Die Reste von Tempeln, die während der Glanzzeit griechischen Kulturlebens erbaut und dann, in vergröberter, vergrößerter Gestalt im hellenistischen und römischen Herrschaftsbereich weiterentwickelt wurden, sind bis heute ein hoch attraktives Ziel für Touristen. Und die modernen Staaten tun nicht wenig, um für Wiederherstellung, Erhalt und Zugänglichkeit Sorge zu tragen.

Der Apollentempel von Bassae (Arkadien), zwecks Erhaltung seit langem mit einer Schutzhülle umgeben.
Was ist es eigentlich, was so viele Menschen dazu bringt, bei glühender Hitze den Akropolisberg hinanzusteigen

Akropolis, Blick auf den Parthenon, Mai 2026
den weiten Weg zum Tempel des Poseidon in Sounion auf sich zu nehmen

oder über das Ruinenfeld von Alt-Korinth zu wandern, den Reiseführer in der Hand?

Ich weiß es nicht. Erkenntnisinteresse ist es sicher nur zum Teil. Denn wer kann sich aus den Ruinen schon einen Reim machen und verstehen, wie und warum diese Bauwerke entstanden? Wer ist in der Lage, sich in die alte Kultur so hineinzuversetzen, dass die damalige Denk- und Lebensweise verständlich wird? Die meisten Reisenden verlassen den Ort vermutlich nicht aufgeklärter, als sie ihn betraten.
Der Reiz der alten Tempelanlagen besteht, so scheint mir, nicht darin, die Entstehungsdaten, Baustile und Zahl der Säulen zu erfahren. Eine Mischung aus nur halb bewussten Gefühlen und Gedanken wird wohl so manchen Besucher überkommen, wenn er durch solche einst heiligen Ruinen wandert, wandelt oder auch schleicht. Ihm wird vielleicht die Vergänglichkeit der Hochkulturen bewusst, er mag über die Perfektion früherer menschlicher Werke staunen, und auf die Stille lauschen, die unter all dem touristischen Lärm zwischen den Säulen wohnt… Wer weiß das schon. Und dann ist da der Ort: jeder dieser Bauten ist ja auf einem ganz besonderen Fleck der Erde entstanden, und die Feinfühligen spüren wohl noch etwas von den alten Kraftlinien.

Apollentempel von Bassae, innerhalb der Schutzhülle
Die Art, wie die Menschen die alten Tempel betrachten, hat sich im Lauf der Geschichte stark gewandelt, genau wie die Bauten selbst. Im Mittelalter existierten sie als ominöse von wilder Vegetation überzogene Orte, wo Geister spukten, wenn die Christen die Böden nicht versiegelten und ihre Kirchen drüber errichteten. Auf aufgeklärte Weise wiederbelebt wurde das Interesse an ihnen im 15. Jahrhundert – in der Renaissance, die an die griechische Antike geistig anzuknüpfen versuchte und in den halb verschütteten Bauten einen handfesten Beweis für die Größe der versunkenen griechisch-römischen Kulturepoche sah. Die Gesetze der alten Baukunst zu entschlüsseln, ihre Harmonien auf modernere Materialien zu übertragen und für die Gegegenwart nützlich zu machen, war eines der Hauptinteressen damaliger Architekten, zB. Palladio. Wie erfolgreich sie damit waren, zeigt die Baukunst des Klassizismus: Banken, Museen, Versicherungshäuser, Theater und Paläste in ganz Europa prunken mit griechischen Fassaden und Säulenhallen. Ob die harmonischen Proportionen dabei immer eingehalten wurden, steht auf einem anderen Blatt.
Ich selbst habe mich dann und wann mit dem Bedeutungswandel des Tempelbaus beschäftigt, so 2016 mit dem „Blutigen Tempel“

und 2015 in dem Eintrag „Tempel, Schatzhaus, Grab“, in dem ich ein großes Gemälde aus dem Jahr 2008 vorstellte.

Die heutigen Geldtempel nennt man Börsen. Das Wort „Börse“ kommt von griechisch: βύρσα ‘abgezogene Haut, Fell’. Woher denn auch der Ausdruck: jemandem das Fell über die Ohren ziehen.
www.redensarten-index.de/: „Nun werden Staaten ja nicht von Überziehungskrediten und Kreditkarten zum gedankenlosen Ausgeben verführt, sind nicht dumme, arme Leute, denen ein reicher Abzocker die Haut über die Ohren zieht, sondern sind voller bester Wirtschaftsfachleute und Experten“; „Lasst Euch nicht das Fell über die Ohren ziehen! Wehrt Euch!“; „Demokratie ist die Kunst, dem Volk im Namen des Volkes feierlich das Fell über die Ohren zu ziehen.“
Als ich 2008 das obige Tempelbild malte, dachte ich an das Finanzsystem und dass es zusammenbrechen wird. Diese Vorahnung wurde fast zur Gewissheit, als im Jahr drauf Lehman Brothers pleite gingen und die sogenannten Märkte schwankten. Seither hat man tüchtig geflickt, gestützt und Rettungsschirme aufgespannt. Aber so richtig harmonisch wirkt das Gebilde nicht mehr. Man kann kein Vertrauen haben. Es wird zusammenstürzen. Schließlich sind viel großartigere Tempel eingestürzt.
Die Überbleibsel der alten zusammengestürzten Tempel haben für mich bis heute einen Schimmer alter Verehrung um sich und können mich weiterhin beim Malen inspirieren.

Tempelbezirk Samothrake, Aquarell
Dies ist ein Beitrag zu Myriades „Impulswerkstatt“.

nicht schön, wie es auf dem zweiten Foto aussieht, doch es muss wohl so sein zwecks Erhaltung …
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Beeindruckende Bilder…
Mir kommt es auch so vor, als bekäme man an der Börse das Fell über die Ohren gezogen. Deshalb gefällt mir auch eine aktienfinanzierte Rente nicht. Riesige Geldmengen konnten gewiefte Zocker à la Trumps mit dem Elend anderer scheffeln. Ein Luftblasenspiel, das es in sich hat…
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Die alten Tempel haben etwas Erhabenes. Sie wurden, wie Du sagst, auf Kraftlinien erbaut. Die Erbauer standen wohl auch mit den „Göttern“ in Verbindung. hohen Wesenheiten, die ihnen wie „Götter“ erschienen.
Paulus schreibt davon, wie er den einen Tempel besuchte mit Namen „DEM UNBEKANNTEN GOTT“.
Fûr ihn stand der ÜBER allen anderen Tempeln.
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Atmosphäre haben die meisten der alten Tempel, griechische , ägyptische, sogar noch wenn man mit vielen anderen Touristen dort ist. Ich genieße die Atmosphäre, wenn sie eine positive ist und bleibe nicht lange, wenn es eine negative ist. Ich denke nicht darüber nach woher der genius loci wohl kommen möge, man kann es ja nicht wissen ….
Das letzte Bild gefällt mir sehr: Klarheit des Geistes drückt es für mich aus. Vielen Dank für den informativen Tempeltext !!
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