Malerei: „Ein Pferd klagt an“ (Impulswerkstatt: „Kälte“)

Auch gestern habe ich wieder zu malen versucht, um mich mit meinen Alpträumen zu konfrontieren, vielleicht, dass ich sie so überwinden kann. Ich fotografierte vier Stadien der Bildentstehung, die zusammen gehören, wenngleich nur das letzte noch vorhanden ist. Das werde ich morgen auch zerstören und ein neues, hoffentlich freundlicheres Bild beginnen.

Diese Bilder sind meine Interpretation des Gedichtes von Bertold Brecht: „Ein Pferd klagt an. (Oh du Falladah, die du hangest)“. Brecht schrieb das Gedicht Anfang der 20er Jahre. Das Ereignis, auf das es sich bezieht, fand 1019 in Berlin statt. Ich sehe dies auch als einen Beitrag zu Myriades Impulswerkstatt und zum Mosaikwort „Kälte“.

Triggerwarnung: Wem das alles zu sehr an die Nieren geht, blättere bitte gleich weiter. Ich möchte meine Alpträume nicht dadurch überwinden, dass ihr sie bekommt.

EIN PFERD KLAGT AN

Ich zog meine Fuhre trotz meiner Schwäche
Ich kam bis zur Frankfurter Allee.
Dort denke ich noch: O je!
Diese Schwäche! Wenn ich mich gehenlasse
Kann ’s mir passieren, daß ich zusammenbreche.
Zehn Minuten später lagen nur noch meine Knochen auf der Straße.

Kaum war ich da nämlich zusammengebrochen
(Der Kutscher lief zum Telefon)
Da stürzten aus den Häusern schon
Hungrige Menschen, um ein Pfund Fleisch zu erben
Rissen mit Messern mir das Fleisch von den Knochen
Und ich lebte überhaupt noch und war gar nicht fertig
mit dem Sterben.

Aber die kannt‘ ich doch von früher, die Leute!
Die brachten mir Säcke gegen die Fliegen doch
Schenkten mir altes Brot und ermahnten
Meinen Kutscher, sanft mit mir umzugehen.
Einst mir so freundlich und mir so feindlich heute!
Plötzlich waren sie wie ausgewechselt! Ach, was war
mit ihnen geschehen?

Da fragte ich mich: Was für eine Kälte
Muß über die Leute gekommen sein!
Wer schlägt da so auf sie ein
Daß sie jetzt so durch und durch erkaltet?
So helft ihnen doch! Und tut das in Bälde!
Sonst passiert euch etwas, was ihr nicht für möglich haltet!

4 Stadien eines Bildes: Klebestreifen, Pigmente, Kleister und Wellpappe auf Leinwand.

Das Bild in der ersten Phase ist ein wenig der Höhlenmalerei nachempfunden. Rechts geht ein Mensch, ihm folgt mit gesenktem Haupt das Pferd. Es hat längst seine wilde Kraft verloren, geht gefangen, gezähmt und demütig, bereit, jede Arbeit für den Menschen zu verrichten, wenngleich es viel stärker ist als er.

In der zweiten Phase ist das Blut zu sehen, das in den beiden Wesen kreist, das sie verbindet und ihr gemeinsames Schicksal andeutet.

In der dritten Phase ist das Pferd zusammengestürzt und zerfetzt.

In der vierten Phase sind vom Pferd nur noch die blutige Haut und das Gekröse übrig.

 

Eine Besprechung des Gedichts und des von Brecht gewählten Untertitels (Oh du Falladah, die du hangest) fand ich hier.

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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12 Responses to Malerei: „Ein Pferd klagt an“ (Impulswerkstatt: „Kälte“)

  1. Das mag ich mir nicht ansehen.

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  2. Je älter man wird, desto schlechter schläft man. Und je schlechter man schläft, desto besser (wenn besser denn das richtige Wort ist) kann man sich an seine Träume erinnern. Oft ist das durchaus interessant, nicht selten beklemmend.
    Die von Brecht beschriebene und von Dir gemalte Szene habe ich auf einem Foto entdeckt, als ich zur Geschichte des Tempelhofer Feldes (nicht des Berliner Parks, sondern des Ortes an sich) recherchierte, über das die Geschichte mit all ihrem fröhlichen Leichtsinn und all ihrer unbarmherzigen Grausamkeit hinweggegangen ist, und im Schlaf geht die Geschichte mitten durch uns hindurch.
    Das Bild ist gut, aber wenn es dir hilft, es zu zerstören, musst Du es tun.

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  3. Avatar von m.mama m.mama sagt:

    Eine sehr traurige Geschichte. Das Schicksal von Arbeitstieren ist bis heute oft grausamst.

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  4. Gut: wenn es denn so ist, dann ist es so. Was geschehen ist, ist geschehen. Aber wo bleibt die Zuversicht?

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Die fehlt mir gerade, lieber Jürgen. Ich höre die Kriegstrommeln, lese von steigender Arbeitslosigkeit und fühle die Kälte wieder anwachsen. Wieviel Zeit wird vergehen, bis die Menschen in Berlin (wie anderswo bereits) wieder so elend sind, dass sie ein sterbendes Tier auseinanderfetzen, um sich zu ernähren? Damit das nicht geschieht, müsste sich die Politik ändern, und zwar in Bälde! Das sehe ich aber nicht. Das ist mein Alptraum. – Aber ja, ich bemühe mich um Zuversicht. Ich bemühe mich, den Alptraum abzuschütteln. In diesem Sinne: das nächste Bild wird hoffentlich zuversichtlicher sein.

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      • Habe eben Deinen Beitrag über den Spaziergang zum Garten Eden gelesen. Das war doch wohl für richte Schritt in Richtung Zuversicht. Ich weiß: der politisch – gesellschaftliche Mist um uns herum hat sich damit nicht aufgelöst, aber Dir geht es besser dank des Spaziergangs und mir, wenn ich das lese, Liebe Grüße!

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      • Guten Morgen Gerda!
        Als ich soeben beim Frühstück „Die Zeit „lese, laufen mir zwei Zitate zum Thema „Zuversicht“ über den Weg. Eins von Ernst Bloch und eins von Karl Mannheim. Sinngemäß: „ wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt.“ Und: „ es gibt zwei Gruppen: die eine betrachtet die Gegenwart als die letzte Etappe der Vergangenheit, die andere als den Beginn der Zukunft.“
        Alles Gute, Jürgen
        PS. Ich werde heute mal eine Zitrone aus deinem Garten Eden zeichnen.

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  5. Avatar von Myriade Myriade sagt:

    Gerade habe ich das Märchen nachgelesen und bin gar nicht sicher, ob ich es kannte. Jedenfalls war es keines von denen, die mich beeindruckt haben. Aber der Text von Brecht geht doch ordentlich unter die Haut: das sterbende Pferd, das sich Gedanken darüber macht, wie es den Menschen geht, die es zerfleischen … Eine Illustration von „erst kommt das Fressen dann die Moral“. Wobei die Moral von einem Tier verkörpert wird. Sehr eindrucksvoll!!

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  6. Fröhlicher Leichtsinn und unbarmherzige Grausamkeit – so zitiert von Christa Hartwig – das ist so im Menschen angelegt. Er hat es gleichsam vom Tiere, etwa der Hyäne, die es sich gemütlich macht, während es vom sterbenden Tier frisst.

    Der Mensch vermag ausserordentliches in seiner Güte, aber diese ist wie eine dünne Decke, die ein kräftiger Wind entreissen kann.
    Soll man deswegen grundverzweifeln?! Ich denke, man muss die Realität anerkennen und da, wo es möglich ist, Güte walten lassen.

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Danke, Gerhard, für deinen Kommentar, zu dem ich nicke. Güte ist ein Wort, das Brecht sehr schätzte. Darüberhinaus hat er hier die Folgen der Verelendung der Menschen im Sinn, und da reicht Güte nicht aus, sondern es ist nötig, dass die Habenden und Herrschenden etwas tun, damit die Situation für die Armen erträglich bleibt. Sonst „geschieht etwas, was ihr nicht für möglich haltet.“ Anfang der 20er Jahre sah Brecht voraus, wo das alles enden würde. Diese Klarsicht wünsche ich mir heute, und zugleich fürchte ich sie.

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