IX Der Eremit (Legebild-Collagen)

Sehr aktuell diese Karte, ohne Frage. Wir alle sind ja nolens volens zu Eremiten geworden. Ein paar Zitate von Tarot-AuslegerInnen, aus dem Netz gefischt: „innere Emigration“, „Weg zum inneren Selbst“, „Abschotten nach außen hin“, „Abstand gewinnen, um etwas als Ganzes zu sehen und so neu beurteilen zu können“, „man gewinnt die Erkenntnis, dass die größte Kraftquelle in uns selber ruht“. „Diese Karte verspricht eine Zeit voll neuer Erkenntnisse über sich und die Welt“ und schließlich, als Mahnung fast für die heutige Zeit: „dass Der Eremit zurückblickt in einer Art Reflektion, um alte Ziele und Erkenntnisse einer Prüfung zu unterziehen. Dies ist absolut nötig für eine Neuorientierung.“

Ganz ähnliche Ratschläge lese ich in vielen Beiträgen und Kommentaren. Nutze die Zeit zur Selbstprüfung!  Die gesamte Menschheit möge das tun, damit die notwendige Neuorientierung auch im Außen gelinge.  Dann könnte das verordnete Eremitentum tatsächlich dem Wohle des Ganzen dienen.

Da wir nun alle, ob jung oder graubärtig, wie Eremiten leben sollen, habe ich ihn nicht wie üblich als alten Mann dargestellt, der, gestützt auf seinen Stock, hoch oben in den Bergen seiner kleinen Lampe folgt. Meine Eremitin – es kann auch ein Eremit sein – ist nicht in einen grauen Mantel gehüllt, sondern ihr Mantel ist von farbigen Zeichen übersät. Sie wendet uns den Rücken zu, so dass wir nur einen schmalen Streifen ihres Gesichts erspähen können. Sie trägt eine flammengleiche Krone im nachtschwarzen Haar. Versunken in den Anblick dessen, was geschehen ist und weiter geschieht, bedenkt sie sich und hält Ausschau nach himmlischen Zeichen, die sie mit ihrem spiralförmigen Licht-Organ auffangen und deuten möchte. 

Sie geht und schaut und versucht zu begreifen, zu deuten, eine Einstellung zu gewinnen zu sich selbst, zu ihrer Biografie, zur Geschichte ihres Geburtsvolkes und was denen angetan wurde, die nun ihr Lebens-Volk sind, zur Abhängigkeit von technischer Infrastruktur, zu den Lebensräumen und Lebensformen der anderen, zu der gigantischen Stadt, zu Kampf, Teufel und Tod und zu vielem mehr. (Bitte die Einzel-Bilder anklicken)

Sie fühlt sich beim Schauen nicht allein. Eine kleine Putte hält eine Leiter bereit, wer weiß, wozu nütze. Genauso der Bauklotz. Vielleicht der Grundstein für ein neues Weltgebäude?

Und während sie denkt und schaut und zu begreifen sucht, wird sie selbst von einer höheren Warte aus betrachtet. Wird sie dem melancholischen Engel ein Lächeln entlocken können?

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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15 Antworten zu IX Der Eremit (Legebild-Collagen)

  1. lyrifant schreibt:

    Ganz bestimmt wird sie das – also dem Engel ein Lächeln entlocken 👼

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  2. gkazakou schreibt:

    danke! Mir hast du nun ein ganz breites Lächeln entlockt, das gar nicht aufhören will.

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  3. Ule Rolff schreibt:

    Eine Eremitin nun – ja, das passt natürlich gut und zeigt zugleich, dass das Aktuelle so einmalig nicht ist. Die Menschen haben sich nur unverwundbar geglaubt, klüger, schneller … sich ein wenig fernzuhalten ist für vieles gut, du hast es beschrieben. Für Menschen, die auch zuvor schon gerne zurückgezogen lebten, ist das Vertraute trotz der Übung nicht leichter jetzt, zu viel lastet auf dem, was vorher Freiheit bedeutete.

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    • gkazakou schreibt:

      danke, Ule, da gebe ich dir recht … sich zurückhalten, nachdenken, pausieren ist nicht schlecht. Ich tue es ja sowieso, lebe zurückgezogen, anspruchslos. ABER „zu viel lastet auf dem, was (vorher) Freiheit bedeutet(e)“. Etwas anderes ist es, sich zurückzuziehen, weil man es für nötig erachtet oder weil das Alter, die Krankheit einen dazu zwingen, etwas anderes, durch Staatsmacht getrennt zu werden von seinen Mitmenschen und von der Natur. Trennt uns denn wirklich der Virus? Befiehlt mir der Virus, zu Hause zu bleiben und nicht in die Natur hinaus zu gehen? Nicht ans Meer zu fahren, um durchzuatmen? Wie ein Gespenst zu leben, getrennt von allen Menschen? Man schützt uns – vor dem Leben selbst!

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      • Ule Rolff schreibt:

        Nein, Gerda, nicht das Virus befiehlt mir etwas, auch nixht die Regierung, sondern mein Wille, dem Virus die Verbreitungsmöglichkeit abzuschneiden – und die geht von Mensch zu Mensch. Ich möchte nicht für einen einzigen erkrankten Menschen verantwortlich sein – und ich kann nicht wissen, ob ich selbst infiziert und damit ansteckend bin, also halte ich mich fern. Je eher sich alle daran halten, um so eher sind wir wieder frei.

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    • gkazakou schreibt:

      Wenn du es selbst entscheidest, weil du es einsiehst und die Verantwortung für Ansteckungen nicht übernehmen willlst, dann hast du keinen Konflikt, sondern eben nur die selbst auferlegten Einschränkungen. Das ist eine erstrebenswerte Einstellung, der ich uneingeschränkt zustimme. Es ist so, wie wenn ich bei Sturmwarnung nicht rausschwimme, um niemenden zu zwingen, mich zu retten, falls ich mich überfordert habe. Das ist normale Rücksichtnahme. Es ist so, wie wenn ich Regeln im Straßenverkehr einhalte, um niemanden zu gefährden, und auch mal halte, wenn ich eigentlich fahren dürfte und auch mal nicht halte, weil niemand da ist. Viele Jahre fuhr ich überhaupt nicht Auto, weil ich niemanden schädigen wollte, was ja immerhin passieren konnte. Wenn ichs recht bedenke, müsste Autofahren ganz verboten werden, weil es immer Menschen gibt, die die Regeln missachten. .

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      • Ule Rolff schreibt:

        Genau so. Dennoch ist diese Rücksichtnahme belastend, weil ich die Begleitumstände des auslösenden Grundes so furchtbar finde.
        Und was das Autofahren betrifft: eigentlich überfordert es in seiner Komplexität die menschlichen Dimensionen komplett; und wären wir uns dessen bewusst, wären wir starr vor Schreck in jedem Moment der schnellen Fahrt.

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  4. Gisela Benseler schreibt:

    Gerda, ich bin jedesmal wieder erstaunt, welche neue Gestalt uns da nun wieder begegnet. Es gibt ja so viele Aspekte, das Leben zu betrachten und auch sich selbst im Rückblick. Die „innere Emigration“ finde ich gut, allerdings nicht auf Dauer. „Man schützt uns vor dem Leben“, das kann ich irgendwie nachfühlen. Zum Glück kann ich ja auch allein noch einige einsame Wege in die Natur machen. Für mich ist jetzt der Weg zum Friedhof mit der schönste. Das hätte ich nie gedacht. Aber tatsächlich ist es so. Und somit fühle ich mich eigentlich gar nicht eingesperrt. Und schreiben kann ich ja auch noch und habe somit viele Kontakte zur Ausenwelt. Es gibt also Schlimmeres, und rückblickend werden wir vielleicht sogar noch dankbar sein für die uns verordnete Besinnungspause.

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Gisela, ich freu mich, dass du für dich einen Weg gefunden hast, an den Einschränkungen nicht besonders zu leiden. Wir sind alt, da ist es normal, anzuhalten und mehr in die Rückbesinnung zu gehen, und eigentlich brauchen wir dafür auch gar keine Verordnung. Solange die Beziehung zur Natur möglich ist, habe ich auch keine Einwände.
      Aber ich denke eben nicht nur für mich. Wer heute jung ist, will vorwärts leben und sich nicht rückbesinnen. Denn da ist noch nichts. Er will nicht Halt machen, sondern hinaus ins Leben, will Erfahrungen sammeln, Menschen treffen, sich finden in der Begegnung, im Abenteuer. Das wird ihm nun – angeblich aus Rücksicht auf uns Alte, in Wahrheit aber, weil das Gesundheitssystem morsch ist – verwehrt. Ich möchte diese Rücksicht nicht. Ich will nicht, wass jemand seine Jugend meinetwegen nicht lebt. „Ihr habt mir meine Jugend gestohlen“ – dieser sinnlose Satz Gretas ist nun wirklich für viele wahr geworden.
      Die Erwachsenen, die im Beruf stehen, werden in die eine oder andere Richtung gezerrt: übermäßig viel Belastung oder eine ganz und gar unnatürliche Pause wird ihnen zugemutet. Gut, sie können damit umgehen, können versuchen, das Beste draus zu machen. Für sie will ich nicht sprechen. Sie können für sich selbst sprechen.
      Herzliche Grüße! Gerda

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      • Gisela Benseler schreibt:

        Ja, sie können und werden für sich selbst sprechen. Das ist dasBesondere an dieser merkwürdigen Situation: Daß nun ganz vieleMensxhen anfangen, selbst über alles tiefer nachzudenken, und so werden sie sicher auch persönliche Wege heraus aus dieser Misere finden. Ja, und wir denken natürlich auch nicht zuerst an uns selbst, versuchen, auch „hinter die Kulissen zu schauen“. Da könnte uns allerdings bald gruseln. Aber andererseits denke ich, das es besser fpr alle ist, wenn sie ruhig bleiben und jeden Tag als ein geschenk des Himmels ansehen, um daraus noch etwas Gutes zu maxhen: nicht nur für uns selbst.

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  5. kowkla123 schreibt:

    ich wünsche dir/uns etwas Entspannung, Klaus

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  6. Ulli schreibt:

    Gosh, ist die (der) schön! Schon immer mochte ich diese Karte sehr und nun noch mehr. Ja, Gerda, das sind die Fragen im Jetzt. Möge sich jede Einzelne und jeder Einzelne besinnen, was wirklich wichtig ist. Höher, weiter war es noch nie!
    Herzensgrüße an dich,
    Ulli

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  7. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Was für eine schöne, interessante Figur, Deine Eremitin, liebe Gerda.
    Zur Zeit leben wir ohne unsere üblichen Kontakte, von denen viele sehr wichtig für uns sind.
    Nun nehmen wir uns zurück, bleiben zuhause und wenn wir nach draußen gehen, achten wir auf großen Abstand zum Nächsten. Doch würden alle Menschen immer in dieser Isolation leben müssen, würden wir in unseren Gefühlen verarmen und es würde uns nicht gut bekommen.

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    • gkazakou schreibt:

      einen Monat oder zwei kann man es aushalten, alles danach ist Qual, nicht nur für die Jungen,die sich selbst und neue Freunde finden möchten, sondern auch für die Älteren, die fühlen, dass ihr Leben sinnlos zu Ende geht. Ein intensives Leben ist besser als ein langes Leben. Schwer stirbt, wer nicht gelebt hat.

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