Ausstellungsbesuch „Back to Athens“ 6: Materielose Kunst

Einige wenige Künstler und Werke nur der Ausstellung „Back in Athens“ habe ich in fünf Einzelbeiträgen gezeigt. Die Zahl der Aussteller – 165, so viel ich weiß – ist natürlich viel viel größer. Dennoch komme ich mit diesem 6. Eintrag zum Abschluss. Dieses Mal geht es um Kunst, die verschwindet, sobald man die Projektoren abschaltet. Materielose Kunst.

Αυλο μνημειο – materieloses Denkmal nennt sich der Ausstellungsbeitrag von Nikos Giavropoulos.

 

Der Anblick, der sich dem Beschauer bietet, ist etwa folgender: Eine schöne antik anmutende Vase steht auf einem hohen Sockel. Sie wird von einem Projektor angestrahlt, durch den die Vase und zugleich bewegte Schnipsel an die dahinter liegende Wand projiziert werden. Die Schnipsel tanzen wie die schwärzliche Spitze der Rauchfahne einer schlecht geschneuzten Kerze über der dunklen Schattenform der Vase.

Immateriell ist dieses Denkmal natürlich nicht wirklich, denn Vase, Projektor, projizierte Bilder sind feste Materie. Der Effekt freilich, das Bild an der Wand, ist „materielos“. Ich starre auf dieses Bild an der Wand, auf den tänzelnden Rauch. Ich denke an die Mysterien der Kabiren, die auf Samothrake vollzogen wurden: Die Kabiren wurden als Krüge vorgestellt. In den Krügen verbrannte man eine bestimmte Mischung aus Kräutern. Sie stiegen als duftender Rauch aus den Krügen hinauf zum Himmel. In den aufsteigenden Rauch sprach der Priester rhythmisch uralt-heilige Worte. Die Worte prägten sich ein in den Rauch, sie formten ihn zur Sprache. Auf diese Weise – durch das Sprechen von Worten in den Rauch der Krüge – trat der Mensch in Kontakt mit den Göttern. Aber hier? Heute? Wo sind die Großen Götter, wo ist der Duft der verbrannten Kräuter, wo das Feuer? Es ist nichts mehr davon da, nur das sinnentleerte Imago ist geblieben. Die Vase ist wohl geformt, aber frei von brennbaren Substanzen. Der Rauch ist Illusion. Ein Denkmal eben, das erinnert an etwas, was lang schon tot und vorbei ist.

Noch näher an den Begriff  „materielos“ kommt eine andere Projektion. In einen Winkel des Raums werden geometrische Formen projiziert, die wie bei einem Kalaidoskop ständig wechseln.

Das ist hübsch, aber auch ein wenig ermüdend, denn Auge und Hirn können den steten schnellen Wechsel nur oberflächlich verarbeiten. Die „Stills“ der Fotos hingegen können den bewegten Wechsel mit immer neuen Überscheidungen nicht zeigen. Und so bleibt dieses Kunstwerk eigentlich un-be-greifbar.

Manches schaue ich dann noch an und fotografiere es, aber irgendwann ist Schluss mit der Aufnahmefähigkeit. So bin ich froh, endlich einen leeren Raum zu finden. „Das ist mein Raum“, sage ich lachend zu Slobodanka Stupar, die mich auf dem Streifzug begleitet.  „Den gestalte ich jetzt mal!“

Und schon lasse ich meine Hände Schattenbilder an die leere Wand malen. „Komm, mach mit!“ bitte ich Slobodanka, und schon werden aus unseren zwei Händen …  o Wunder, vier Schattenhände, die über die Wand huschen: zwei zeigen sich in gehörigem Abstand zueinander oben, zwei andere, dunklere bilden sich weiter unten ab und berühren sich leicht wie, na du weißt schon, Michelangelo hat es gemalt.

Das ist spannend. Schon zücke ich mein Handy und fotografiere, was die Hände da treiben. Materielose Kunst!

Es gefällt mir, unsere Hände, die diese Schatten-Kunst hervorbringen, mit aufs Bild zu bringen und nicht zu verstecken. Damit klar ist: Materielos ist nur das geistige Bild, das wir uns von einer Sache machen. Sobald wir dieses Bild ins Sichtbare bringen wollen, sind wir an die Bedingungen der materiellen Welt gebunden. Das rein Geistige ist unsichtbar, das elektronisch erzeugte Sichtbare ist nicht materielos. Es ist höchstens materiearm, entblösst von den Düften, dem Gewicht, der Ertastbarkeit der natürlichen Welt, die uns zu unserem Glück immer noch umgibt.

Und jetzt gehe ich mal auf den Balkon, an meiner Rose schnuppern. Es ist zwar nur eine armselige Lidl-Rose, doch blüht sie ununterbrochen und verströmt einen feinen Duft.

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Responses to Ausstellungsbesuch „Back to Athens“ 6: Materielose Kunst

  1. Avatar von Sonja Sonja sagt:

    Die Betitelung mit „armseliger Lidl-Rose“ hat sie nicht verdient…Ich sah früher mal schönste Frauen in Neckermannkleidung sehr schön und elegant aussehen…
    Gruß von Sonja,die Eure Handschattenspiele ebenso bewunderte

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  2. Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

    Sie ist schon etwas armselig, ihre Blüten sehen ein bisschen wie Papier aus und verwelken unschön. Sie kostete auch nur 1.50

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  3. Und ein antiker Philosoph würde sich die Frage stellen, ob der Schatten der Hände oder der Vase auch schon das Ding selbst, die Vase selbst ist, gar das Wesen der Vase – ein anderer dazwischenfragen, ob sie ihr Wesen behält, wenn sie hinunterfällt – und was eigentlich mit Jenen ist, die in einer Höhle sitzen und nur die geworfenen Schatten der Weltgegenstände zu sehen bekommen…

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Danke für deinen antikisierenden Kommentar.liebe Petra! Ich nehme gern die Frage auf, was denn nun inzwischen aus denen geworden ist, die in der Höhle sitzen und immer nur die Schatten der vorbeigetragenen Gegenstände sehen. Mir scheint, das Gleichnis wurde inzwischen weitgehend zur Wirklichkeit: denn was sehen wir die ganze Zeit? Schatten, die auf die Mattscheiben unserer Geräte geworfen werden und die wir für die Welt halten… 😉

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      • …weshalb ich den größeren Teil des Tages (heute) im Garten verbrachte und (gestern, vorgestern) in Wald und Flur. Und anmerken darf, dass bei flottem Tempo, das der suchende Vierbeiner vorgibt, der Waldschatten sehr angenehm ist. Denn es gibt so viele Schattierungen!

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    • Avatar von gkazakou gkazakou sagt:

      Schön! leider haben wir keinen Vierbeiner zum Spazierengehen mehr, und Waldschatten sowieso nicht. Das Spazierengehen beschränkt sich auf Morgen- und Abendstunden, gelegentlich auch nachts.

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