Auf dem Kalenderblatt zum 5. Juni schlage ich mich noch ein wenig mit dem zuvor angeschnittenen Thema herum: der Illusion der 3-Dimensionalität. Ich stellte ja fest, dass ich gegen eine Verengung von zwei Parallelen – zB bei einem Weg, der „in die Tiefe führt“ – gar nichts einzuwenden habe. Und doch! Ist es nicht merkwürdig, dass diese Illusion zwar auf der Senkrechten funktioniert, nicht aber in der Waagrechte?
Gleise mit Schwellen – senkrechte Anordnung. Kein Problem.
Gleise mit Schwellen – horizontale Anordnung. Kann ich nicht nachzuvollziehen.

Bei der senkrechten Abbildung habe ich kein Problem, mich zu verorten: ich stehe VOR dem Bild bzw auf den Gleisen und schaue in die „Tiefe“, wo sich die Linien verjüngen. Aber bei der waagrechten frage ich mich verwirrt: Wo befinde ich mich? Muss ich mich links neben das Bild in die Mitte der Gleise stellen oder rechts neben das Bild auf das „untere“ Gleis legen? Die Antwort ist: ich muss mich nirgends hinstellen oder hinlegen, sofern ich das Bild als zweidimensionales BILD gelten lasse und nicht verlange, dass es meine Welterfahrung als Mensch im Raum wiedergibt. Es werden keine wirklichen Gleise, sondern es wird ein Prinzip dargestellt, das Klee „perspektivische Progression“ nennt.
Nun aber verlässt Klee die Zweidimensionalität und beginnt mit der „Operation in drei Dimensionen“. Die erste dazugehörige Figur habe ich mit den dann folgenden Gedanken farbig überzeichnet. Das Original sieht so aus (oder fast so, denn auf dem Foto erscheint das reine Quadrat perspektivisch verzerrt):
Ich schreibe dazu und zeichne farbig ein: „Eisenbahnschienen frontal gesehen„.
Da ist den frontal gesehenen „Eisenbahnschienen“ ein „frontales Lot“ (blauviolett) eingezeichnet. Es ist die Achse, auf der der Betrachter steht. Verschiebt er seinen Standpunkt, verschiebt sich auch diese Achse – sie bleibt immer senkrecht! -, und die Winkel der anderen Linien verzerren sich.
„Lot“ nennt Klee die senkrechte Linie, die im rechten Winkel auf die Waggrechte fällt, auf der der Betrachter steht. Doch ein Lot ist es nur im zeichnerischen Sinn. „Die Senkrechte bedeutet den rechten Weg auf der Fläche“ schreibt Klee. Aha! Vor mir befindet sich kein senkrechtes Zeichenblatt, sondern es dehnt sich eine ebene Fläche, und das Lot (die Senkrechte) führt „in Wahrheit“ waagrecht in die Ferne, wie ein Zug, der auf Gleisen auf einen Tunnel zufährt und in ihm verschwindet.
Dieses Bild ergibt sich mir freilich NICHT, wenn ich auf der Grundlinie stehe. Ich muss mich aus dem Bild herausbegeben und es aus einem gewissen Abstand betrachten, so dass die schrägen Seitenlinien gleichzeitig in mein Blickfeld geraten.
Wieder werde ich konfrontiert mit dem Illusorischen der gezeichneten Perspektive. Die Gleise sind ja auf ein 2-dimensionales Blatt gezeichnet und dehnen sich nicht tatsächlich bis zum „Tunnel“ aus. Der Tunnel selbst ist nicht mehr als ein dunkles zweidimensionales Rechteck und durchaus kein Loch. Bei Pinterest kann man unter „train tunnel painting“ massenhaft Abbildungen finden.
oder eben auch mit verschobenem Standpunkt (Getty images): Hier ist der Betrachter auf einer scharf am rechten Rand verlaufenden Senkrechten aus dem Bild herausgerückt. Ich finde es sehr schwierig, mich von dem Illusorischen der Perspektive freizumachen und zu realisieren, dass ich nichts als eine zweidimensionale Abbildung vor mir habe: Linien auf einem Blatt Papier, und keine Wirklichkeit.



