Tagebuch der Lustbarkeiten: Belebender Rundgang

Recht abgeschlafft bin ich heute am frühen Nachmittag losgegangen. Die Luft ist milde, sanft, also auf auf! Ich schleiche die Bergstraße hoch, nehme einen Feldweg, der weniger steil ist. Denke: zum zweiten Mal hast du heute die Tarotkarte „Bube der Münzen“ gezogen, die für dich bedeutet: Wie steht es mit deinen Ressourcen? Mit deinen körperlichen Kräften, um mal mit dem Wichtigsten zu beginnen? Na? Ist ja schön und gut, große Pläne zu schmieden, aber wenn du wie die Ameisen von Hamburg gleich nach ein paar Schritten schlapp machst, vergiss sie lieber jetzt als später.

Ich lehne mich, um auszuruhen, gegen die Mergelwand, die den Pfad begleitet. Voller kleiner Wunder ist sie. „Vor allem die Ressource der Geduld mit dir selbst fehlt dir,“ sage ich mir. „Mach einfach mal ein Päuschen mehr.“ Das gefällt mir. Was machen eigentlich die Mauerbienen um diese Jahreszeit?

Nichts los in der Bude, nehme ich an. Ich will ein Zweiglein wilde Minze, die ich zuvor abpflückte, in eins der Löcher stecken, um die Hände frei zu haben, bemerke dabei, dass die Bienen, diese Schlauberger, die Löcher nur am Anfang nach unten, dann aber nach oben graben.

Daneben bemerke ich ein Pflänzlein, das sich eng an die Wand anschmiegt und eins mit ihr wird. Doch auch wenn es nun eigentlich schon selbst Wand ist, wächst es wacker und grünend voran.(Draufklicken, dann siehst du es besser). Ein mich faszinierender Anblick.

Ein anderes Löchlein, fein ummauert, fällt mir auf. Wer sich da wohl eine Heimstatt geschaffen hat?

Sehr gefallen mir auch die langen dünnen Wurzeln, die sich über das lockere Gestein schlängeln und ihm ein bisschen Halt zu geben scheinen.

Vieles gibt es hier zu entdecken, aber nun gehe ich vielleicht doch noch ein Stück weiter? Die gepfropften Olivenbäumchen am Wegesrand haben sich prima entwickelt, ich freue mich. Wie sorgfältig hier gearbeitet wurde! Und gearbeitet wird, denn die Stämmchen sind ordentlich beschnitten und geweißt.

Und so gehe ich weiter und weiter, die Neugier (eine meiner Hauptressourcen) treibt mich voran, und auch die Beine fühlen sich wegen der vielen Päuschen nicht mehr überfordert.

Als ich zurück zur Straße hochsteige, um nach Hause zu gehen, leuchtet mir von Ferne ein Silberstreifen des Meeres entgegen.

Mit neuen Kräften stürme ich die Straße hoch, um einen besseren Ausblickspunkt zu erreichen. Besser ist er schließlich nicht, aber anders.

Jedenfalls zieht es mich jetzt mächtig hinunter zum Meer. Und so lande ich schließlich im Nachbardorf Akrogiali an der Küste. Meer und Himmel haben sich verfinstert, und während ich auf einem Steinwall ausruhe, ziehe ich die Jacke enger um mich. Es ist kalt. 

Es wird Zeit, nach Haus zu kommen. Ich nehme die bequemsten Pfade, begrüße das weiße Pferd, das gerne Grasbüschel von mir entgegennimmt, begrüße auch die neuen Hühner des Tierhalters (Bauer möchte ich ihn nicht nennen, denn er hält die Tiere nur für einige Zeit bis zur Schlachtung), doch die Hühner rennen weg, als ich sie fotografieren will, und so kommt nur die jetzt überall kräftig wuchernde Meereszwiebel aufs Bild.

Zu Hause lasse ich mich auf einem Stuhl vor der Haustür nieder. Letzte Sonnenstrahlen durchleuchten die verbliebenen Blätter des Aprikosenbaums und vergolden die Krone der riesigen Pinie.

Kein bisschen müde bin ich, ganz im Gegenteil. Ich stehe mit Leichtigkeit auf und hole mir eine kleine Säge, um endlich die verdorrten Zweige des weißen Rosenbusches abzusägen. Der verrusste Keller kann warten.

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Responses to Tagebuch der Lustbarkeiten: Belebender Rundgang

  1. Avatar von Lopadistory Lopadistory sagt:

    Ich kam beinahe aus der Puste, so lebendig schreibst Du …

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  2. Avatar von ele21 ele21 sagt:

    ja, Geduld , vor allem gepaart mit Gelassenheit sind zwei sehr kostbare Schätze in unserm Reiserucksack des Lebens🎒. ich freu mich auch immer, wenn ich rechtzeitig dran denke, daß ich sie ja habe; muß mir nur bei Bedarf ein passendes Stückchen rausnehmen😊
    🍀Gutes 2025 🍀 -auch in diesem Sinne u Lieben Gruß!

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  3. Ach wie wunderbar hat sich alles zum Guten gewendet! Und Du kannst mit frischen Kräften und neuem Mut wieder „vorwartsstürmen“.☺️💛✨

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  4. und die Müdigkeit verließ Dich, als sie merkte, dass sie nicht erwünscht ist 🙂

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  5. Avatar von Leela Leela sagt:

    War fast schöner als selbst spazieren zu gehen. Doch der Energiegewinn kommt nur durch achtsames, entspanntes Tun… Da muss ich noch eine Weile üben…

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  6. Avatar von steinegarten steinegarten sagt:

    Gut gemacht .. Geduld und Gelassenheit stehen bei

    mir in jedem Jahr auf der Neujahrsvorsatzliste 😀

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      🙂 Ach ja! das sind die zwei Tugenden, die mir auch sehr fehlen. Aber ich arbeite dran. Heute wartete ich eine halbe Stunde geduldig und ziemlich gelassen im Nieselregen, dass meine Mittänzerinnen kamen, und als ich grad dachte: die haben es sich anders überlegt und kommen nicht mehr, waren sie da. Normalerweise wäre ich vor Ungeduld geplatzt und hätte schwer genörgelt, als sie dann kamen. Heute nicht. Und so war alles harmonisch und schön. („König der Kelche“ – Kontrolle der Stimmungsschwankungen ist meine Übung für Januar).

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