Im Lauf der Zeit – Collage und Gedanken über Kontextualisierung

Noch eine kleine Collage: Der euch bekannten Galerie-Szene habe ich das Foto eines marmornen Kindes beigefügt, das ich im Museum von Vravrona fotografierte. Diese Figur (aus em 5. vorchristlichen Jahrhundert) dient mir als Rahmenhandlung oder Ausgangspunkt der nachfolgenden Erzählung (Galerie). Durch den neuen Kontext ändert sich der Inhalt der Galerie-Szene. In der Geschichte nennt man so etwas Kontextualisierung.

Kontextualisierung gehört zu den wichtigsten Zaubertricks der Geschichtsschreiber und Politikausleger: Wann lässt man eine Ereignisreihe beginnen? Da wir in Ursache-Wirkungs-Ketten denken, wird suggeriert, dass das Ereignis A „am Anfang“ alles weitere ausgelöst hat. Vom gewählten Kontext hängt es ab, ob ich in der Welt Fortschritt oder Niedergang sehe….

Die Wahl des „Anfangsereignisses“ bestimmt meinen Blickwinkel, bestimmt, was ich für Ursache, was für Wirkung halte, wem ich Recht gebe und wer Schuld hat…. Probier es mal aus, mit irgendeiner Streitfrage, egal welcher. „Wann beginnt das Leben eines Menschen?“ oder  „Wem gehört die Krim?“ oder „Wer ist schuld am 1. Weltkrieg?“- egal. Der meiste Streit unter Menschen wäre zu vermeiden, wenn man sich über die „korrekte“ Kontextualisierung einigen könnte.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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39 Antworten zu Im Lauf der Zeit – Collage und Gedanken über Kontextualisierung

  1. Myriade schreibt:

    Das ist interessant, allerdings fürchte ich, dann blieben immer noch die unterschiedlichen Prämissen. Jemand, der/die an die Existenz eines Gottes glaubt und ein/e Atheist/in werden sich über vieles nicht einigen können, vor allem wenn es sich um abstrakte Fragen handelt

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    • gkazakou schreibt:

      Wenn man sehr weit zurückgeht, dann ist eben das „Anfangsereignis“ entweder die Erschaffung der Welt durch Gott (oder Göttin) oder der Zufall oder …. Und daraus leitet sich dann eben alles Nachfolgende ab. Dann kommt es zu so beliebten primitiven Rück-Schlüssen wie: wenn Gott all das Unglück zulässt, dann ist er nicht gut und-oder nicht allmächtig, ergo gibt es den guten allmächtigen Gott nicht, ergo gibt es überhaupt keinen Gott, ergo ist die Schöpfungsgeschichte ein Märchen, ergo beruht alles auf trial and error etc pp. Das Denken in solchen Kausalreihen ist besonders in der westlichen Welt sehr verbreitet, Es hat auch die modernen Naturwissenschaften hervorgebracht, die dann im Umkehrschluss auch auf transzendente Themen angewendet werden.

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    • gkazakou schreibt:

      Primitiv im Sinne von vereinfachten Ursache-Wirkungs-Ketten und logischen Scheinschlüssen. Über den Inhalt – also über die Frage, ob es den guten allmächtigen Schöpfergott gibt oder nicht – habe ich kein Urteil abgeben wollen. eine Meinung habe ich dazu nicht.

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  2. Es erinnert mich an, wer war zu erst da, daß Huhn oder das Ei! Manchmal weiß man einfach nicht wo der Anfang war! 🤔

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    • gkazakou schreibt:

      man weiß es nicht, liebe Babsi, aber es wird per Gesetz oder Lehrbuch festgelegt. Und wehe, du hast eine andere Auffassung davon, wo eine Geschichte beginnt. Nimm den Streit zwischen Christen und Islam: für Moslems ist klar, dass die Kreuzzüge der Anfang des Übels waren und dass die Reconquista eine blühende islamische Kultur auf der iberischen Halbinsel zerstörte. Seither haben die christlichen Länder nicht aufgehört, die moslemischen Länder anzugreifen, auszuplündern und zu erniedrigen. – Für Christen ist klar, dass die Moslems mit wilden Heerscharen alte Kulturen zerstörten, fast Wien genommen hätten und in Spanien und Italien weit ins christliche Herrschaftsgebiet eingedrungen waren. Zum Glück konnte man sie zurückschlagen. Jetzt drohen sie uns wieder zu überrennen.

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  3. Ule Rolff schreibt:

    Glaubst du nicht, dass sich der Streit genau daran entzündet: wo liegt der Anfang der Erzählung? Genau darauf können sich die Menschen gerade nicht einigen. Und in vielen Fällen „verliert“ der weniger gebildete Mensch die Debatte, weil er nicht weiß, dass vor dem behaupteten Beginn noch andere Ereignisse für anderen Kontext lagen. Ist frustriert, wütend … mit den bekannten Folgen.

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    • gkazakou schreibt:

      Doch, genau das denke ich: an dem „Anfangsereignis“ entzündet sich der Streit. Habe ich mich da missverständlich ausgedrückt? Wo ich jeweils das Anfangsereignis setze, hat, glaube ich, zwar auch mit Bildung zu tun, aber vielleicht noch mehr mit Interessen und Propaganda. Und mit meinem eigenen zeitlich-räumlichen Kontext (wann lebe ich wo).. Nimm zB die Generation des Versailler Vertrags: sie konnte sehr wohl wissen, dass dem 1.Welltkrieg andere Ereignisse vorausgingen (dt-frz Krieg, französische Niederlage, Ausrufung des deutschen Staates ausgerechnet in Versailles). Für viele Deutsche begann die Geschichte mit dem „ungerechten“ Versailler Vertrag von 1918, für viele Franzosen mit der schmählichen Niederlage von 1871.
      Oder nimm die Abtreibungsdebatte: für die einen ist „klar“, dass Embryos nach 3 Monaten anfangen, Menschen zu sein, für andere beginnt der Mensch mit der Empfängnis, für wieder andere ist er auch vor der Empfängnis da und wartet auf den richtigen Moment, um sich zu inkarnieren, wieder andere finden Abtreibungen auch mit 5-6 Monaten noch gerechtfertigt, weil „das ja noch kein lebensfähiger Mensch ist“.
      Jede Gesellschaft neigt dann dazu, solche Fragen per Gesetz oder Lehrbuch zu entscheiden und die, die andere Anfänge setzen, zu verurteilen.

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      • Ule Rolff schreibt:

        Nein, ich glaube, du warst nicht missverständlich, sondern ich habe deinen Schlusssatz falsch interpretiert, nämlich als sei die Einigung auf einen Kontext die Lösung, und nicht das Problem. Sie wäre ja auch die Lösung, ist aber nicht so einfach herzustellen.
        Ich glaube, wir stimmen in dieser Frage ziemlich überein, liebe Gerda.

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    • gkazakou schreibt:

      danke, ja, den Eindruck habe ich auch.

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  4. Ulli schreibt:

    Ich glaube nicht, dass es so einfach ist – allein die Diskussion über die Kontextualisierung dürfte schwierig sein, wenn schon hier jede und jeder eigene Anfangspunkte hat. Geht es nicht viel mehr darum in größeren Kreisen zu denken als in Punkten und Linien?

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    • gkazakou schreibt:

      Gerne, Ulli, denke ich in größeren Kreisen. In meinen Raum-Zeit-Collagen versuche ich das Gleichzeitige von Ereignissen, die sehr weit auseinander liegen, sichtbar zu machen.
      Was ich hier ansprechen wollte, ist, dass das Denken in Ursache-Wirkungs-Reihen im Westen das Normale ist. In der indischen Philosophie ist diese lineare Denkweise nicht so zu finden.
      Meine Collage ist sicher keine Ausgeburt des Ursache-Wirkungs-Denkens: die Skulptur ist kein Anfangsereignis, keine Ursache für das, was dann in der Galerie gezeigt wird, auch wenn man sich von links nach rechts auf einer Zeitachse zu bewegen scheint. Ich nenne es „Rahmenhandlung“, denn es hebt den Inhalt „Galerie“ aus der Gegenwart in einen größeren Zeitkreis. Ich überlegte erst, noch eine zweite solche Collage zu machen, in der ich ein zukünftiges Ereignis an den Anfang stelle. In der Literatur liegt die Rahmenhandlung ja meist zeitlich NACH der Haupthandlung.
      Sicher kommen mir dazu noch weitere Gedanken und Bildgestaltungen.

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    • gkazakou schreibt:

      ? das Bild ist ziemlich groß. was kannst du nicht sehen?

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      • Ulli schreibt:

        Sorry, ich habe deins gestern nicht wirkllich verstanden, mein Kopf ist doch noch ziemlich matschig.
        Mir ging nur noch später durch den Kopf, dass ich den Anfangspunkt bei den Höhlenmalereien setzen würde und nicht bei einer griechischen Skulptur 😉 und schon hätten wir eine feine Diskussion 🙂

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    • gkazakou schreibt:

      A, fein, so dachte ich mir diese Bild-Anregung. wo setze ich den Anfang? den Anfang wofür? Ich zeige jetzt gleich noch eine zweite Collage, in der ich als „Anfang“ eine mittelalterliche Holzschnittgruppe setze, die die drei Weisen aus dem Morgenland zeigen. … 🙂

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  5. Verwandlerin schreibt:

    Sehr schön erklärt.

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  6. Gisela Benseler schreibt:

    Ich bin für die schlichte Wahrheit. Die ist aber sehr komplex.

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  7. Gisela Benseler schreibt:

    Dadurch daß Du die Figur links ins Bild gestellt hast, und zwar in den Vordergrund, rückt die übrige Gestaltung (Kollage) weiter in den Hintergrund, und es entsteht eine räumliche Wirkung. Das gefällt mir an dem Bild. Gerda.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Gisela. Genauso hatte ich es gemeint. Wenn man einen größeren Rahmen setzt, relativiert sich die Ereignisreihe, auf die man blickt, und wird unbedeutender.

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  8. afrikafrau schreibt:

    Sehr spannend d.ieses zu lesen, Ursache und Wirkung und die diversen Interpretationen, meistens heute uns so präsentiert wie es gerade passt, zu kurz gedacht, da alles miteinander zu tun hat, philosophische Betrachtung wird gegen wissenschaftliche und geschichtliche gestellt und dann noch der wirtschaftlichen entgegen gestellt Machtfragen usw . Dies finde ich nicht besonders klug. komplexes Denken nicht
    Mehr gefragt, wäre aber dringend notwendig, die Vorgänge zu verstehen, bzw einzuordnen. Wollen wir das denn den Algorytmen überlassen? Wer füttert diese denn? Welches Ziel steckt dahinter?
    Viele Fragen, die hier in diesem Beitrag drin stecken. Nachdenken,
    Danke Gerda für deine Impulse.

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    • gkazakou schreibt:

      danke dir sehr, liebe Afrikafrau, für deine weiterführenden klugen Fragen. Gerade für Afrika wären sehr sehr viele Fragen offen, die nach einer Antwort suchen, damit sich der Kontinent gut entwickeln kann. Wo beginnt seine Geschichte? Ich sehe, jetzt wo ich das schreibe, uralte Figuren aus Benin vor mir, vielleicht mache ich damit noch eine Collage wie diese. Danke!

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  9. Wissen ist Macht und damit meine ich nicht nur das studierte und angelesene Wissen!

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  10. afrikafrau schreibt:

    oh ja, das würde mich persönlich sehr interessieren Gerda, und
    ja Babsi , das ist richtig,, eigene Erfahrungen und Situation spielen auch eine große Rolle, ein Studium heißt noch nicht unbedingt,
    viel zu wissen, manchmal reicht auch der gute Menschenverstand, Die diversen Disziplinen sollten aber nicht gegeneinander , sondern miteinander Probleme lösen. Habe zuerst Gerdas Vorgehensweise nicht so gut verstanden, mich damit aber mal auseinandergesetzt, auch ohne ein Studium möglich,

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  11. afrikafrau schreibt:

    Gegenfrage Gerda, wieso ist es für dich wichtig, wo welcher Beginn ( Erde, Welt Universum, Menschheit?) der Rahmen etwas eingegrenzt vielleicht) Mir stellen sich ganz andere Fragen,
    Wohin gehen wir, wie verhalten wir uns jetzt, in dieser Welt, wir haben ja noch keine andere,
    die Schatten Welt kennen wir nicht, das anderer Ufer, es fehlt die Achtung vor der Welt, der Schöpfung, …….usw.

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    • gkazakou schreibt:

      ich sehe nicht Anfang, nicht Ende, sondern ein Ineinandergreifen, gleichzeitiges Dasein unzähliger verschiedener Seinsweisen – sowohl der Menschen als auch der anderen Lebe- und Geistwesen. Ja, wir haben nur diese eine Welt, seit Anbeginn und in alle Zeiten. Wie ich mich in der Welt – Zeit und Raum – einrichte, das hängt mit meiner Weltsicht zusammen.
      Und da spielt es eben doch eine Rolle, wie eine Kultur Zeit und Raum denkt und darauf bezogen handelt. Beispiel: Eine Kultur, für die Zeit zyklisch verläuft, handelt anders als eine, die linear denkt. Bei letzerer (unsere ist so eine) spielt es dann eine große Rolle, wie die Ereignisse auf der „Zeitachse“ angeordnet sind, wo der Anfang gedacht wird und wohin es führen soll, wird, muss. Ganz anders die Menschen, die in zyklischer Zeit leben, denn für sie gibt es keine Entwicklung, sondern nur das hier und jetzt in großen und kleinen Kreisen.
      Meine Vorstelllungen liegen irgendwo in der Mitte: einerseits gibt es Entwicklung, die auf Zeit bezogen ist, andererseits Dauer, die ewig ist. Beide verbinden sich in mir als Ich (zeitlich, biographisch) und Selbst (umfassend, ewig).

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  12. afrikafrau schreibt:

    Vielen Dank für deine Ausführungen, mir war das nicht ganz klar, da du in deiner Collage einen bestimmten Anfang gesetzt hast, den Rahmen gesetzt hast, um dies entsprechend darzustellen.

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