Dora interviewt die Kandidaten (Sechzehntes Interview: So-wie-du)

„So-wie-du sieht ein bisschen so aus, als ob sie immer die letzte wäre, die aufgerufen oder eingeladen wird, und wenn sie dann mal redet, hört keiner zu“, sage ich zu Dora. „Es wäre nett, wenn sie nicht auch bei deinen Interviews als letzte drankäme.“ – Dora beschaut sich die Bewerberin. „Hm“, macht sie. „Was schreibt sie denn in ihrer Bewerbung?

„…Ich bin unauffällig und treu. Die Blicke der Welt ziehe ich nicht gern auf mich, ich melde mich selten zu Wort und mag nicht in Konflikt geraten. Gern stimme ich der Mehrheit zu. Im Inneren habe auch ich meine festen Ansichten, natürlich. Nicht alles finde ich gut – du etwa? Manche Farben mag ich mehr als andere – du sicher auch. Und auch die Menschen, klar, da gibt es angenehme und weniger angenehme Zeitgenossen. Da gibt es die, die immer meinen, ihre Ansichten seien die richtigen und wichtigen. Puh! Und die anderen, die unbedingt halb nackt herumlaufen müssen, um irgendwem zu imponieren oder zu provozieren. Das finde ich nicht so gut. Aber natürlich, wenn er oder sie meint…. Also bitte, hör mir mal zu. Lass dich auf mich ein. Denn es gibt mich ja, ich bin so wie die meisten. Jedenfalls wie die meisten anständigen Menschen. So-wie-du eben. Wie werde ich das nächste Jahr überstehen?“

„Hm“, macht Dora wieder. Begeistert klingt das nicht. „Na schön, gehe ich sie suchen.“

Es ist ganz leicht, So-wie-du zu finden, denn meist hält sie sich in ihrer Wohnung auf, die aussieht, wie die Wohnung anständiger Leute auszusehen hat: sauber, aufgeräumt, ein Bild über der Couch, ein ordentlicher Stapel Handtücher im Bad, eine Vitrine mit Gläsern, Fotos von Hochzeit und Taufereignissen. Und natürlich ein TV-Gerät. Das benutzt Dora geschickt, um sich Zugang zu verschaffen. Sie erscheint auf dem screen! So-wie-du ist sehr erfreut über den unerwarteten Gast. „Wie nett, dass du mich besuchst! Ich fühlte mich grad ziemlich von aller Welt verlassen. Darf ich dir eine Tasse Tee anbieten? Oder magst du lieber Schokolade? Ich habe auch Kekse gebacken.“ – Dora winkt höflich ab. „Nein, danke. Ich möchte Ihnen nur ein paar Fragen zu Ihrer Bewerbung stellen. Sie schreiben ‚Ich bin so wie die meisten‘ und dass die meisten anständig sind. Wie meinen Sie das?“ – „Wie ich das meine? Nun, die meisten Menschen sind ja anständig, wir wohnen hier in einer anständigen Wohngegend, sogar gegen die junge Asiatin, die bei den Müllers zum Putzen kommt, ist nichts zu sagen, arme Frau, hat ihre Kinder in der Heimat gelassen, um hier Geld zu verdienen, damit sie nicht verhungern, der Herr Müller, dessen Frau kürzlich gestorben ist, hat ein Auge auf sie geworfen, aber sie lässt sich nichts zuschulden kommen. Dagegen das Fräulein Hedonie hier nebenan, die sollten Sie mal sehen, und vor allem hören! Die Wände sind leider sehr dünn, und wenn sie mit ihrem …“ – Ob Fräulein Hedonie mit ihrem Dackel, ihrem Liebesleben oder ihrer Lieblingsmusik Frau So-wie-dus Nerven strapaziert, weiß ich leider nicht, denn an dieser Stelle  unterbricht Dora höflich, aber bestimmt. „Ich komme jetzt zu meiner zweiten Frage: Welches sind Ihre Lieblingsfarben? Grau und rosa? Danke. Haben Sie vielen Dank. Ich wünsche Ihnen noch viel Spaß mit dem Abendprogramm.“

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Dora interviewt die Kandidaten (Sechzehntes Interview: So-wie-du)

  1. lachmitmaren schreibt:

    immerhin ist die Hedonie wieder auf der Erde. Ich war sehr traurig, dass du die Lebensfreude in den Himmel verbannt hattest! Aber es ist anscheinend leider so, dass sehr viele Menschen auf der Erde süchtig danach sind, zu leiden: Sie schimpfen und klagen, wie schlecht die Welt ist, wie schlecht die Menschen sind, wie schlecht sie selbst sind.

    Und wenn ihnen Hilfsangebote gemacht werden, sind sie sehr empört, über die störende Person mit dem Hilfsangebot.

    Sie dienen denen, die Leid und Festhalten am Leid in dieser Welt forcieren. Denn diese „Mächtigen“ stützen ihre Macht auf die Leidenden.
    Und die Hedonie hat das Nachsehen – und wird auf den Dackel reduziert…. . Schade!

    Und ganz und gar nicht „so wie ICH“!!

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    • gkazakou schreibt:

      So-wie-du ist nicht So-wie-ich, versteht sich. 🙂 Sie entsteigt einer Schablone, wie du auf dem Bild siehst.
      Hedonie ist manchmal himmelhochjauchzend und fühlt sich dann wie im siebten Himmel. Aber sie ist weder der Erde abhanden noch auf den Dackel gekommen. Liebe Grüße! (Ich bin noch bei der Rahmenerzählung deines Romans. Danke fürs Zusenden!)

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  2. Myriade schreibt:

    Das ist nicht die allersympathischte deiner Kandidatinnen 😦

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Die anständige Frau also eine Klatschbase! Da ist Dora schnell verschwunden.

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