Zimmerreise: M wie Marmor

Marmor und Holz ist es, auf denen meine nackten Füße gehen. Holz, weicher und wärmer als Marmor, bedeckt die Böden im Wohnbereich und in den Schlafzimmern, Marmor hingegen, dessen Kühle bei sommerlichen Temperaturen höchst willkommen ist, bedeckt die Böden von Gängen, Küche, Bädern und Treppen.

„Seid ihr denn so reich, dass ihr euch Marmorböden leisten könnt?“, fragt hier vielleicht einer. Nein, sind wir nicht, und es ist auch keine Kostenfrage, denn Marmor gehört hier zu den alltäglichen Baustoffen. Gewonnen wird er, wie schon im Altertum, gleich vor der Haustür: im Pentelikon. Dort findet man heute noch die alten Marmorbrüche, die das Gestein für die Akropolis lieferten, aber auch neuzeitliche, inzwischen stillgelegte Mamorfabriken, die für das Baumaterial  der schier endlos wachsenden Stadt Athen sorgten (hier ein Post dazu). Wenn du durch Athen schlenderst, wanderst du auf und zwischen den Gebeinen der Pendeli.

„Die Penteli – ja, sie ist eine Frau! – kennt man in Deutschland vor allem wegen ihres Marmors.“ schrieb ich in dem Post von 2015.  „Pentelischer Marmor: die großartigsten Tempel, die wunderbarsten Plastiken wurden aus dem Gestein dieses Bergmassivs geschaffen. Der Parthenon, die Propyläen, der Theseion-Tempel des Hephaistos, das Erechtheion mit den unvergleichlichen Kariatiden – aus den Flanken des Berges wurde der Marmor gebrochen, in Höhen bis zu tausend Metern. Der Berg ist übersät mit Narben, die weiß oder im Abendlicht rosa aufleuchten. Die verbrannten Pinien wurzeln in pentelischem Marmor.“

Dynamit-Loch im Mamorbruch

Pendeli: Marmor und verbrannter Wald

Der banale Mamor im Haushalt hat natürlich nicht dieselbe Qualität wie der Marmor, der für die antiken Tempel und Skulpturen verwendet wurde. Und so lohnt es sich durchaus, dem Mamor auch in den Museen nachzuspüren. Dann wirst du vielleicht feststellen, dass er schon seit Urzeiten für Geräte des täglichen Gebrauchs und natürlich auch für Kultgegenstände genutzt wurde (hier). Dieses Gefäß, das aus der kykladischen Kultur stammt, dürfte ca 4000 Jahre alt sein.

Marmor-Behälter, die Griffe fehlen

Und wenn ich nun meine Fußböden mit der Kunst vergleiche, die vor tausenden Jahren entstand: kann ich da etwa von Fortschritt sprechen? Nun. meinen Füßen ist es egal.

Kykladisches Museum, Marmorstatuette.

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Dies istein weiterer Beitrag zu https://puzzleblume.wordpress.com/2021/05/28/einladung-zu-den-zimmerreisen-06-2021/

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter alte Kulturen, Ökonomie, Kunst, Leben, Materialien, Natur, Serie "Mensch und Umwelt", Spuren, Umwelt, Zimmerreise abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu Zimmerreise: M wie Marmor

  1. puzzleblume schreibt:

    Kühler Marmor ist ein willkommenes Thema, jetzt, wo es hier oben im Norden auch so mediterran heiss ist. Der Aufbau deiner Zimmerreise gefällt mir, als wäre es von der ersten Erwähnung der Füsse auf dem Boden bis zur letzten tatsächlich ein echter und ein Gedankenschritt zugleich.

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  2. Leela schreibt:

    ich finde es interessant was du alles über griechische Mythologie erzählst und habe mir schon überlegt, ob ich mir ein Heft anlege, in dem ich mir die vielen Namen und Bedeutungen notiere. Oder besser eine Datei, die ich dann beliebig ergänzen kann. Ich fange da vielleicht mal gleich damit an…

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  3. Gisela Benseler schreibt:

    Wie wunderbar der Marmor ist, sieht man bei dem Dynamit-Loch. Wirklich kostbar!

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  4. Johanna schreibt:

    Wunderbar, dieses Auge im Gestein

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  5. wholelottarosie schreibt:

    Dies ist ein sehr interessant geschriebener und schön bebilderter Artikel, den ich gerne gelesen habe, liebe Gerda. Unsere Böden im Haus sind ebenfalls aus Marmor, aus Holz oder aus Granit. Ich liebe das.
    Gerda, ich wünsche dir einen schönen Sommer ☀️☀️ und sende herzliche Grüße nach Griechenland!
    Rosie

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  6. Toller Artikel über den pentelischen Marmor, liebe Gerda. Bisher kannte ich nur den Marmor und wußte um sein Gewicht. Nun ist er in meinen Augen noch viel gewichtiger geworden, Klassisch gut und überaus kostbar.
    Was sagt er Berg zum steten Abbau über die Jahrtausende? Eigentlich müßte er doch stöhnen über die Unersättlichkeit des Menschen.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, liebe Bruni. Für den Berg ist es schlimm. Ich habe darüber manchmal geschrieben. ZB unter dem obigen link: „Die kreisrunden Sprenglöcher sehen, besonders wenn man die Farben ein wenig verstärkt, aus wie blutunterlaufene Augen. Ich möchte annehmen, dass der Grund dafür die mineralischen Beimischungen im Gestein sind und nicht der Schmerz, den die Bergin Penteli empfindet, wenn man ihr die Knochen bricht.“

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  7. pflanzwas schreibt:

    Eine toll erzählte Geschichte! Dein Wissen über die Griechische Mythologie scheint schier endlos zu sein. Da geht es mir wie Lu, ich müßte mir all die Namen mal aufschreiben, um sie zu behalten und auseinanderhalten zu können. Schön auch die Verbindung deines Bodens zur Geschichte des Marmors. Auf den Gedanken bin ich noch nie gekommen, daß der naütrlich auch kühlende Wirkung hat. Eine gute Sache.

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    • gkazakou schreibt:

      Vielen Dank, Almuth! Der Kühlung dient auch der typische weiße Kalkanstrich der Häuser. Gewonnen wird er ebenfalls aus Marmorgestein. Auf Samothrake sah ich alte Kalköfen – das sind runde in den Boden gegrabene, mit Ziegeln ausgekleidete Gruben. In diesen Kalköfen verbrannten die christlich gewordenen Bewohner den Marmor der antiken Heiligtümer, von denen es auf der Insel viele gab, da die Ptolemäer (Herrscher von Ägypten) eine besondere Vorliebe für die Insel hatten. Die berühmte Nike von Samothrake kam nur davon, weil sie bei einem Erdbeben zertrümmert und begraben worden war. Auch ihr fehlen freilich Kopf und Arm. Die Samothraker machten so viel Kalk, dass es ein wichtiger Ausfuhrartikel für sie war. Außerdem machten sie Holzkohle aus den Wäldern..Von irgendwas mussten sie halt lleben….

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      • pflanzwas schreibt:

        Spannend! Und der Marmor kann brennen? – Auch das mit dem Kalk-Marmor für die Wände ist interessant. Dann müßte die Wirkung ja noch besser sein als nur mit „normalem“ Kalk. Das reflektiert das Licht bestimmt besonders gut mit den Marmorteilchen drin.

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  8. Pingback: Einladung zu den Zimmerreisen 07/2021 – Puzzleblume ❀

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