Der heutige Buchstabe für Heides Monats-Challenge ist das Q, und da kommt endlich auch die Quitte zu Ehren. Leicht verbeult, in grau-samtenem Outfit und schwer in eine verzehrbare Form zu bringen, macht sie nicht viel her. Auch mein Quittenbäumchen ist, nachdem es bei einem heftigen Regen den Hang runterrutschte und sich neu verwurzelte, arg struppig und verbuscht. Die großen dunklen Blätter sind von allerlei Insekten angefressen. Aber ich weiß natürlich auch, wie wohlschmeckend Quittenmarmelade und Quittengelee ist, womit mal wieder bewiesen wäre, dass man nicht vom Äußeren auf innere Qualitäten schließen darf.
Ich brach ein Zweiglein mit Blättern und Frucht vom Baum, legte es auf einen Holzhocker mit geflochtenem Sitz und zeichnete es in mein Kalenderbuch.
Mein Eindruck von der Quitte ist übrigens der KI-Beschreibung ganz entgegengesetzt. Dort wir sie als „goldgelbe Frucht“ und „wunderschön“ bezeichnet. So zu werden, hat sie bei mir noch nie geschafft. Vielleicht ist mein Quittenbaum eine verwilderte Abart?
Doch andere Eigenschaften stimmen: „mitteleuropäische Quittensorten sind im rohen Zustand steinhart, holzig und extrem bitter“, lese ich bei Google-KI. „Steinhart“ kann ich bestätigen, den Rest kann ich nicht durch eigene Erfahrung verifizieren, da ich mir nicht den letzten Zahn ausbeißen möchte. Hinzu kommt der Flaum, der sich an den Fingerspitzen weich und angenehm anfühlt, aber auf der Zunge? Der „pelzige Flaum auf der Haut enthält reichlich Bitterstoffe“, man muss ihn vor dem Verzehr abreiben.
Ich finde die Verarbeitung sehr mühsam, lasse mir aber gern Quittengelee schenken, das fleißige Freundinnen zubereiten. Der Duft ist bezaubernd und der Geschmack steht dem nicht nach. Auch die Farbe stimmt dann, wenngleich das Gelee nicht eigentlich quittegelb ist, sondern stark ins Rötliche spielt.
Der Name kommt (natürlich ;)) mal wieder aus dem Griechischen. Κυδώνι (Kydoni) nennt man die Frucht seit altersher auf griechisch, nach der alten Stadt Kydonia* auf Kreta, die heute Chania heißt. Übers altdeutsche qitina wurde sie neuhochdeutsch zur Quitte.
Falls es dich interessiert: Das neudeutsche Wort quitt hat einen ganz anderen Ursprung. Es kommt aus dem Lateinischen quietus „ruhig“ (englisch quiet) und bedeutet, dass man mit niemandem offene Rechnungen hat und daher gut schlafen kann.
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*Κυδωνία/Kydonia auf Kreta wird gelegentlich als „Mutter der kretischen Städte“ bezeichnet. Sie war zwischen 1800 und 1500 v. Chr. neben Knossos und Festos das bedeutendste städtische Zentrum. Gegründet wurde sie von einem mythischen König Kydon, Sohn des Gottes Hermes. Die große Keramikwerkstatt von Kydonia war im gesamten Mittelmeerraum hochberühmt. Die dort gefundenen beschrifteten Tontafeln waren für die Entzifferung der frühesten Schriftzeichen von großem Wert.
Nach dem Zusammenbruch der Minoischen Kulturepoche wurde die Stadt erneut um 1100 v.Chr. von einwandernden Dorern besiedelt. Sie gedieh vortrefflich und war wohl eine der ersten griechischen Städte, die eigene Münzen prägte.
Neuen Ruhm erreichte die Stadt im Jahr 74 v. Chr., als es ihr gelang, eine römische Flotte unter Marcus Antonius zu vernichten. Doch fünf Jahre später musste sie den Widerstand gegen Rom aufgeben, wurde besetzt, erhielt aber einen Status als unabhängige Stadt und florierte erneut, zumal sie bei den römischen Kolonialisten sehr beliebt war, die dort ihre prächtigen Villen bauten – wovon bis heute erhaltene Mosaikböden zeugen.
828 n. Chr. wurde die Stadt von Arabern erobert.
Und seither trägt sie den Namen Chania – nach ihrem Vorort Alchanía, das zu arabisch Al Hanim („Herberge“) wurde.
Die Geschichte der Stadt mit Namen Kydonia, nach der die Frucht Quitte benannt ist, endet hier.
Doch vielleicht interessiert es dich, wie es weiterging? Vierhundert Jahre lang herrschten die Araber. Im 13. Jahrhundert übernahmen die Venetier und nannten die Stadt La Canea. Eine 400jährige Blütezeit folgte, die 1645 n.Chr. durch die osmanische Eroberung beendet wurde. Es folgten 250 Jahre türkischer Herrschaft, die nach vielen Aufständen und Intervention des „Internationale Geschwaders“ (Großbritanien, Frankreich, Russland, Italien) 1898 n.Chr. beendet wurde. Chania wurde zur Hauptstadt der Κρητική Πολιτεία (Kretische Politia) und in vier Besatzungszonen aufgeteilt. Der Westen mit Chania, der Hauptstadt, wurde von Italien übernommen, die Mitte mit Rethymnos von den Russen, die Gebiet um Herakleion von den Briten und der Osten um Lasithi von den Franzosen. Sie installierten Truppen und Verwaltungen, druckten Geld. Die Souda-Bucht von Chania wurde, da strategisch besonders wichtig, gemeinsam verwaltet (heute besteht dort eine riesige US-Militärbasis). Bei alledem blieb Kreta unter osmanischer „Oberhoheit“, während Prinz Georg von Griechenland und Dänemark als Hochkommissar eingesetzt wurde. Das ging so bis zum Aufstand von 1905, der vom bedeutenden kretischen Politiker und späteren Ministerpräsidenten Eleftherios Venizelos abgeführt wurde (der Athener Flughafen ist nach ihm benannt). Schritt für Schritt trieb er die ‚Eνωση (Vereinigung) der Insel mit Griechenland voran, die 1913 schließlich feierlich vollzogen wurde.

Unser Nachbar hat Quitten, die er meiner Frau zukommen lässt, woraus die gerne Gelee macht.
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