gina Hinojosa, die erste Latina, die den Gouverneursposten in Texas gewinnt.

All diese Erstgeborenen werden dann zu Medien-Schlagzeilen – in den USA und anderswo (zB Deutschlandfunk: Demokrat El-Sayed wird erster muslimischer Senator). Das, was sie inhaltlich vertreten, scheint weniger wichtig zu sein als ihre „Identität“ – ein in Europas politischer Debatte sonst eher anrüchiger Begriff (vergl. „identitäre Bewegung“).

So. Dieser kleine Blick in Amerikas Innenleben hilft vielleicht, auch die jetzigen Wahlen nicht nur im Hinblick auf die großen internationalen Brennpunkte zu beurteilen. Die Konzentration auf „Identitäten“ ist auch in Europa bemerkbar, und es wird Zeit auszuloten, was es damit auf sich hat, ob es die Gesellschaft in lauter Subgruppen aufspaltet und wie sehr sich das Wählerverhalten bereits danach ausrichtet.

Ein Berlin-Texas-Vergleich:

Haben die Texaner eine Demokratin mit einem bestimmten Wahlprogramm oder eine Latina (Frau, Katholikin, lateinamerikanische Herkunft) gewählt?

Haben die Berliner eine Linke mit einem bestimmten Wahlprogramm oder eine Türkin (Frau, Muslima, Migrantisches Milieu) gewählt?

Wieviel eines Wahlerfolgs ist dem Wahlprogramm, wieviel der „Identität“ geschuldet?

 

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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1 Response to Sonntags ins Archiv: Amerika, Amerika!

  1. Avatar von Myriade Myriade sagt:

    Das ist eine wirklich interessante Frage, die sich aber nicht klären lässt. Ich habe aber den Verdacht, dass überhaupt sehr wenige Leute Wahlprogramme lesen

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