Bilder von Arkadien (1) Dimitsana: blaue Blume mit Riesenbiene, der Ort, die Geschichte

Mit Bildern vollgestopft bis oben bin ich in die Mani zurückgekehrt. Welche der vielen Bilder – fotografierten und gezeichneten – soll ich nur auswählen?
Ich beginne mit dem Beginn: Kaum war ich in Dimitsana angekommen und machte meinen ersten Bummel, die herrlich kühle frische Luft tief einatmend,  bemerkte ich an der Felswand blaue Blüten, die von riesigen Bienenwesen besucht wurden. Ich zückte mein iphone, zoomte heran und knipste. Bestimmt fünf mal. Das Ergebnis? O weh!

 

Die nächsten Fotos machte ich vom Balkönchen unserer Pension in zwei Richtungen: links blickt man hinauf zu einigen der erstaunlich hohen gut renovierten Steinhäuser, rechts hinab zur Hauptstraße mit ihren kleinen Geschäften, Cafes und Tavernen. Noch war der Himmel blau wie die Blüten am Fels.

Was kann ich euch über dieses „Dorf“ mit seinen heute grad mal 342 Einwohnern sagen? (1960 waren es noch 2000). Es liegt fast 1000 m über dem Meeresspiegel an einer Schlucht, die von einem wasserreichen Fluss durchströmt wird. In dem wurde Zeus gleich nach seiner Geburt gewaschen – daher der Name Loussios (luso – waschen).

Nicht nur die Mythologie, auch die Geschichte geht weit weit zurück: zur Zeit des Trojanischen Kriegs (ca 1200 vor Chr.) hieß der Ort Teuthis – ein Stück der zyklopischen Mauern ist erhalten und von neuen Gebäuden überbaut.

Mauer von Teuthis, vermutlich 13. vorchristliches Jahrhundert

In der Zeit der Türkenherrschaft konzentrierte sich hier nationaler Widerstand: unweit des „Klosters des Philosophen“ wird eine „geheime Schule“ gezeigt, die nur über einen in den Felsen gehauenen Pfad zu erreichen ist und deren „Schulräume“ durch eine Art Felsgalerie erschlossen wurden. Mönche waren die Lehrmeister.

Man spürt bis heute die zentrale Bedeutung, die die Kirche einst hatte. Nicht nur sind entlang des Loussios die wundervollsten Klöster aufgereiht, sondern der kleine Ort enthält auch eine beträchtliche Zahl eindrucksvoller Kirchen. In der zweiten hier abgebildeten, nun zerfallenden Kirche  diente der Großvater meines Mannes als Priester.

Bei den Griechen hat Dimitsana aufgrund seiner heroischen Geschichte einen besonderen Klang und Geruch: Barouti – Pulver stellte man mithilfe von Wasserkraft für die Gewehre der Kämpfer her, die sich zur nationalen Befreiung gegen die osmanische Herrschaft verschworen hatten. Als es nichts mehr gab, um Patronen zu drehen, opferte die Gemeinde ihre Bibliothek: in das Papier wurde das Pulver eingerollt.

Wie das Leben früher war? Ein Wandbild in einer Gasse erinnert daran. Ich sah es in der Ferne, wunderte mich, ging näher heran und noch näher.

Heute lebt der Ort vor allem durch Tourismus. Natur, Architektur und Geschichte bilden einen schönen Zusammenklang,  der nicht nur einheimische Reisende anzieht. So stolz sich behauptend unter einem nun schweren Himmel und inmitten der wilden arkadischen Landschaft sah ich Dimitsana am Samstag, als wir hinaufstiegen zum Kirchlein Ag. Paraskevi.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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15 Antworten zu Bilder von Arkadien (1) Dimitsana: blaue Blume mit Riesenbiene, der Ort, die Geschichte

  1. Von 2000 Einwohnern nur noch 342 übriggeblieben, daß ist traurig! Es scheint für die jüngeren keine Perspektive dort zu geben? Dieses Dorf hat bestimmt eine ganz besondere Aura! Deine Fotos sind klasse, weil Du die Perspektiven gut rüberbringst!

    Jetzt noch was anderes Gerda, was ist eigentlich aus dem wunderschönen Haus Deiner Bekannten geworden, daß zum Verkauf stand?

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  2. gkazakou schreibt:

    Danke, Babsi. Dieses Dorf ist sogar noch echt lebendig, sehr viel wurde in den letzten Jahren gebaut und renoviert. Als ich das erste Mal Ende der 70er Jahre dort war, gab es fast nur Ruinen und die verbliebenen Leute waren alt. Die Jüngeren wanderten in die USA und nach Australien aus. Aber dann kam eine Straßenverbindung, es gab die neuen EU-Progamme für die regionale Entwicklung , es kamen auch Bauarbeiter aus Albanien, die sich mit Stein auskannten, und seither ist neues Leben ins Dorf eingezogen. Die Bausubstanz ist fantastisch.
    Das Haus meiner Bekannten ist „weg“. Sie hat es an einen Freund verschenkt.

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  3. pflanzwas schreibt:

    Ein beeindruckendes Dorf und so viele Kirchen, wow! Das Leben war sicherlich nicht leicht dort, aber der Ort scheint eine große Anziehungskraft zu haben, daß die Menschen wiederkehren, wo es bessere Verbindungen gibt. Hoffentlich werden es noch mehr Einwohner. Zyklopische Mauern, wie wahr. Auch die sind beeindruckend. – Die Blauschwarze Holzbiene bekommt man nur schwer aufs Foto 😉 Die ist meist schneller als wir 🙂

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  4. mmandarin schreibt:

    Danke Gerda für deinen Bericht. Ich lese ihn zu nächtlicher Stunde und er löst Sehnsucht aus. Wie gerne würde ich allein durch diese Gassen schlendern, den Geräuschen aus den Häusern lauschen, die Atmosphäre aufsaugen. In diesem Jahr bin ich noch nicht gereist, was ich auch nicht vermisst habe, aber nun packt es mich doch. Nochmals danke

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    • gkazakou schreibt:

      Danke dir, Marie. Wir sind in diesem Jahr auch nicht gereist, dies war unser erster Ausflug mit Übernachtung – seit zwei Jahren. Ich empfinde es als unbedingt notwendig, ab und an die gewohnten Räume zu verlassen und in fremde einzutauchen. Wir konnten wegen Tito, der alt geworden war, nicht mehr verreisen, und du hattest den Umzug. Und nun fühle ich mich frisch belebt. Liebe Grüße!

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  5. nandalya schreibt:

    Spontan fiel mir dieser Satz ein: „Durch (die) Geschichte gehen.“

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    • gkazakou schreibt:

      das ist wahr. Mir gehts hier in Griechenand immer so. Da steht doch wahrhaftig ein neues Gebäude auf einer 3 000 Jahre alten Mauer, als wärs nix Besonderes. Und es ist ja auch nichts Besonderes, denn Geschichte setzt sich immer fort, von Episode zu Eposide, die sich überlagern. . …..

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  6. Gisela Benseler schreibt:

    Dimitsana, – wie die Häuser sich den Berg hochziehen, schön. Der Ort wurde durch Deine Betrachtungsweise mit neuem Leben gefüllt.

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  7. kopfundgestalt schreibt:

    …die blaue Holzbiene 🙂

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    • gkazakou schreibt:

      danke, Gerhard! Du hast sie also erkannt, aus den zwei Hälften, die aufs Bild gerieten. Ja, und es gab erstaunlich viele davon, ich sah sie wieder bei einem Halt in einem anderen Dorf, und wieder bei dieser schönen blauen Blume, die an den Felsen wächst. Leider flog sie weg, bevor ich fotografieren konnte, und warrten, bis sie wieder kam, ging nicht, ich war ja nicht allein unterwegs.

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  8. Beeindruckende Landschaft und Orte. Wieviel schöner ist es doch, wenn sie wieder lebendig werden!

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  9. www.wortbehagen.de schreibt:

    Fast 1.000 m liegt dieser geschichtsträchtige Ort hoch, liebe Gerda. Wow
    Was für ein Wunder, daß er noch oder besser wieder existiert und danke für Deinen hochingeressanten Bericht darüber.
    Der neugeborene Zeus, der im Loussios gewaschen wird. Ein Gott und doch sooo unendlich menschlich.

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