Bilder-ABC und Kalenderblatt 18.9.: R wie Rote Bete (Rote Rübe)

Der heutige Buchstabe für Heides Monats-Challenge ist das R. Was soll ich da zeichnen? Radieschen, Rettich oder Rotkohl? Wie wäre es mit Rollmops, Reis oder Runkelrübe?  Rosenkohl, Ruccola oder Rote Bete …

Halt! Rote Bete habe ich heute gekauft! Ich lege sie auf das ebenfalls gerade gekaufte Lokalblatt, und los gehts.

Als Kind hasste ich die Rote Bete. Heute verstehe ich das nicht mehr, denn ich mag sie sehr, besonders wenn die frisch gekochten, gepellten, in Scheiben geschnittenen Knollen noch warm sind. Dann werden sie mitsamt den Blättern in Öl, Zitrone und gehackter Knoblauchzehe angemacht und schmecken vorzüglich.

Ich weiß nicht, in welcher Form die Rote Bete in den Nachkriegsjahren zur Verfügung stand, vermutlich vergoren und in Essig eingelegt. Mit diesem Gemüse ist eine Episode verbunden, die auf mich geradezu traumatisch wirkte: Unsere Mutter kämpfte damals täglich darum, eine Mahlzeit auf den Tisch zu bringen, doch mochte ich fast nichts von dem, was ihr zu beschaffen gelang, am schlimmsten aber fand ich die Rote Bete und weigerte mich beharrlich, davon zu essen. Ich war die Jüngste, vermutlich vier Jahre alt, dünn und blass. Die Mutter machte sich deshalb Sorgen. Eines Tages verkündete sie, es gebe Rote Rüben. Sie schmeckten fürchterlich, aber ich traute mich nicht, auch diese Speise zurückzuweisen, und schluckte sie tapfer runter. Gefragt, wie sie schmecke, antwortete ich: „Ganz gut.“ Die Folge war ein Spottgelächter von allen Seiten: „Hahaha! Das ist Rote Bete und sie schmeckt dir! Da sieht man mal, was du für eine Mäklerin bist!“ – Das traf mich zutiefst, denn ich hatte mich wirklich gezwungen, das Zeug um meiner Mutter willen zu akzeptieren. Dass man mich belogen hatte, war schlimm genug, aber dass man mich regelrecht in eine Falle gelockt hatte mit dem Ziel, sich über mich lustig zu machen, das konnte ich nicht ertragen. Es nützte gar nichts, dass ich wütend und weinend protestierte – ich war nun einmal die Schuldige, die sich aus lauter Bosheit weigerte, Rote Beete zu essen, Rote Rüben aber prima fand.

Diese Episode wurde mir immer mal wieder aufgetischt, und immer fühlte ich den Stachel des Ungerechten, weil man meine wirklichen durchaus edlen Motive verkannte und mich „unter Verdrehung der Tatsachen“ verurteilte.

Nichts ist Kindern unerträglicher, als das Gefühl der Ungerechtigkeit. Warum ist das so? Ich weiß es nicht. Die Forderung, dass es gerecht auf der Welt zugehen muss, scheint angeboren zu sein.

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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1 Response to Bilder-ABC und Kalenderblatt 18.9.: R wie Rote Bete (Rote Rübe)

  1. Avatar von puzzleblume puzzleblume sagt:

    Die Zeichnung ist wunderschön. Die Geschichte dazu, dass du sie quasi erst neu kennenlernen musstest, um dir das Rote-Beete-Essen neu zugänglich zu machen, kann ich gut nachfühlen.

    Zu Zeiten, in denen das Gebot des „Gegessen wird, was auf den Tisch kommt“ galt, wurden einem viele Gerichte, die einem als Kind aus verschiedenen Gründen suspekt waren, vor allem durch die Gegnerschaft verleidet, die angewandt wurde, um das Gebot durchzusetzen. Der Erziehungsratgeber der Johanna Haarer, der ab 1934 selbst Neugeborene und Kleinkinder zu als deren Willen zu brechenden Widerständlern erklärte, wurde viel zu lange noch danach von zu vielen Eltern befolgt und gerade beim Essen wurde mit Not gerechtfertigt, wo es leicht gewesen wäre, über bestimmte Abneigungen zu verhandeln und an Familientisch auszugleichen, wo in der Rationierung ohnehin schon genug geschlechtspezifische Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern gemacht wurden.

    Das Ringen um das Rote-Beete-Essen habe ich nicht erlebt, da gab es anderes, was heruntergezwungen wurde. Wenn ich einen Beitrag so lese, komme ich sogar zu dem Schluss, dass meine Eltern wohl selbst keine Rote Beete mochten, wenn sie nicht süsssauer eingelegt war, wo ich wegen deines Beitrags darüber nachdenke, nicht anders bei Kürbis. Ich kannte sie bis in mein Erwachsenendasein nicht anders, mochte sie in Massen , wenn nicht zu sauer. (In Österreich und Ungarn mag man sie gruselig sauer, da brachte ich sie mir in Mengen aus Deutschland mit oder bat Besucher darum!)

    Erst mit über fünfzig Jahren habe ich herausgefunden, dass ich sie in gemischtem Gemüse und „asiatisch gewürzt“ quasi als Pfannengemüse gekocht, mit Reis und Fisch sogar besonders gerne mag. Was für ein Versäumnis und alles nur, weil ich meinte, das geht nicht anders, statt diese schmalspurige Sicht infrage zu stellen.

    Ich freue mich, dass dieses eigentlich einfache Bildprojekt immer wieder mal aus so interessenten Wurzeln genährt wird. 🫜🙂

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