Aventiure und Queste in Maroussi (eine Begegnung)

Wie soll ich es nur anstellen, von der magischen Begegnung zu erzählen, die mir gestern zuteil wurde, ohne sie zu entzaubern? Schon als ich, mich aus der Verzauberung herausreißend, Fotos davon machte, fühlte es sich an wie Frevel. Und am Abend mochte ich nicht darüber schreiben.

Nun aber will ich es doch versuchen. Vorweg will ich beschreiben, wie es dazu kam.

Ich ging gestern durch „meinen“ Stadtwald und hörte dabei ein Podcast über Parzival und den mittelalterlichen Topos vom umherirrenden Ritter. Dabei wird unterschieden  zwischen Aventiure und Queste – Bestehen von äußeren Abenteuern und innere Suche. In der Praxis sind beide miteinander verknüpft.

Ich hörte also zu und befragte mich selbst nach den Aventiuren meines Lebens und dem Stand meiner Queste, soweit sie sich auf diesen Stadtwald bezogen, den ich grad durchwanderte. Hier war ich so oft gegangen, habe vieles gesehen, erlebt, gezeichnet, gedacht, gefühlt und gewollt. Jetzt ließ ich mich einfach treiben, wohin meine Füße mich trugen. Würde sich in all dem ein Muster erkennen lassen?

Meine Füße trugen mich zu dem Ausgang, den ich all die Jahre benutzte, als ich gleich hinter der Ummauerung (der Wald ist ummauert) mein Atelier unterhielt. Es ist ein einfacher Laden mit hoher Decke und großer Fensterfront, die nach Norden schaut. Heute ist es renoviert und beherbergt ein Büro für Klimaanlagen und Sonnenkollektoren. Die Tür stand offen und ich bat, mich umsehen zu dürfen, fand aber nichts, was mich an die alte Zeit erinnerte. Der Vorplatz aber sprach zu mir: Ich sah sie alle, die mich hier besuchten, als ich meinen 60. Geburtstag feierte, es war eine Art Abschiedsparty von meinem Athener Leben. Sie standen in Gruppen zusammen, unterhielten sich lebhaft … Jeder suchte sich ein kleines Bild aus, das ich für diesen Zweck gemalt und hinter Passepartout gebracht hatte. Nicht alle, die mir  in der Erinnerung aufstiegen, leben noch, drei der Bildchen kamen zu mir zurück.

Ich ließ mich dann weiter treiben, fand einen schönen Rosenstrauss wert, fotografiert zu werden…

Einbiegend in eine gepflasterte Straße, zog der grüne Dschungel am Grund eines Trockenbaches meine Aufmerksamkeit auf sich. Vorsichtig näherte ich mich der ungesicherten Kante. Dort unten blühte massenhaft der Akanthos, von dem ich kürzlich mal wieder berichtete (hier). Ich liebe solche Orte, die wie aus der Zeit gefallen ein Loch ins Gewebe der modernen Großstadt mit ihrer dichten Bebauung, ihrem Asphalt und ihrem dröhnenden Verkehr zu reißen scheinen.

Ich suchte einen besseren Platz zum Fotografieren. Da sah ich ihn. Ihn? Ich sah einen groß gewachsenen Hund mit glänzend weißem Fell sich einen Pfad durch das Dickicht bahnen.  Einen Hundeführer sah ich nicht. Merkwürdig. So ein schönes Tier und unbeaufsichtigt? Ich stutzte. War das überhaupt ein Hund? Ja, wenn kein Hund, was dann? Das Tier sah forschend zu mir herüber. Es hatte einen sehr schönen langen buschigen Schwanz, schneeweiß auch dieser, und spitze Ohren. Etwas Katzenartiges hatte es trotz seines aufrechten Gangs. Ich war fasziniert, gebannt. Durfte ich es fotografieren? Ich zögerte. Und doch tat ich es schließlich, als es schon fast wieder verschwunden war, um ein „Beweismittel“ zu sichern.

Ich zoome es mal heran, so gut es geht:

Und nun sag selbst: Ist dieses Tier nicht ein mythisches Wesen?

Ich spähte durch eine Öffnung im Laub, umging vorsichtig das Gelände, suchte nach einem Zugang, fand auch einen. Wartete. Vielleicht könnte ich es noch einmal sehen? Aber es blieb verschwunden.

Den Heimweg machte ich auf mir von meinen Tito-Spaziergängen her bestens bekannten Schleichwegen.

Und nun? In mir fühle ich weiter die Magie und Rätselhaftigkeit dieser Begegnung  und ein Bedauern, dass ich nicht entschlüsseln kann, was mir dieses Wesen mitzuteilen hatte.

Oder doch?

Ich hatte mich bei meinem Spaziergang konzentrieren wollen auf den mit „Natur“ zusammenhängenden Teil meiner Queste. Was ist Natur für mich? Wie spricht sie zu mir? Inwieweit kann ich ihre Sprache verstehen? Und da begegnet mir nun dieses Wesen und sagt: Natur zeigt sich dir, aber sie bleibt dir ein Rätsel.

Avatar von Unbekannt

About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Autobiografisches, Fotografie, Leben, Natur, Psyche, Tiere abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Responses to Aventiure und Queste in Maroussi (eine Begegnung)

  1. Es ist unglaublich, wie die Natur in ihrer Wesenhaftigkeit zu Dir sprach: Als sei Dir gerade ein Engel begegnet.
    Nur in einer erdnäheren, naturhaften Form.

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..