Kalenderblätter 4. Juni: Klees „Pädagogisches Skizzenbuch“, Kap.II: Perspektivisches Wahrnehmen (Raumillusion)

Ich eile durch die nächsten Seiten des Kalenders, um das Lesen des „Pädagogischen Skizzenbuchs“ mit den Kalenderdaten zu synchronisieren.

Im zweiten Kapitel geht es, wie angekündigt, ums perspektivische Wahrnehmen.

Perspektivisches Wahrnehmen betrifft nicht die zweidimensionale Fläche, sondern den Raum, und der hat drei Dimensionen: links-rechts, oben-unten und vorn-hinten.

Doch merkwürdig: Klee beginnt (II,15) mit einer zweidimensionalen Übung, die mich einigermaßen verwirrt zurücklässt. Er zeigt nämlich, wie sich parallele Linien verhalten, wenn ich im rechten Winkel drauf schaue und wie, wenn ich mich ans Ende der einen Linie stelle, so dass die andere perspektivisch abweicht. Dasselbe macht er mit einem Eisenbahngleis, dessen Schwellen sich  perspektivisch verschieben.

„Perspektivische Progression“, nennt Klee diese Verschiebung. Doch wie ist das möglich, wo doch gar kein Raum da ist? Wo bin ich? Bin ich ein Gespenst in einem zweidimensionalen Raum?

Andererseits: Die letzte Figur – Eisenbahnlinie frontal betrachtet – „verstehe ich. Es ist die bekannte perspektivische Verengung, wie man sie auf allen gerade verlaufenden Straßen, Kanälen, Gleisen erlebt“, notiere ich. Niemand wird einen Einwand gegen ein Bild haben, auf dem sich ein Weg bis zum Horizont immer mehr verengt. So muss es sein, sagen wir – wenngleich diese Art zu malen sich erst in der Renaissance endgültig durchsetzte. Ein Beispiel des holländischen Malers Meindert Hobbema aus dem Jahre 1689, heute in der Britischen Nationalgalerie, möge das veranschaulichen.

Und wo befinde ich mich hier? Nun: vor einem zweidimensionalen Bild, das in mir die Illusion erzeugt, in einen Raum hineinwandern zu können.

Die dritte Dimension wird ins zweidimensionale Bild hineingezaubert, und der Betrachter ist verzaubert.

„Das Bild hat Tiefe“, sagen die Leute vor einem solchen Bild. Und wer die perspektivische Malerei nicht recht beherrscht – die Kinder, die Naiven und das gesamte Mittelalter – seien keine ernstzunehmenden Maler.

Ganz anders die Maler selbst. Sie schlagen sich seit Cezanne mit der Frage herum, wie sie die dritte Dimension wieder aus dem Bild herauszaubern könnten. „Dies ist eine Fläche!“ rufen sie, „kein Fenster in die Welt! Kapiert das endlich!“

Zur Illustration eine der sechzig Darstellungen des Mont Sainte Victoire von Cezanne. Sie ist perspektivisch falsch: der Berg überragt die Ebene allzu sehr, und die Landschaft davor ist wie ein Riegel, der die Tiefenwirkung aufhebt.

Von Cezanne lernten die Kubisten, die die drei Dimensionen auf die zwei Dimensionen der Malfläche zurückbannen wollten, indem sie die Dinge gleichzeitig von verschiedenen Seiten abbildeten.

Zur Illustration: George Braque: Häuser in Estaque (Wikiart.com)

Houses at Estaque - Georges BraqueDie Malerei sollte nicht mehr ein „Fenster zur Welt“, sondern ein zweidimensionales Ereignis sein.  Der amerikanische Kunsttheoretiker C. Greenberg erklärte das „Flattening the picture plane“ – also die Zurückbannung des Bildes auf die Fläche – zum wichtigsten Merkmal der Moderne.

Ich sehe schon, es wird schwierig sein, schnell mit den Kalenderblättern voranzukommen.  Jede von Klees Lektionen hat es eben in sich.

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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