25 Wochen (52 Wochen) – ein Objekt: Der Kleine Prinz und meine Mutter

Wie jeden Sonntag soll auch heute der „Kleine Prinz“ seinen Auftritt haben. Ich fotografierte die kleine Skulptur auf meinem Tisch im Atelier neben der letzten Zeichnung, die ich vor fast dreißig Jahren von meiner Mutter machte. Sie war schon vom Tod gezeichnet – ja, auch der Tod ist ein Zeichner! – und in meiner Zeichnung ist dies Wissen anwesend. Das zwischen der Zeichnung und dem Kleinen Prinzen stehende Buch von Hellmut Baumann „Die griechische Pflanzenwelt in Mythos, Kunst und Literatur“ hat sie mir einst geschenkt. Auf der anderen Seite steht ein Buch von Hermann Hesse, den sie liebte: „Mit der Reife wird man jünger“*. Und das stimmt, denn wenn der Körper alt wird und verfällt, tritt die Seele noch einmal ganz jung hervor. So hat sie es mir vorgelebt. Wie es in Trakls schönem Gedicht heißt: „ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle“…

Der Herbst des Einsamen

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.

Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.
Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.

Liebe Mutter, unendlich viel habe ich dir zu verdanken! Nicht weinen, Kleiner Prinz!

*Suhrkamp Verlag:

Buchcover von Hermann Hesses „Mit der Reife wird man immer jünger“ mit einem älteren Mann und einem kleinen Mädchen.Hermann Hesse

Mit der Reife wird man immer jünger

Betrachtungen und Gedichte über das Alter. Geschenkausgabe
Herausgegeben von Volker Michels.

Erstausgabe 14.09.2021, aktuelle Auflage 20.03.2026

„Menschengestalten, die nicht mehr auf Erden sind, leben in uns weiter, leisten uns Gesellschaft und blicken uns aus lebenden Augen an.«

Avatar von Unbekannt

About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Autobiografisches, Dichtung, Fotografie, Leben, Liebe, Meine Kunst, Natur, Psyche, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Responses to 25 Wochen (52 Wochen) – ein Objekt: Der Kleine Prinz und meine Mutter

  1. Was für ein tröstliches Zitat. Wie schön wäre es, wäre es so. Vielleicht reicht schon der Gedanke, um ein wärmendes Gefühl zu haben.

    Aus deinen Zeilen klingt eine tiefe Verbundenheit zu deiner Mutter. Das muss ein schönes Gefühl sein und ich denke, das trägt auch weiter durchs Leben, denn es ist in dich eingeschrieben.

    Danke! Ein sehr bereichernder Beitrag.

    Liebe Grüsse
    Sandra

    Gefällt 3 Personen

  2. Avatar von PPawlo PPawlo sagt:

    Ein besonders ianregender Beitrag von dir! Mit der Reife immer jünger…da ist was dran, was viele nicht wahrnehmen und nicht erleben. Das Buch werde ich mir bestellen. Das Bild mit deiner Mutter berührt mich tief.

    Gefällt 1 Person

  3. Die Erinnerung an die Mutter lebt im Herzen vieler Menschen weiter,
    und das ist schön und erfreut ihre Seele.

    Like

Kommentar verfassen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..