16.3.2021 Zimmerreise mit Will.ie: G wie Granathülse

2021-03-11 Zimmerreise 03-2021 F+G

Seit langem schon besitze ich eine zylinderförmige Vase aus Metall, ich nehme an, aus Messing (Kupfer-Zink-Legierung), vielleicht ist auch Eisen, Nickel und Blei drin, ich weiß es nicht. Sie ist sehr schwer dafür, dass sie nur 28 cm hoch ist und ihr Boden einen Durchmesser von 10.6 cm hat (Will.ie hats extra nachgemessen). Im unteren Teil hat sie weiche Vertiefungen, der Rest ist mit allerlei Ornamenten verziert, die hineingegraben, herausgehämmert oder hineingepunzt wurden. Wann und wo ich sie erworben habe, weiß ich nicht mehr, aber ich weiß, dass sie mir auf Anhieb sehr gefiel. Mir gefiel der Symbolismus: aus Granathülsen Vasen zu machen ist genauso sinnvoll wie aus Kanonen Pflugscharen.

Denn ja, es ist eine Granathülse vermutlich aus dem 1. Weltkrieg, die zur Vase umgearbeitet wurde. Sie steht leer auf einem Bücherregal. „Komm, wir putzen sie, füllen sie mit Blumen, fotografieren sie und nehmen sie als Ausgangspunkt für Puzzleblumes Zimmerreise!“ schlage ich vor. Und so  beginnt also unsere Zimmerreise mit dem Buchstaben G.

Als erstes geht es in die Küche. Leider ist im Unterschrank unter dem Waschbecken, wo haufenweise halbleere Plastikflaschen mit Chemikalien ihr unbeachtetes Dasein fristen,  kein Putzmittel für Metall aufzutreiben, und das Mittel, das wir schließlich ausprobieren, hinterlässt weiße Schlieren, die sich wiederum ohne passendes Putzmittel nur schlecht entfernen lassen. Nun, sei es wie es sei.

Als nächstes machen wir eine Runde im Garten. Was gibt es denn jetzt, das langstielig genug wäre, um es in diese Vase zu stellen? Am Rosenbusch finden wir einen Zweig mit drei weißen Rosen. In einer hockt die Larve eines Rosenkäfers („tut mir leid, mein Lieber, du musst das Feld räumen“, sage ich und befördere sie hinaus), eine ist verblüht und fällt ab. Die Geranien haben krumme Stiele, die kaum in die Vase passen.  Ein gelbblühender Busch und eine Fresie von Titos Grab ergänzen den Strauß, der nun in der Vase doch ganz hübsch aussieht. Bleibt noch das Fotografieren.

„So geht das nicht“, wendet Will.ie ein. Im Gegenlicht ist die Vase überhaupt nicht zu erkennen.“ Also machen wir uns erneut auf die Zimmereise, auf der Suche nach einem geeigneten Platz zum Fotografieren. Wir versuchen es mit dem Küchentisch, mit einem Hocker vor dem weißen Küchensockel, schließlich tragen wir sie vor die Tür.

„Jetzt brauchen wir noch Detailaufnahmen“, befindet Will.ie. „Lass mich mal machen.“

 

Nun habe ich unsere Gespräche, während wir die  Granathülsenvase durch die Wohnung trugen, natürlich nicht vollständig wiedergegeben. Vor allem ging es nämlich um Fragen wie: wozu braucht man Granaten, wann wurden sie erfunden, was richteten sie an, wie entwickelte man sie weiter,  um immer mehr Panzerungen zu durchschlagen, um immer mehr Menschen immer schrecklicher zu verstümmeln, und wie ist der Stand heute? Manches musste ich nachlesen, denn wer kann sich all diese Daten merken? Zum Beispiel, dass allein in der Schlacht von Verdun von den Deutschen 27 Millionen und von den Franzosen 23 Millionen Granaten verschossen wurden – zusammen also 50 Millionen solcher oder auch anderer Granaten, wie sie jetzt mein Bücherregal schmücken….

„In welchem Jahr war denn das?“ fragt Will.ie. – „1916, und die Schlacht dauerte fast das ganze Jahr, von Februar bis Dezember. Ne halbe Million deutsche Soldaten griffen an, und 200 000 französische verteidigten die Grenze.  Wieviele getötet wurden, weiß man nicht genau, vermutlich eine halbe Million junge Männer. Und es war bei weitem nicht die einzige, und nicht mal die verlustreichste Schlacht in dem Jahr. An der Sommes, wo die Briten angriffen, waren am Ende über eine Milllion Soldaten tot „. – „Armes 1916. Hat man danach jedenfalls aufgehört mit dem Krieg?“ – „Nein, durchaus nicht. Der Krieg begann wegen eines dummen Attentats im Jahr 1914 und endete erst vier Jahre später 1918, weil man einfach nicht mehr weitermachen konnte. Kaum aber war der Krieg, den man auch den Ersten Weltkrieg nennt, vorbei, ging das Dichten und Trachten vieler Deutsche auf einen neuen Krieg, auf die große Revanche.  Der begann dann 21 Jahre später und war noch mal eine Steigerung des Grauens.“ – „Aber nun sind die Menschen hoffentlich klug geworden?“  – „Ach, Will.ie, ich bin mir da leider nicht so sicher. Bestimmt sind es nicht Menschen wie wir oder unsere Nachbarn, die scharf auf einen Krieg sind. Aber fragt man sie? Der Waffenexport jedenfalls boomt“

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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19 Antworten zu 16.3.2021 Zimmerreise mit Will.ie: G wie Granathülse

  1. puzzleblume schreibt:

    Eine Zimmerreise, die es in sich hat, und die mir sehr gefällt. Ich erinnere mich, dass meine Mutter manchmal von ihren Schwestern im Austausch für die Kaffee-Pakete nach Ostdeutschland Päckchen mit Geschenken aus Metall, Holz oder Textilien bekam, die fast immer aus umfunktionierten Gegenständen bestanden, und gerade die als Blumenvasen oder Stifthalter gestalteten ehemaligen Röhren und Hülsen wurden von meinem Vater, der als 17jähriger noch in den WK II geschickt wurde, immer sehr ablehnend beäugt. Meine Mutter meintem er vermutete auch öfters solchen militärischen Ursprung, konnte aber die pazifistische Umwidmung als solche nicht wahrnehmen – es war schliesslich im Kalten Krieg, da war die Angst zu gross.

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    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank Heide. „Als 17Jähriger noch in den WKII geschickt“ – ein so kurzer Satz, und so viel Schicksalsschwere. Und dann dies schreckliche Wort vom „Kalten Krieg“, der unsere Seelen verwüstete. Auch unsere Familie war „zweigeteilt“.
      Krieg, Krieg, und will nicht aufhören. 10 Jahre in Syrien, 40 in Afganistan, und seit der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands rasant steigende Rüstungsexporte.
      Diese Zahlen spiegeln nicht nur das exportierte Tötungspotential, sondern auch die Armut und Verschuldung der Abnehmerländer wider. So stieg während der Euro-Krise die Arbeitslosigkeit der Griechen im selben Umfang wie sie in Deutschland abnahm – die Entwicklung ist spiegelbildlich. Gleichzeitig war Griechenland der größte Abnehmer von deutschen Waffen. Miliardengeschäfte macht die deutsche Waffenindustrie auch mit der Türkei. Die beiden NATO-Länder wurden in einen Rüstungswettlauf getrieben, der beide Volkswirtschaften ruiniert hat.

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  2. wildgans schreibt:

    Geschickt verpackt, Blumen und Kanonen 🙂

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  3. Mitzi Irsaj schreibt:

    Rüstungsexporte….unverständlich welchen Stellenwert sie einnehmen. Man sollte meinen, dass so etwa die meisten Menschen den Kopf schütteln lässt. Aber so lange sie nur lukrativ genug sind… wieder einmal bewundere ich die scheinbare Leichtigkeit mit der du diese Themen anschneidest. Leicht sind sie nicht, aber deine Art zu schreiben lässt auf sehr, sehr schöne Weise, Raum für eigene Gedanken.

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  4. Leider begreift nicht jeder, dass hinter solchen Statistiken ein wesentlicher Teil des Übels in der Welt steckt.

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  5. pflanzwas schreibt:

    Eine tolle Geschichte, die du weit gesponnen bzw. geschrieben hast. Die Hülse ist ja doll geworden nach ihrer Umarbeitung. Wie geschickt die bearbeitet wurde. Ja, wir sind wohl fast Exportweltmeister, aber leider geht auch sonst gerade international das Aufrüsten wieder voll los. Man kann es nicht glauben, daß immer noch und immer wieder Menschen an dieser Strategie festhalten. Trotz der deprimierenden Statistik schön geschrieben!

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  6. pflanzwas schreibt:

    da fehlt ein Komma nach Statistik 🙂

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  7. Johanna schreibt:

    Was für zauberhafte Blumen aus Deinem Garten 🥀
    …und ja, Waffen zu Blumenvasen 🙏

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  8. Nein, ich werde diese entsetzlichen Kriege mal ausklammern, liebe Gerda!

    Die umfunktionierte Vase scheint ein sehr interessantes Stück geworden zu sein.
    Mit dem zusammengesammelten Blütenstrauß sieht sie wunderachön aus.

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  9. Pingback: 3x ABC am Freitag (19.03.’21) | Puzzleblume ❀

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