Überblendung 4: Vase und Glas, Wirklichkeit und Illusion.

Angeregt durch eine gestrige Kommentardiskussion möchte ich heute noch ein wenig bei der Frage der „Unschärferelation“ bleiben.

Ich zeichnete ein Weinglas mit trübem Tonic, die runde weiße Tonvase mit Salbeistängel und künstlichem Stechpalmenzweig auf rundem Metalltischchen.

Ich fotografierte die Objekte später aus etwa derselben Position, aus der ich sie gezeichnet hatte. Ich fotografierte drei mal – mal etwas mehr aufgerichtet schräg von oben, mal geduckter in etwa auf der Ebene der Gegenstände.

Hier siehst du alle drei Fotos überblendet (50% Transparenz).

 

Wie sehen Vase und Glas „wirklich“ aus? Und in welchem Verhältnis stehen sie „tatsächlich“ zueinander?

Da bin ich nun bei einer für Zeichner typischen, für Fotogafen aber untypischen  „Unschärfe“: Als Fotograf wählt man eine Position und eine Blendenöffnung und Klick! Als Zeichner variiert man während des Zeichnens laufend Abstand, Blickwinkel Augenschärfe. Man will das nicht, aber es geschieht unwillkürlich. Denn wer ist aus Eisen? Man sinkt zusammen, man kneift die Augen zusammen oder öffnet sie, man beugt sich vor, um etwas genauer zu erkennen – und jedesmal verändern sich die Objekte sowie auch die Beziehung zwischen den Objekten und dem Zeichner. Wie der Zeichner verhält sich jeder Beobachter. Dadurch entstehen die „Fehler“, die einem Apparat nicht unterlaufen. Fehler aber in welcher Hinsicht? Sind es Fehler? Oder ist nicht vielmehr das Ergebnis des Apparats fehlerhaft, weil er eine Schärfe vorspiegelt, die nur bei toten Apparaten, nicht aber bei Lebewesen existiert und auch gar nicht existieren kann?

Nun überblendete ich das Dreifach-Foto mit meiner Zeichnung und passte die gezeichnete Vase genau in die fotografierte. Das Weinglas erscheint deutlich als „zu klein“ gezeichnet.

 

Und wenn ich nun auch das gezeichnete Weinglas an das fotogafierte einpasse? Stimmt es nun?

Was ist richtiger:  das Foto an die Zeichnung (links) oder die Zeichnung ans Foto (rechts) anzupassen?

Nichts richtig? Alles richtig? Alles Illusion? alles Realität? Es kommt darauf an?

Nun, was geht’s mich an, solange das Glas voll  ist und ich meinen Durst löschen kann.

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Antworten zu Überblendung 4: Vase und Glas, Wirklichkeit und Illusion.

  1. kopfundgestalt schreibt:

    Was ist richtiger: das Foto an die Zeichnung (links) oder die Zeichnung ans Foto (rechts) anzupassen?
    Rechts ist geschmäcklerischer 🙂

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  2. Mitzi Irsaj schreibt:

    Liebe Gerda, beim letzten Satz musste ich sehr schmunzeln. Obwohl ich mir die Bilder ganz genau angesehen habe und es faszinierend fand, wie du mit Zeichnung und Fotografie spielst, dachte ich auch einen kurzen Moment, hoffentlich hat sie den Inhalt des Glases auch getrunken und genossen. 😉

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Es sieht jedenfalls alles sehr schön und künstlerisch wertvoll und anregend aus, Gerda.

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  4. Johanna schreibt:

    Haha guten Durst 😃
    Ich wollte noch an gestern anschliessen, denn es ist wahr, dass die Zeichnungen lebendiger sind als die Fotos…. und das ist ja vielleicht Deine Aufmerksamkeit die Du dem Objekt witmest bzw dem Stift und Papier. Und es ist auch ein bisschen von Dir, Deiner Art, Deiner Lebendigkeit, Deinem Humor dabei…
    Daher wird das Foto durch die Überlagerte Zeichnung irgendwie belebt, dreidimensionaler…

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  5. Leela schreibt:

    das Foto an die Zeichnung (links) (erste, hellere Version) gefällt mir besser als die Zeichnung ans Foto (rechts), wobei… je länger ich betrachte… umso weniger kann ich entscheiden…
    Über richtig und falsch mache ich mir nur noch wenige Gedanken… Zu oft war heute richtig, was gestern falsch war…

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    • gkazakou schreibt:

      hihi, ja, wahr – und umgekehrt. („Zu oft war heute richtig, was gestern falsch war“). Aber manche wollten es nicht begreifen („Was gestern Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“, sagten die NS-Richter zu ihrer Verteidigung). …

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  6. juergenkuester schreibt:

    Liebe Gerda!
    Seitdem ich mich seit jüngstem mit Altglasfotografie beschäftige schärft sich mein Blick für Fotografisches. Zwei Dinge sind mir im Zusammenhang mit Deinem Thema der Überblendung dabei eingefallen: die Unschärfe ist mittlerweile ein festes fotografisches Gestaltungsmittel. Von da ist der Schritt hin zur Abstraktion nicht weit. Des Weiteren hat für mich beim Fotografieren die Erzeugung von Fehlern oder das Arbeiten an und mit ihnen eine große Bedeutung. Diese Fehler werden durch mein veraltetes Equipment oft zufällig manchmal auch bewusst erzeugt. Die Handhabung leistet dabei ihren Teil.
    Liebe Grüße
    P.S. sehr lehrreich fand ich Deine grundsätzlichen Überlegungen im Kommentarstrang zur Realität, der Abbildung von Realität und der Schaffung neuer Realitäten.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, lieber Jürgen, für deine Resonnanz. Ich verfolge ja mit Interesse das, was du auf deinem Blog zeigst, und habe schon so manches Mal davon profitiert. So haben sich mir insbesondere deine husch-husch-Fotos als Abtraktion durch gewollte Unschärfe, und auch deine „fehlerhaften“-Fotos, die sich von der „Realität“ durch Fehlfarben u.a. abheben, eingeprägt. Die Altglasfotos hatte ich noch nicht in diesem Zusammenhang gesehen, aber es stimmt: sie entfernen sich sogar noch mehr von der klassischen „Realität“ abbildenden Fotografie und schaffen abstrakte Bildeeindrücke .

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  7. Ich habe mich, also als ich meine Collagen schuf, wie ein Zeichner verhalten, liebe Gerda.
    Das entstehende Bild von Weitem und auch von Nahem betrachtet, die Augen zusammengekniffen und von allen Seiten betrachtet, was denn nun wie werden soll *lächel*, Ich habe immer wieder mal korrigiert, manchmal mehr, manchmal weniger, bis das Endergebnis so war, wie ich es wollte.
    Dein 1. Foto *Hier siehst du alle drei Fotos überblendet (50% Transparenz).*
    gefällt mir sehr, vor allem die Kugelvase mit der hellen Überblendung darin.

    Dann das Foto an die Zeichnung (links) angepasst, gefällt mir am besten!

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Bruni, das was du mit deinen Collagen machst, macht auch jeder Maler, nicht aber der Zeichner. Diesen muss interessieren, wie sich der Gegenstand, also das zu zeichnende Objekt verändert, je nachdem von welcher Position aus er es betrachtet. Wenn du zB eine Vase und ein Glas nebeneinander stellst und mit beiden Augen hinschaust, siehst du einen bestimmten Abstand zwischen ihnen. Kneifst du nun die Augen zusammen oder blickst nur mit einem Auge oder sackst ein bisschen zusammen oder verlagerst dich ein bisschen auf dem Stuhl…. ändert sich jedesmal der Abstand zwischen den Objekkten, es ändert sich auch der Kreisausschnitt, den du vom Becher siehst etc pp. D.h. das Objekt, das du anschaust, ändert sich . Welches ist nun „das richtige“? Das habe ich mit dem Dreifach-Foto zeigen wollen.

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    • gkazakou schreibt:

      Nun, liebe Bruni, der Unterschied hängt natürlich von der Art des Zeichnens und Malens ab. Als Maler stehe ich vor meiner Staffelei, wandere hin und her, vor und zurück. Meistens arbeite ich ganz frei, ohne Modell, so wie du ja auch, wenn du eine Collage machst.

      Der Zeichner sitzt vor einem Objekt, das er auf seinem Block festhalten will. Er sitzt still, nur sein Auge wandert hin und her zwischen Block und Objekt. Er will möglichst exakt wiedergeben, was er da vor sich sieht: eine Blume, eine Landschaft, ein Gebäude.Also darf er seine Position nicht verändern. Bei lebenden Modellen verdoppelt sich das Problem: weder er noch das Modell dürfen sich bewegen, wenn er exakt zeichnen will. Das ist natürlich illusorisch: alles Lebendige bewegt sich. Die Bewegung ist eine Eigenschaft der Realität. Fixiere ich etwas, töte ich es ab..

      Wenn der Zeichner oder der Maler mit einer Fotovorlage arbeitet, gibt es keinen Unterschied. Dann hat der Fotograf die „Realität“ ja bereits fixiert. Dassellbe gilt, wenn der Maler auf er Grundlage einer Zeichnung arbeitet.

      Ich hoffe, du verstehst nun, worauf ich hinaus willl?

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