Verwildertes und Geisterhaftes

Noch einmal habe ich mich aufgemacht, um wandernd die innere Unruhe zu besänftigen. Diesmal führte mich der Weg in eine verwilderte Schlucht und über kaum erkennbare Trampelpfade in die Höhe und Tiefe des Olivenlands.

Die Drahtgatter, die immer wieder den Weg versperrten, ließen sich  öffnen, doch war mir nicht recht wohl dabei; denn in der Ferne und auch manchmal näher hörte ich Hunde kläffen. Auch das Weinen von Schakalen meinte ich zu hören. Es wurde auch dunkel, und so suchte ich einen Weg zurück zum Asphalt.

Als ich den Fahrweg erreichte, atmete ich auf. Der Mond (Selene/Σελήνη), immer noch als Sichel, stand hoch am Himmel,  manchmal verschleiert durch ein Wölkchen. Nahebei erblickte ich  Jupiter (Dias/Δίας) und tiefer in Richtung des westlichen Horizonts, hellstahlend, Venus (Aphrodite/Αφροδιτή).

Eine große Ruhe geht von diesen Gestirnen aus. Und so wurde es auch in mir ruhig. Ich dachte, Will.i  könnte sich wieder zu mir gesellen, schaute mich um. Das einzige, was ich sah, war ein zerklüftetes Gesicht, das sich über den halben Himmel zog, den Mond als Auge, und dann wieder verlosch.

Gestern hatte Will.i mir von den Jahresgeisterwelten erzählt. Jedenfalls war es das, was ich verstand. Er selbst hatte die Gestalt eines Mannes angenommen, der im Jahr 79 mitsamt seinen beträchtlichen Gütern vom Vesuv verschüttet wurde. (Ich zeigte es gestern hier.) In jenem Jahre hätten die Menschen verstanden, dass Katastrophen gelegentlich über Nacht kommen und ganze Städte auslöschen. Aber selbst wenn alles zerstört sei: In der Geisterwelt werde nichts ausgelöscht, gehe nichts verloren.  Was immer Menschen gedacht, gefühlt, gewollt, getan hatten, sei mit jedem Detail in den himmlischen Büchern vermerkt. So auch jetzt. Er für seine Person trage alles Wissen dieses Jahres in sich und werde es, wenn er abtrete, den himmlischen Büchern anvertrauen. Er freue sich schon darauf, diese Last abgeben zu können. Mir riet er, dasselbe zu tun. Ich müsse nicht alles mit mir rumschleppen. Wenn ich Bedarf hätte, könnte ich ja immer auf die himmlischen Bücher zurückgreifen.

Manche Jahresvertreter, sagte er, mögen nicht alles abgeben, und das geistere dann weiter durch die Geschichte. „Schau mal diesen hier“ – und er wies in die Richtung der dunklen Zypressen -, das ist eine Reminiszenz vom vergangenen Jahr; kann sich nicht entschließen sich aufzulösen.

und jenes Doppelgesicht seien zwei Wesenheiten aus dem Jahr 1873, die immer noch herumspuken…  Er verstehe nicht, warum sie sich so wichtig nehmen….

Noch viele schattenhafte Wesenheiten wies er mir, und ich versuchte sie zu deuten. Aber sie entschwanden so schnell, wie sie entstanden, und eigentlich war es ja auch nicht wichtig. Sollten sich andere drum kümmern.

Zurück im Garten empfing mich der Rosenbusch, und ich steckte meine Nase in die duftenden Blüten.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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23 Antworten zu Verwildertes und Geisterhaftes

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Wie gut, zu Hause vom duftenden Rosenbusch wieder begrüßt zu werden!

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Ist das erste Potrait Davids Kopf?

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  3. gkazakou schreibt:

    Nein. Da habe ich verschiedene Köpfe, alle aus Pompeji, überblendet.

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  4. kopfundgestalt schreibt:

    Heute erfuhr ich, dass ein impfgegner und naher bekannter im Herbst schwer erkrankte.
    Ich spürte keinerlei Genugtuung, war nur traurig, richtig traurig. Nicht, weil er sich nicht impfen ließ, sondern generell wegen der versteifung unserer aller Einstellungen.
    Ich hatte diesem Bekannten etwas empfohlen, aber er reagierte nicht drauf.
    Es ist einfach nicht möglich, dass jemand seine Einstellung verändert.
    Es gab zb auch Fälle, in denen man infizierten ohne nähere kenntnis Leichtsinn unterstellte.

    Passt nicht hierher, getda, daher lösche das nach Gutdünken. 😀😀

    Gerhard

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  5. Verwandlerin schreibt:

    Ich gehe auch gerne Spazieren, wenn mich was innerlich umtreibt

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  6. Karin schreibt:

    Was für ein traumhafter und doch ganz realer Empfang beim Nachhausekommen – ich wünsche Dir, dass Du Dich wieder mehr geborgen fühlst in den schönen Dingen, der wunderschönen Natur , Deinem Heim und vor allem Deiner Kunst, die Dich umgeben. Lieber Gruss vom Dach Karin

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  7. Ulli schreibt:

    Das sind großartige Bilder, liebe Gerda! Ja, es wird wohl langsam Zeit das Bündel des Jahres zu packen, um es loszulassen.
    Herzliche Grüße
    Ulli

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Das Bündes des Jahres packen – schön sagst du das. Ja, es wird Zeit. Vielleicht klappt es ja auch mit dem Loslassen, nicht dass wwir das Bündel weiterschleppen und im nächsten Jahr wieder aufmachen. Das Neue Jahr braucht ein Neues Thema und einen neuen Namen! Wie es wohl heißen wird?

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      • Ulli schreibt:

        Das Gute ins Töpfchen, das Schlechte ins Feuer, dann kommt das neue Thema, der neue Name für das neue Jahr, das allerdings auch nur die fortschreitende Zeit ist. Allerdings ist es eben auch gut mal wieder einen Punkt zu setzen. Am Ende diesen Jahres angekommen, brauche ich ihn dieses Mal besonders.
        Ich wünsche dir einen leichten Tag, liebe Gerda!

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  8. finbarsgift schreibt:

    Unglaublich zauberhaft, liebe Gerda, und zwar der gesamte Eintrag, wie schööön kann bloggen nur sein…
    liebe Morgengrüße vom Lu

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  9. elsbeth weymann schreibt:

    https://www.achgut.com/artikel/wissenschaftler_wehren_sich_gegen_impfpflicht._ein_zeitdokument

    Dank für Gestirne, Zeitsprünge zwischen Vesuvausbruch 79 , dem Jahr 1873.. und Jetzt…und den duftenden Rosen ! Anbei ein Artikel, der zu dem Ethik Vortrag von vor ein paar Tagen passt. Grüße aus einem verschneiten Berlin…..Ich höre gerade das Magnificat, vertont von Arvo Pärt (1986) ..schwebende Stimmen…eines von über 70 Vertonungen… weltweit. Manches geht durch die Jahrtausende, wird überpersönlich…in den “ himmlischen Büchern“…

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Elsbeth für deine schönen Worte zu Pärt und dem Magnifikat, ja, manches Wunderbare wird überpersönlich. Manches Schreckliche auch. Aufgezeichnet aber werden auch des einzelnen Menschen zahllose Klein- und Großtaten der Liebe, des Wagemuts und der Menschenverachtung.

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  10. Johanna schreibt:

    Ja in diesem Beitrag ist der Schleier zwischen den Welten dünn… dieser grössere Zusammenhang tut gut und spornt auch an, denn : unsere Taten, Gedanken, Worte leben ja weiter, und wenn man auch noch so viel Recht haben mag, das Rechthaben und nicht loslassen können hält uns hier fest…. Diese Gedanken kamen mir beim Lesen.
    Das scheint mir eine ‚gesunde‘ neue Perspektive zu sein…
    Der überirdisch schöne Rosenstrauch, den man förmlich riechen kann, ist wie eine Wunderblume aus einem Märchen…. da fällt mir Jorinde und Joringel ein, wo die Wunderblume die Schlösser der Käfige öffnete.
    💛

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  11. Johanna schreibt:

    Und weil ich auch Arvo Pärt liebe, und im Zusammenhang mit dem Schlüssel – hier das Lied ‚Oh Schlüssel Davids‘ https://youtu.be/xn-bg_Y6stU

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  12. Die langen Nächte bringen uns den Gestirnen wieder sehr nahe…

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  13. Du gehst verschlungene und geheimnisvolle Wege, liebe Gerda. Deine Bilder sind sehr eindrucksvoll und Deine Worte dazu aufschlußreich. Und doch gefällt mir das klare wunderschöne Bild des Rosenstrauches vor Deinem leuchtenden Zuhause am allerbesten.

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