Hell und dunkel: eine Baumskizze, ein bearbeitetes Legebild, ein altes Foto, ein Gedicht

Ulli forderte mich durch ihr Ping 050 auf, über Hell und Dunkel nachzudenken. Was ich tat. Als ich heute im Stadtwald spazierte und bei einem toten Baumstamm Halt machte, um ihn zu skizzieren, fand ich eine Antwort. Der gleichmäßig gefärbte MITTELHELLE Stamm sah im unteren Bereich, gegen das dunkle Gestrüpp, fast weiß aus, während er gegen den hellen Himmel fast schwarz wirkte.

abgestorbener Baum, 3-Farb-Skizze 2019-09-17

Meine Antwort lautete daher: „Hell und dunkel sind … RELATIV. Mittelhelles wirkt gegen einen dunkleren Hintergrund hell, gegen einen helleren Hintergrund dunkel.“ In der Inversion wird das noch deutlicher:

Inversion, Erhalt der Farben

Ich fürchtete aber, dass diese Antwort als zu technisch angesehen würde. Also machte ich einen zweiten Anlauf mit einem bearbeiteten Legebild und dem Satz „Hell und Dunkel sind …. eine Frage der Beleuchtung.“

Die dritte dann gewählte Antwort, illustriert durch ein altes Foto von mir, war: „Hell und Dunkel …. sind zwei Seiten derselben Medaille.“

Welches der drei sollte ich nehmen? Und warum? Oder sind alle drei unbefriedigend, weil sie eine Wesens-Gleichheit von Hell und Dunkel unterstellen, anstatt, wie es unserem Denken mehr entspricht, sie für polare Gegensätze zu halten? Wir fühlen ja sehr wohl einen Gegensatz zwischen hellen und dunklen Momenten, Kräften, Seelenzuständen…

Christiane brachte gestern ein Gedicht, das mit einem Bild abschließt, das dem ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums entnommen ist. Vielleicht wäre dies dann doch die richtigere Antwort?

Der Wächter der Lampe

Wachsein ist alles. Es kommt die Nacht
und keiner wird keinen erkennen.
Haltet wacht
und laßt die Lampen brennen.
Alles Werden ist wankend und ungewiß,
aber alles Ziel ist Reife.
Und das Licht leuchtet in der Finsternis,
auf daß sie es einst begreife.

(Manfred Kyber, Der Wächter der Lampe, aus: Genius Astri, 1918, Online-Quelle)

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Dichtung, elektronische Spielereien, Fotografie, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Natur, Pingpong mit Ulli Gau, Psyche, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

18 Antworten zu Hell und dunkel: eine Baumskizze, ein bearbeitetes Legebild, ein altes Foto, ein Gedicht

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Sehr schön die Zeichnungen und diese Verwandlungen von Hell und Dunkel, auch Manfred Kybers Gedicht. “ GLOCKENGIEßER“ heißt sein voranstehendes Gedicht auf derselben Seite. Da erahnt man/frau☺ den Ernst, die Tiefe und Weite dessen, was er eigentlich meint und vermitteln möchte. Ein WECKRUF ist das, damit wir uns dann zurechtfinden in dem Dunkel♡♧♤☆⊙

    Gefällt 2 Personen

  2. Christiane schreibt:

    Die Vereinbarung der Gegensätze. Ich bin unbedingt für die beiden Seiten der Medaille – und noch mehr! Es gibt immer etwas, was Dualitäten überwindet.
    Das Foto von dir finde ich ziemlich cool 😁
    Liebe Grüße
    Christiane 😀👍

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Christiane! bei den beiden ersten Varianten handelt es sich freilich nicht um Dualität, sondern um Relativität. Darauf richtete sich auch meine Frage: sind hell-dunkel polare Gegensätze oder relative Zustände, abhängig von Umfeld und Beleuchtung. Ich bin mir nicht schlüssig.

      Gefällt 1 Person

  3. PPawlo schreibt:

    Wieder eiin spannender Beitrag! Deine Bilder zeugen eher von Relativität, finde ich. Sie sind abhängig von Umfeld und Beleuchtung, wie du im letzten Kommentar schreibst. Warum soll aber nicht wieder mal das „Sowohl als auch“ dienen? Und sie können auch polare Gegensätze sein? Hier Licht, und da das Dunkel. Noch komplizierter wird’s, wenn das Wort „Schatten“ dazu kommt, was mir hier mehrere Male in den Sinn kam. Einen herzlichen Morgengruß, Petra

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Petra. Ja, jedes Wort hat viele Deutungsmöglichkeiten, insofern stimme ich dir zu: auch da Begriffspaar Hell-dunkel oder Licht-Schatten lässt sich als polar, aber auch als relativ deuten. Ich neige dazu, besonders auch die Übergangszonen im Auge zu behalten, also den großen Graubereich und den Halbschatten.

      Gefällt 1 Person

  4. Ulli schreibt:

    Ja genau, es ist eine Frage der Relativität – in meinen heutigen Bildern zeigte sich bei der Aufnahme, dass ich nur wenige Zentimeter nach rechts oder links gehen musste oder die Kamera ein kleines Stückchen nach oben oder unten halten musste, dann waren die Ergebnisse schon vollkommen anders. in der Fotografie wird das Spiel von Hell und Dunkel oft zu einem Kraftakt, um eine „gescheite“ Aufnahme hinzubekommen, gerade wenn die Sonne hell und grell scheint. Du zeigst und erklärst dies auf sehr treffende Weise bei deinen Baumbildern, die mir ausgesprochen gut gefallen, in jeder Variante. Beim Legebild sprichst du zudem noch die Beleuchtung/Belichtung an, auch die spielt eine wesentliche Rolle, ja. Und wenn wir nun das Ganze noch auf die menschliche Psyche legen, dann wird auch hier klar, dass nur Millimeter ausschlaggebend sein können, um das Befinden zu verändern. Ja, ich weiss schon, dass dies für viele ein wahrer Kraftakt ist und manchmal auch für mich 🙂
    liebe Grüsse
    Ulli
    schön, wenn ein Ping Pong zu solchen weiterführenden Bildern und Gedanken verleitet!

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      es ist sehr wahr: wenige Millimeter trennen uns manchmal von einer hoffnungslosen Situation und plötzlich ist da großes Glück…..und umgekehrt. „Fast wäre….“ Aber auch die Beleuchtung: herrlichstes Licht – und plötzlich: Dunkelheit.

      Liken

  5. kowkla123 schreibt:

    Liebe Gerda,b herzliche Grüße von mir zu dir, Klaus

    Gefällt 1 Person

  6. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Wie schön, das eindruckvolle Gedicht von Manfred Kyber noch einmal bei Dir, auf daß es aus dem Dunkel ins Licht trete, denn kaum einer kennt es.
    Eine Frage der Beleuchtung ist es auf alle Fälle, denke ich , liebe Gerda. Ist die Nacht beleuchtet, in irgend einer Form, sei es durch Lichter, von den Menschen erzeugt oder vom vollen Mond, wenn er hell leuchtend am Himmel steht, wirkt sie nicht wirklich finster/dunkel. Wir können uns orientieren.
    Bei der Basler Fasnacht erlebte ich mal beim Morgenstraich (man schreibt ihn wirklich mit ai ) , der im Dunkel der Nacht, Punkt 4 Uhr, beginnt, eine kleine Enttäuschung. Die Stadt sollte dann eigentlich ganz und gar dunkel sein und die Wirkung der großen und kleinen kunstvoll bemalten Laternen und des Spiels der urplötzlich einsetzenden Pfeifer und Trommler ist eigentlich riesig.
    Die Chemiewerke im Hintergrund ließen den Himmel aber nicht stockdunkel werden und das Gänsehautfeeling blieb, wenigstens bei mir, aus.
    Aus dem tiefen Dunkel ist der Effekt so, wie er sein sollte, wenn dieser Zug urplötzlich beginnt, aber vor dem Hintergrund der schwachen Beleuchtung wirkte das Dunkel heller als es eigentlich war.

    Liebe Grüße aus einem hellen Zimmer in die dunkle Nacht von Bruni

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Bei deinem Fastnacht-Erlebnis fiel mir auch die Osternacht ein: da sollen alle Lichter gelöscht werden – in der Kirche werden sie das auch heute noch, nicht aber draußen. Und dann werden an einer Kerze, die in Jerusalem entzündet und per Flugzeug nach Athen gebracht wurde, alle Kerzen der Gläubigen entzündet. Es entsteht ein Lichtermeer der Auferstehung, und alle tragen ihr Lichtlein vorsichtig nach Hause. Das sieht schön aus, wie sich die Lichter langsam in alle Richtungen entfernen. Heute nehmen viele das Licht im Auto mit…..

      Liken

  7. Ule Rolff schreibt:

    Na, so gaaanz „gleichmäßig mittelhell“ scheint mir der Baumstamm nicht angelegt, liebe Gerda … aber deine Gestaltung unterstreicht das gemeinte Grundprinzip sehr anschaulich: relativ sind Hell und Dunkel, und das wiederum ist für mich nicht denkbar ohne Licht.
    Kann man Hell und Dunkel eigentlich auch durch die Dichte von Pigmenten beeinflussen, oder wird nur die Sättigung der Farbe dadurch variiert? Oder ist das verschieden, je nach dem, ob eine Farbe mit Auflicht oder Durchlicht betrachtet wird?
    Gerade geht mir durch den Sinn, wie sehr sich durch die digitalen Geräte unsere Sehgewohnheiten verschoben haben: ganz überwiegend betrachten wir hinterleuchtete Darstellungen, es sei denn, wir haben noch Bildbände im Schrank, Bilder an den Wänden oder malen/zeichnen selbst, wie du.

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Interessante Fragen und Beobachtungen, Ule. Dichtere Pigmente wirken dunkler, scheint mir. Bei Aquarellen ist das sehr gut zu sehen. Sicher ist es anders bei Auflicht als bei Durchlicht. Im Grunde sehen wir heutzutage Bilder, als seien es Kirchenfenster, durch die das Licht scheint. Ist ja hübsch, aber entspricht nicht den tatsächlichen Farben eines auf undurchsichtigem Bildträger gemalten Bildes. So manch einer ist dann auch enttäuscht beim Anblick der Originale. Diese herrliche Transparenz – wo ist sie geblieben?
      Bei Bildbänden wirkt der Hochglanz oft illusionierend – ganz abgesehen davon, dass die Formate nicht stimmen.

      Gefällt 1 Person

      • Ule Rolff schreibt:

        Genau. Und es ist für ein Kunstwerk wohl kaum beliebig, ob man es in 120×160 sieht, oder in 30×40!
        Das ist auf dem Monitor ja ganz seltsam: wir konzipieren Photographien nur noch für ein bestimmtes Seitenverhältnis, die absolute Betrachtungsgröße können wir eh nicht beeinflussen und finden uns damit ab.

        Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Tja, und wir Maler und Zeichner erst! Neuerdings knausere ich bei den Formaten, weil ich keine Bits mehr übrig habe, und schon sind alle Billder kleiner und weniger imposant. Vor allem ist die Auflösung dann so gering, dass ich mich frage, was der Betrachter eigentlich noch sieht. Also appelliere ich an die Fantasie….

      Gefällt 1 Person

      • Ule Rolff schreibt:

        Bisher hatte ich aber nicht den Eindruck, dass deine Zeichnungen oder Fotos zu schlecht aufgelöst waren. 72 ppi sind für die Darstellung im Internet Browser völlig ok – es muss ja keiner so weit reinzoomen, bis er die Pixel findet.

        Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      ah, das beruhigt mich. Um Platz zu gewinnen, verkleinere ich die früheren Bilder, die riesig waren, Stück um Stück.
      Guten Morgen!

      Gefällt 1 Person

      • Ule Rolff schreibt:

        Was für eine Sysiphos-Arbeit! Vor einigen Jahren habe ich so einen Durchgang auch mal gemacht, weil meine Seite so langsam lud. Später fand ich heraus, dass die Ursache dafür ganz woanders lag. Die Mühe war also vergeblich ☹. Es war allerdings kein Speicherplatzproblem.

        Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.