Spaziergang in Athen: meine Ausbeute: (b) Entkasteln – geht das? Öffnungen

Zu meinem gestrigen Galeriebummel „eingekastelt“ schrieb Werner Carsten: „Ein Bild ist wie eine Seite in einem Buch. Auf der Buchseite sind die Akteure in den Zeilen gefangen, wir können „weiterblättern“, um den Rest der Geschichte zu erfahren oder wir können sie „sterben“ lassen, indem wir das Buch oder die Seite zuschlagen.
Ein Bild können wir nicht weiterblättern: alles ist gefangen und spricht nicht direkt mit uns. Auch die dort dargestellten Räume sind ja nur Erweiterungen des Gefängnisses, und selbst, wenn der „Gemalte“ aus dem Rahmen fällt, scheinbar aus dem Bild fällt, bleibt er in ihm gefangen.“

Das „Gefangensein“ der Figuren im gerahmten Bild hat eigentlich erst so richtig mit der Leinwand als Bildträger begonnen. Herrschaften jeder Art ließen sich abkonterfeien, sammelten Bilder, dekorierten damit ihre Häuser und Paläste. Und vorher, also vor der Erfindung der Ölmalerei auf Leinwand (15. Jahrhundert)?  O, da waren vor allem die Wände der Kirchen und Paläste die Bildträger. Während des Barock und Rokkoko, als das gerahmte Einzelbild längst Einzug in die Haushalte wohlhabender Bürger  gehalten hatte, bemühten sich die Künstler darum, in den Palästen und Kirchenkuppeln einen entgrenzten Raum vorzutäuschen, mit Geflügelten, sie sich in höchste Höhen gemalter Blauhimmel schwangen. Ein besonders schönes Beispiel kann man in der Bischofsresidenz von Würzburg bewundern.

Darum geht es hier aber nicht. Denn ich bin in einer gewöhnlichen Gemälde-Ausstellung, in der das Dargestellte durch Rahmen begrenzt ist. Genauer: in der Stiftung Theoharaki, Athen.

Gestern meinte ich, das Eingeschachtelte sei ein Merkmal unserer Zeit – aber genauer gesprochen ist es ein Merkmal der bürgerlichen Kultur, die seit dem 20. Jahrhundert auf verschiedene Weise in Frage gestellt wird.  Man spürt, wie an den Käfig-Gittern gerüttelt wird.

Für Simeon Savvides (1859-1927, „Caprice“) und Odysseas Fokas (1857-1946, „Portrait einer Frau“), beide tief verwurzelt im 19. Jahrhundert, stellt der Rahmen noch ein schmückendes Element und kein Problem dar: der eine zeigt eine Rückenansicht – aber ohne das Fenster (wie zB Dali), das Träume von einer Flucht in den Bildhintergrund unterstützen  würde. Der andere lässt die Frau sich halbwegs dem Beschauer zuwenden, als stehe es ihr frei, jederzeit im Blau des Bildgrunds zu verschwinden.

Bei den Späteren – Yannis Tsarouhis (1910-1989, „Matrose“) und Diamantis Diamantopoulos, (1914-1995, „Die Zeichnung“) fügen sich die kräftigen Figuren zwar den Bildgrenzen, aber die Beengung wird sichtbar und fühlbar:

Manche – wie Jannis Gaitis (1923-1984) und Achilleas Droungas (1940-) –  geben die Figur zugunsten des Kastens auf: der Kasten übernimmt die Funktion der menschlichen Figur.

Manche richten sich im vorgefundenen Kasten scheinbar bequem ein, zB Angelos Spahis (1903-1963, „das Rätsel der menschlichen Physiognomie“, 1932), der das Flachrelief eines Menschen aus Sperrholz mit dem breiten konkaven Rahmen interagieren lässt, oder Dimitris Mytaras (1934-2017, „Sitzender“, 1980), der seinen Bilderrahmen gern die Form von TV-Sets gibt, in dem das schnelle und gewaltsame Leben sich abspielt, ohne den Betrachter in Mitleidenschaft zu ziehen.

Und wo ist nun der Ausbruch? Wo die Flucht? Gibt es sie bei diesen Künstlern? Oder muss man dafür das Tafelbild verlassen und in den Naturraum oder an die Wände der Hochhäuser ausweichen?

Menschen in der weitläufigen Natur: in den Bildern vom Beginn des 20. Jahrhunderts,  von Theofrastos Triantafilides (1881-1955,  „Zwei Kinder am Strand“, 1919) und Konstantinos Maleas (1879-1928, „Drei Ägypterinnen“ 1911) wird ganz klassisch die Illusion angestrebt, dass der Rahmen den Blick in weite Landschaften öffnet – als seien die Rahmen Fenster.

Die Natur-Menschen-Bildgewebe von Konstantinos Parthenis (1878-1967, „Badende“, ca 1919) und Nikos Hatzikyriakos-Gikas (1906-1994, „Abendliche Rückbesinnung“, 1959)  breiten sich wie Wandteppiche aus und entkommen dem Druck des Rahmens durch ihre die gesamte Bildfläche harmonisch gliedernde Formensprache.

Aber ein Ausbruch aus dem Kasten ist das immer noch nicht.  da braucht es mehr Dynamik. Vielleicht hat das Bild von Christos Karas (1930-, „Exodos“ 1964) ein wenig von der benötigten Sprengkraft? (Exodos bedeutet „Auszug“ wie der der Hebräer aus Ägyypten oder auch einfach das kollektive Verlassen eines Raumes) Gelingt es diesen Menschen, den Bildraum zu verlassen, so wie sie einst ein unwirtliches Land oder eine belagerte Stadt verließen?

Doch am Ende scheint mir nur einer das Problem angemessen gelöst zu haben – und zwar, indem er die sehr viel ältere Bildgestaltung von Raffaels „Schule von Athen“ (1510-11, Fresco, also Wandgemälde) als Vorlage nahm:  Giorgos Vakirtzis (1923-1988) malte seine „Schule von Athen“ 1974, also im Jahr, als die 7-jährige Militärdiktatur in Griechenland beendet wurde. Durch die Halbbögen ist der Raum mit seinem Menschengewimmel nach hinten und vorn offen, es herrscht quasi ein Kommen und Gehen. Dadurch wird das zentrale Motiv – die Festnahme eines nackten bärtigen Mannes – zum bildnerisch überzeugenden Paradox: Der Freie (Unbekleidete) wird in einem nach allen Seiten hin offenen, öffentlichen Raum  gefangengesetzt.

G Vakirtzis, Schule von Athen, 1974

 

Nach dem Ausstellungsbesuch bummelte ich noch durch das Zentrum von Athen und kam am historischen Universitätsgebäude vorbei. Obgleich streng klassizistisch, fehlen ihm die Rundbögen, der Durchblick in den tiefen Hintergrund und … ja, auch der Nackte mit den ihn festnehmenden Amtsinhabern fehlte. Nur das Gewimmel der Studenten war fast das Gleiche….

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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17 Antworten zu Spaziergang in Athen: meine Ausbeute: (b) Entkasteln – geht das? Öffnungen

  1. felsenquell schreibt:

    Bin sehr angeregt mitgewandert. Danke, lieber Guide, liebe Guidessa.

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  2. Karin schreibt:

    Habe Dank, liebe Gerda, für die beiden letzten Beiträge, die ich in Häppchen verinnerlichen möchte, denn für mich bedürfen Bild und Dein dazugehöriger Text einer intensiveren Betrachtung.
    Im übrigen ist Ulli’s Empfehlung zu einem neuen Blog goldrichtig, denn Du kannst den alten behalten, immer wieder auf ihn verweisen, ihn verlinken und hättest aber viel neue Speicherkapazität.
    Lieber Gruß in die Nacht, Karin

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    • gkazakou schreibt:

      danke, Karin. Ich würde mich über Rückmeldungen freuen, denn vieles habe ich gerade mal angedacht. Mit dem Blog, as überlege ich mir schon die ganze Zeit. Doch momentan habe ich noch die Möglichkeit, meine allzu großen Bilder zu verkleinern.

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  3. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, ich habe gestern schon daran gedacht, aber heute nun schreibe ich es – es gab 1999 ein WE der offenen Ateliers in Berlin-Kreuzberg. Ich machte mich auf den Weg. Mir fiel auf, dass fast alle von mir besuchten Künstlerinnen und Künstler Bilder geschaffen hatten, in denen die Dargestellten die Rahmen verließen: hier hing ein Arm raus, dort ein Bein, ein Fuß u.ä. – das hat mich damals erst darauf aufmerksam gemacht, wie sehr ich daran gewöhnt war Dargestellte in einem fest umrissenen Rahmen zu sehen. .
    Durch deine gestrigen und heutigen Beiträge zum Thema zeigst du mir aber noch einmal ganz andere Möglichkeiten auf, nämlich die des offenen Raums dahinter, wie es bei der „Gefangennahme“ so besonders deutlich wird.
    Das ist Nachdenkstoff für die Gestaltung von Bildern, die nun einmal einer Begrenzung unterliegen, egal wie groß das Papier/die Leinwand ist, die gewählt werden.
    Dahinter aber nehme ich noch, wie damals an dem WE der offenen Ateliers, ganz andere Fragen wahr: wie wichtig ist Abgrenzung? Wie wichtig sind Grenzen für jede und jeden persönlich? Was bedeuten Begrenzungen/Grenzen, egal ob sie dargestellt werden oder ganz allgemein im alltäglichen Leben vorhanden sind, für jede und jeden Einzelnen? Wie geht wer mit Begrenzungen/Grenzen um?
    In einer Zeit in der jede und jeder um die eigene Individualität und deren Verteidigung bemüht ist, sind dies Fragen, die ich mir gerne stelle. Wie lässt sich Gemeinsamkeit leben, wir darstellen und wo steht jede und jeder für sich?
    Hier lasse ich es jetzt erst einmal stehen. Ist ja schon so ein sehr langer Kommentar geworden …
    Liebe Grüße
    Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, Ulli,, für deinen langen Kommentar, der zeigt, wie gut du verstanden hast, was mich bewegt und viele darüberhinausgehende Fragen enthält,die auch mich sehr beschäftigen. Das Abgrenzen, um die eigene Individualität zu schützen, ist ja in unseren Gesellschaften zu einem Hauptthema geworden und enthält zusammen mit der Frage nach noch verbliebenen oder neu zu entwickelnden Formen der Gemeinsamkeit viel Sprengkraft. Ich fand es interessant, diese Fragen im Zusammenhang mit der Entwicklung der bildenden Kunst zu stellen ,die immer mehr vom aristokratischen und dann auch bürgerlichen Tafelbild hinzudrängen scheint zu einer kollektiven und/oder partizipativen Form des events. Dagegen steht dann das Interesse jedes Einzelnen, seine Kunst als Ware auf dem Markt anzubieten und dafür einen Preis zu verlangen. Solange der Künstler verkaufen muss, um zu leben, wird es wohl mit einer echten partizipativen Kunst nix.

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      • Ulli schreibt:

        Ach Gerda, wie gerne ich dir jetzt gegenüber sitzen würde …
        Es ist ein sehr komplexes Thema, wie so viele in diesen Zeiten.
        Ich spüre das Bedürfnis nach Miteinander (in gewissen Kreisen), gleichzeitig scheitert es dann oft an der vehementen Verteidigung der eigenen Grenzen, weil „man/frau“ gelernt hat wie wichtig es doch sei auf die eigenen Grenzen zu achten. Ja und nein, kann ich da nur sagen. Es muss differenziert werden: wo weite ich meine Grenzen, um eine andere/einen anderen zu erleben, zu spüren, ihr/ihm Zutritt zu meinen Räumen zu gewähren. Gut sichtbar wird dies z.B. wenn man gemeinsam ein Bild gestaltet. Jürgen „Irgendlink“ sandte mir vor einigen Wochen ein Foto auf Holz entwickelt von sich zu und ich durfte etwas zu diesem Bild dazufügen oder was weiß denn ich damit anstellen. Als ich ihm dann meins sandte, schrieb er mir, dass dies nun zu seinen Lieblingsstücken zählte. Weil … andere KünstlerInnen z.B. einfach das ganze Foto übermalt, oder auf Wesentliches etwas geklebt hatten u.ä. – Ego versus Gemeinsamkeit – Selbstdarstellung versus Gesamtdarstellung, etc. – als ich den Beitrag schrieb: https://cafeweltenall.wordpress.com/2020/01/22/kuenstlerin-sein/ – schrieb ich u.a.:“Es geht um die Schöpfungen, weniger um meine Person, die im weitesten Sinne Schöpfkelle und Schöpfende zugleich ist, um das zu schöpfen, das schon im Raum ist. Unsichtbares sichtbar zu machen.“ – darüber haben wir uns ausgetauscht, ich habe mich nicht verstanden gefühlt in meinem Ansinnen, dass die Künstlerin/der Künstler hinter dem eigenen Werk zurückstehen darf/sollte/müsste/könnte … solange es darum geht das eigene Ego aufzupolieren oder wie du es schreibst: „Solange der Künstler verkaufen muss, um zu leben, wird es wohl mit einer echten partizipativen Kunst nix.“ wird es eben mit der gemeinsamen Kunst nix. JA.
        Dem gegenüber stehen aber kleine Projekte, wie das von Jürgen und Susanne, von dir und mir – überhaupt ist Jürgen ja mit vielen verschiedenen KünstlerInnen im Prozess – ich kenne auch noch andere Künstler, außerhalb von Bloghausen, die diese Art der Zusammenarbeit verfolgen – oder Jürgen „Irgendlind“ und Sofasophiern mit ihrem „Col-Art-Projekt“ – oder die geplanten Projekte … wir müssen einfach dran bleiben, in dem Sinne, dass es egal ist wie wer was wo macht, WIR machen UNSERES und dann wieder jede und jeder für sich!

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      • Ulli schreibt:

        P.S. es muss gen Ende IrgendlinK heißen und Sofasophia – sorry

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    • gkazakou schreibt:

      danke, Ulli. es gäbe dazu noch vieles hinzuzufügen, aber nun soll es erst mal als Anregung reichen, Ist auch spät und ich muss schafen gehen.

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  4. Werner Kastens schreibt:

    Liebe Gerda,
    dass Du meine Anmerkung als Einleitung zu Deinem zweiten Teil gewählt hast, ehrt mich sehr.
    Deine Ausführungen zum Thema „Entkasteln“ fand ich sehr informativ und sie spiegeln wohl den Wandel in unseren Auffassungen und unserem Denken und unseren Zielen lebendig wieder. Ich male ja selbst keine wirklichen Bilder, sondern versuche es nur mit Worten. Der Ansatz dürfte trotzdem derselbe sein: wir wollen ja entweder etwas mitteilen, was wir für wichtig erachten oder einfach Andere zufrieden stellen. D.h. wir wenden uns dem Leser oder dem Betrachter zu und bieten ihm eine Manege oder Bühne an, von wo aus wir ihm unsere Bilder zeigen. Und da gibt es natürlich Unterschiede in der Wahl der Präsentation. Und so sehe ich denn unterschiedliche Darstellungs- und Betrachtungswinkel:
    Bei einem Porträt ist es von Vorteil, die dargestellte Person zu kennen. Dann fallen Einem Geschichten dazu ein, die sich aber in einer Begrenztheit, dem gemeinsam Erlebtem oder dem von Anderen Gehörten bewegen. Kennt man die Person nicht, ist es ja nur eine starre Ablichtung. Da kann man dann eigentlich nur über die Technik, wie es gemalt ist, sprechen oder eigentlich belanglose Allgemeinheiten hineinlesen: der hat aber einen starren Blick, die Frisur steht ihr gut etc.
    In der Kirchenmalerei – wie auf dem von Dir angeführten Bild – steckt ja eine Botschaft dahinter: jeder soll sich angesprochen und ermuntert fühlen, die irdischen Fesseln (Rahmen) zu verlassen und der Freiheit des Himmels zuwenden. Mit dem, was du hier an diesem geweihten Ort hörst und siehst sollst du aufsteigen, wann immer dir dazu ist. Das Wandbild als Gesamtpaket: du kannst es jederzeit betreten und (zunächst im Geiste) verlassen.
    Dem kommt im Grunde auch das Bild von der Festnahme vor der Uni gleich. Die Öffnung in der Horizontale ist bildlich offen, gedanklich wegen der Festnahme aber nicht zu vollziehen. Hier spricht ein Geschehnis und gleichzeitig die Konvention: es ist nicht erlaubt sich zu entblößen in einer geordneten Welt und selbst in deiner Nacktheit müssen wir dich noch ein wenig beschützen und den Blick auf das Intimste verdecken. Eine „Bildseite“ erzählt hier etwas. Und im Grunde nichts Anderes als die Fernsehumrahmung, ein aus dem Rahmen hängender Arm. Alles sind Geschichten, Stories, Ereignisse und Lehrstücke über die Zeit und ihr Denken oder Versuche, im wörtlichen Sinne aus dem Rahmen zu fallen.
    LG Werner

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  5. Ule Rolff schreibt:

    Dieser Beitrag, vordergründig über die Interaktion der dargestellten Person mit der Begrenzung, führt mit großen Schritten weit über den gesteckten Rahmen hinaus. Schon daran wird deutlich, was für eine Meisterin der Entgrenzung du bist.
    Schon das Vordergründige habe ich in seinem informativen Wert genossen – und den schönen Kreis zur Streetfotografie des gegenwärtigen Studi-Gewimmels.
    An euren Kommentaren habe ich (wieder) bemerkt, wie dich, auch Ulli und andere, das Thema Grenzen umtreibt, wie mich auch. Jenseits der Kunst, im Alltagsleben mit und ohne „große“ Politik, scheint mir ein enger Zusammenhang zwischen Wohlstandsunterschieden und dem Bedürfnis nach Grenzen zu bestehen. Es gibt so viele Ängste, es könne einem etwas genommen werden, seien es materielle Dinge oder Ideen.
    Der Rahmen um die Kunst hat ja wohl eher praktische Gründe wegen der immer begrenzten Arbeitsfläche und betont, höht zusätzlich das Werk. Auch wenn du die Putte in deinem Großraumbüro aus ihrem Rahmen entlassen hättest, wäre sie nach kurzer Strecke an den nächsten Rahmen gelangt. Dieses Durchschreiten von Rahmen zu Rahmen zu Rahmen als unendliche Rekursion ist ja auch ein Symbol für unseren lebenslangen Befreiungsprozess. Vielleicht finde ich darum den Gedanken immer wieder so verlockend,wie es wäre, wenn Kunstmotive aus ihrem Rahmen träten, um sich selbstbestimmt zu verhalten – oder nach den Regeln von Gerda Kazakou in einem künstlerischen Experiment. Welche Wege sie dann wohl gingen und wessen Wege sie dabei kreuzten.

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    • gkazakou schreibt:

      danke sehr für deinen Kommentar, der mir gleichzeitig so vieles zurückspiegelt und neue Aspekte des Themas zeigt.
      Der Rahmen hat praktische Gründe – sicher. Auch die Wohnzelle in einem Hochhaus hat praktische Gründe, was aber nicht heißt, dass es sich dort lebt wie zB in einem Blockhaus in der Natur oder in einem weitläufigen Palast. Der Rahmen – der selbst der gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet ist – wirkt sich auf das Denken und Fühlen aus. Der Impuls, den Rahmen zu sprengen, hat insofern auch mit dem Ungenügen an diesen gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun. Dem einen geht es darum, selbst zum Fürsten in einem Palast zu werden (Dali), dem anderen, eins mit dem kämpfenden Proletariat zu werden. Darum finde ich diese „Sprengungsversuche“ so interessant, aber auch, wie sie doch immer wieder vom „System“ geschluckt und normalisiert werden. Bansky ist ein gutes zeitgenössisches Beispiel , finde ich. Immer wieder sprengt er die Rahmen – doch jede Rahmensprengung setzt den profitgetriebenen Kunstmarkt in Gang, Die Aktion wird verwertet und verliert damit die sprengende Kraft.

      Das Tafelbild spiegelt u.a. die aufkommenden Eigentumsverhältnisse, wo das bürgerliche Ich mit seinen Ansprüchen auf einen wenn auch begrenzten, so doch unbetretbaren privaten Raum, in dem er sein Eigentum genießen kann, auf das künstlerische Ich trifft , das nun Wert auf Namen, Stand und angemessenen Verkauf seiner Produkte legt.
      (NB: Ich las kürzlich, dass Velasquez den jahrelang umsonst angestrebten Adelstitel erst erhielt, als er mit 100 Zeugen nachweisen konnte, dass er nie für Geld gemalt hatte. Hätte er es getan, so wäre er als „Handwerker“ eingestuft und nicht des Adelsprädikats als würdig befunden worden. Er bewies, dass er nur aus Liebe und Hochachtung für das königliche Herrscherhaus und für die Kirche malte, und was er an Zuwendungen erhielt, war nie Lohn fürs Malen, sondern wurde ihm im Rahmen seiner ehrenhaften Verwaltungsarbeiten ausgezahlt.)

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  6. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    eine wundervolle Ausstellung in guten offenen ´Räumen, die ja auch eigentlich schon wieder Rahmen sind. Sie beherrbergen eine Zeitlang die Kunstwerke, um sie dann wieder in ihre Heimat zu entlassen, bzw. dem Künstler, der Künstlerin zurückzugeben.
    Deinen erklärenden Worte bin ich gerne gefolgt, vermitteln sie mir doch so viele Eindrücke, daß ich mich nach dem Lesen zuerst einmal sammeln muß und Sammeln ist ja meine große Freude *schmunzel*
    Bei zwei der Bilder fiel mir der Rahmen als mehr als eineingend auf
    Theofrastos Triantafilides und Konstantinos Maleas. Die Rahmen als Fenster konnte ich hier gar nicht sehen. Bei den drei Ägypterinnen empfand ich die beiden Rahmen als mehr als schrecklich. Das Gemälde rang um Freiheit, wenn sie schon die drei Frauen nicht haben, aber auch hier waren sie eingesperrt.
    Beim Exodus von Christos Karas waren Deine Worte besonders gut und ich hatte das Gefühl, die hier angedeuteten Menschenfiguren brauchen nicht mal den Rahmen zu verlassen, um gemeinsam auszuziehen. Sie werden zerließen vor meinen Augen, während ich hinsehe und sie bewundern möchte. Doch sie haben die Nase voll von den sie bewundernden Menschen und sie zerließen noch während ich hinsehe. Sie werden flüchtiger, verschwimmen immer mehr und am Ende sind sie nicht mehr vorhanden. und nur noch Flecken bleiben auf der Leinwand, die mit der Zeit verblassen und absolut nichts bleibt zurück von ihnen… Ihr Exodus erfolgte perfekt.

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    • gkazakou schreibt:

      Danke von Herzen, Bruni. ja, die Rahmen sind schon manchmal schreckich. der Käufer hat das Recht, mit den Bildern zu verfahren, wie er möchte, da hat der Maler dann kaum noch Einfluß drauf.
      Besonders eindrucksvolll finde ich, wie du die ausbrechenden Menschenmassen beschreibst: sie lösen sich auf. das Verlassen des Rahmens führt also zur Auflösung der individuellen Form, die Elemente (Farbe) kehren zu ihrem Ursprung zurück (Flecken …). Das ist dann, so lese ich dich, die perfekte Überwindung des Rahmens.

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