Montag ist Fototermin: Overlapping (sich überlagernd, überschneidend)

Diesmal nur ein Foto, das ich 2016 im St.Annen-Museum in Lübeck aufgenommen habe.  Wieder geht es mir darum, die Vorstellung einer einheitlichen Raum-Zeit, in der es keinen Anfang und kein Ende gibt und alles gleichzeitig vorhanden ist, in einem Bild auszudrücken.

Auf dem Bild überlagern sich zwei Figuren: die eine lebte im Mittelalter, die andere lebt gegenwärtig. Die eine ist gemalt, die andere fotografiert. Beider Hände sind in Tätigkeit: die eine hält eine Frucht, die andere ein iphone. Die heute lebende Frau wirkt bis auf die vordere Hand durchscheinend-geisterhaft flüchtig, die darunter liegende mittelalterliche Frau solide, konkret, präsent.

Das Originalfoto, unbearbeitet: Man sieht, dass der schöne violette Lichtschein zur Gegenwart gehört. Er hüllt auch die längst verstorbene Frau auf der Leinwand ein und verbindet so die beiden Zeitebenen in einem Lichtraum, der beide Figuren umgreift.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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30 Antworten zu Montag ist Fototermin: Overlapping (sich überlagernd, überschneidend)

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Dies wirkt etwas „geisterhaft“ bzw. gespenstisch auf mich. Ich sehe es lieber einzeln und getrennt voneinander.

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  2. TeggyTiggs schreibt:

    …mir gefällt es ausnehmend gut…interessant, wie Zeiten, Kulturen und Geschichte sich begegnen…

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  3. finbarsgift schreibt:

    Toll gemacht … von großer bildhafter Macht und Pracht!
    Herzliche Grüße vom Lu

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  4. Ulli schreibt:

    Solche Überlappungen schätze ich sehr. Erst gestern habe ich solcherlei fotografiert. Eine verlassene Galerie, in der aber noch Werke stehen im Spiegel der Straße und ihrer Häuser. Ich magdie Aufhebung der Grenzen, die Vercshmelzung von gestern und heute. Du nimmst dich größerer Zeitabstände an und doch geht es ja dabei ums Selbe.

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  5. violaetcetera schreibt:

    Mich fasziniert, wie nah sich hier Gegenwart und Vergangenheit kommen. Als ob sich ein Zeitfenster auftut. Und der Apfel passt ja gut zum iPhone 😊.

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  6. Random Randomsen schreibt:

    Für mich ist dieses Foto auch eine schöne Metapher für das, was passiert, wenn jemand ein Bild betrachtet. Denn unsere Wahr-Nehmung eines Bildes besteht ja auch in einer Überlagerung. D.h. die optischen Eindrücke, mit denen sich unsere Gedanken und Emotionen beschäftigen, durchlaufen zunächst einen ganz persönlichen Filter – und die gedankliche und emotionale Beschäftigung mit diesem „Filterbild“ hängt dann sowieso sehr weitgehend von unserem persönlichen „Strickmuster“ ab. Mich verblüfft das jetzt grad irgendwie, wie anschaulich dein Foto diesen Vorgang zu versinnbildlichen vermag. 🙂

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    • gkazakou schreibt:

      Ganz herzlichen Dank, Random! Es ist so schön, sich verstanden zu fühlen, sogar manchmal mehr, als man sich selbst versteht. Tatsächlich war ich selbst verblüfft, als ich mir das Foto anschaute: Ich hatte zwar wahrgenommen, wie sich gemaltes und reflektiertes Bild überlagerten – daher fotografierte ich es -, aber was sich an Gedanken daraus ergab, erkannte ich erst beim Anschauen des Fotos.

      Weiterführend möchte ich sagen, dass auch bei der Wahrnehmung eines lebendigen Gegenüber derselbe Prozess abläuft. Wir „verstehen“ den anderen über teilweise Identifizierung mit ihm.
      Immer suchen wir nach Möglichkeiten der identifikation – ob wir nun jemanden sehen oder ein Buch lesen oder ein Bild anschauen, sogar beim Anhören von Musik oder angesichts einer Blume gleichen wir die eigenen Gefühle mit dem Gehörten und Geschauten ab und sagen ja oder nein, urteilen und überlagern so durch unsere Reflexion (Spiegelung) das Sein des anderen. Wir sagen dann: das Bild (die Musik, die Blume) spricht zu mir – aber eigentlich ist es ein innerer Monolog. Der andere Mensch kann sich freilich widersetzen und sich er Fremd-Identifikation entziehen. Was nicht einfach ist, wie man bei Heranwachsenden sehen kann.
      In der Gestalttherapie gibt es die Technik der Spiegelung, um die Ebenen der Selbst- und Fremdwahrnehmung zu unterscheiden und diesen Vorgang bewusst zu machen.: ich ahme die Bewegung des anderen nach, um mich „in ihn hineinzuversetzen“ und ihn zu verstehen und ihm zugleich zu ermöglichen, sich durch mich wahrzunehmen).

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      • Random Randomsen schreibt:

        Ja, da finden wir doch den feinen Humor des Lebens – man ist von einer äußeren Reflexion angetan, und entdeckt nach und nach durch innere Reflexion, welche Tiefen unter dieser Oberfläche verborgen sein mögen. 🙂
        Bei den weiterführenden Bezügen dachte ich zunächst primär an Musik. Hier sind ja diese Überlagerungen offensichtlich [obwohl optisch nicht wahrnehmbar 😉 ]. Aber auch das ist ja nur eines von vielen Beispielen. Und die von dir erwähnten persönlichen Begegnungen sind ja ein besonders spannendes Kapitel. In konstruktiven Fällen kann dies zu wachsender Selbsterkenntnis auf beiden Seiten führen. [Wobei wir wohl alle schon erlebt haben, dass es auch minder konstruktive Begegnungen gibt.] Die von dir erwähnten Methoden der Gestalttherapie sind aber meines Erachtens auf jeden Fall ein erfolgversprechender Weg, den „konstruktiven Fällen“ ein wenig auf die Sprünge zu helfen. 😀
        So als „gedanklichen Nebenfluss“ möchte ich noch erwähnen, dass der zeitliche Abstand der sich auf dem Foto überlagernden Bilder vielleicht geringer ist, als wir zunächst annehmen. Und zwar nicht etwa, weil „Mittelalter“ ein etwas dehnbarer Begriff ist (das Bild ist ja möglicherweise auch datiert, und so gibt es keine „zeitliche Grauzone“). Sondern weil wir ja auch in verschiedener Weise durch unsere Vorfahren geprägt sind. In welchem Grad dies der Fall ist, darüber mag man sich streiten. Man kann das Streiten aber auch getrost bleiben lassen, im Bewusstsein, dass eine solche Prägung auf jeden Fall gegeben ist und deren Grad sich ohnehin nicht präzise bestimmen lässt. 😉

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    • gkazakou schreibt:

      danke noch mal, lieber Random! Besonders zum letzten: Sicher gibt es eine Kontinuität über die Zeiten hinweg, von Generation zu Generation werden Prägungen weitergereicht wie Geschichten, die man sich erzählte, und die langsam, über die Jahre, ihre Gestalt änderten, die Kleider wechselten, sich an die neuen Gegenbenheiten anpassten. Heute wird alles festgeschrieben, gedruckt, museal aufbereitet, da ist es nicht mehr so im Fluss wie früher. Diese Nonne hätte sonst vielleicht von Wohnzimmer zu Wohnzimmer wandern können, und immer hätte man die sich wandelnde Geschichte dazu erzählt, bis auf unsere Tage.

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      • Random Randomsen schreibt:

        Ja, diese tradierten Formen des Erzählens sind rar geworden und dadurch ist viel Lebendigkeit verloren gegangen. Viele Geschichten haben zwar eine weitere Verbreitung gefunden – aber sie haben durch die Normung viel von ihrer Strahlkraft verloren.
        Neben den Geschichten wird bestimmt auch anderes weitergereicht (und weiterentwickelt) worden sein. Etwa Web-, Strick- und Stickmuster und vieles mehr…

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  7. Ule Rolff schreibt:

    Abgesehen von all den Durchdringungen auf historischer, kultureller und spiritueller Ebene fesselt mich der visuelle Aspekt: wie du durch eine Anhebung des Kontrasts und hier speziell durch die extreme Übersteigerung der Lichter doch wieder die Gegenwart betonst und aus dem milden Gemisch des Originals Drama hervorlockst. Solche Aufnahmen liebe ich: sie zu sehen und sie zu machen natürlich auch.
    Man kann so viele Bezüge auf solche Weise veranschaulichen, auch Anspielungen auf seelische Zustände und weit Vergangenes.

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    • gkazakou schreibt:

      danke, Ule, dass du ein Augenmerk auf die visuelle Seite richtest, die ja, ohne irgendwelche weiteren Erklärungen, eine eigene Sprache ist. Und auf die kommt es mir natürlich zuallererst an. Ein zweites ist es dann, diese Sprache versuchsweise zu dekodieren. Liebe Grüße!

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  8. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Ein wundervolles Foto, spannend die Überlagerungen und wie interessant Deine Aufdröselung, Gerda

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