Die Meerzwiebel

In dieser Jahreszeit ist wenig Blühendes auf den Feldern zu entdecken. Um so mehr erfreuen die Meerzwiebeln mit ihren weiß bestirnten Kerzen mein Auge. Sie wachsen aus dem dunklen trockenen Grund der Olivenhaine hervor, manchmal schlangengleich züngelnd und tänzelnd, übermannshoch. Geheimnisvolle Wesen sind es, giftig und wohltätig dem Menschen.

Ja, die Meerzwiebel ist giftig, aber gerade dadurch auch ein Heimittel. Pharmako heißt auf Griechisch Medizin, Pharmaki aber ist Gift. Παν μέτρον άριστο – auf das rechte Maß kommt es an.  Zu wenig hilft nicht, zu viel bringt um. Außer den schon in antiken Zeiten üblichen Anwendungen – von Wundheilung über Wassersucht und Asthma bis Rattengift – kam im 18. Jahrhundert die Erkenntnis hinzu, dass die in der Zwiebel enthaltenen Substanzen ähnlich wie Digitalis des Fingerhuts als Herzmittel eingesetzt werden kann.

Die große Zwiebel überdauert schadlos den harten Sommer und treibt nun überall die hohen Blütenstände aus. Die blühen von unten nach oben: im unteren Abschnitt sind die weißen sechsblättrigen Blüten bereits vergangen, in der Mitte sind sie voll erblüht und im oberen Abschnitt knospen sie. Die bodenständigen Blätter kommen erst später zum Vorschein. Zum Jahreswechsel zieht man so eine Zwiebel am Schopf aus dem Boden und hängt sie über die Haustür. Das ist ein sicheres Hausmittel für ein fruchtbares glückliches Neues Jahr.

Der Blütenstand, der nie ganz aufgeblüht ist, so dass man an ihm beobachten kann, wie das Leben zwischen abgeblühter Vergangenheit und knopsender Zukunft im Hier und Jetzt erblüht, wird durch die große Überlebenskraft der Zwiebel zu einem freundlichen Gleichnis. Alles vergeht und alles ist aufgehoben in der Dauer.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter alte Kulturen, Fotografie, Leben, Mythologie, Natur, Philosophie, Trnsformation abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Die Meerzwiebel

  1. Anonymous schreibt:

    Meereszwiebeln noch nie gehört. Sehr interessant!

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  2. Gisela Benseler schreibt:

    Wunderschön ist sie, die Meerzwiebel!

    Gefällt 1 Person

  3. Linsenfutter schreibt:

    Schön und spannend zu lesen.

    Gefällt 3 Personen

  4. Anke schreibt:

    Sehr interessant, von dieser Pflanze hatte ich noch nicht gehört. Faszinierend, welche Symbolkraft!

    Gefällt 2 Personen

  5. Christiane schreibt:

    Diese schlanken Stängel vor der dunklen Olive – sehr berührend. 🧡

    Gefällt 2 Personen

  6. Myriade schreibt:

    Ja, ja die Dosis macht das Gift. Sollte man immer im Auge behalten, in vielen Bereichen

    Gefällt 3 Personen

  7. Eine Meerzwiebel kannte ich bisher nicht, liebe Gerda.
    Dein letztes Bild ist unglaublich schön geworden.

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Buni, für dein Lob,das eigentlich nicht mich, sondern die Meerzwiebel betrifft. Ich habe sie übrigens auch schon früher manchmal gezeigt, weil sie auf deen Feldn, nach den heißen Sommern, als erstes wieder blüht. Nun sind auch die Zyklamen da, und heute zeigte sich auch die Lilie in meinem Garten, die ich im letzten Jahr durch all ihre Blühstadien begleitete. ..

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