Heutige Skizzen. Zur Illusion des „rein“ reproduzierten Kunstwerks

Heute fotografierte ich die drei neu entstandenen Skizzen bewusst im fleckigen Licht-Schatten des Balkons. Solche Fotos vermitteln einen lebendigeren Eindruck von der Zeichnung, als wenn sie per scanner oder im Fotolabor reproduziert wird. Sie greifen die Atmosphäre auf, die beim Betrachten des Originals herrscht. Diese Mischform von Zeichnung und Fotografie habe ich zuerst bei den Oliven-Zeichnungen entdeckt, und ich möchte nun den dahinter stehenden Gedanken ein wenig entwickeln und sehen, was künstlerisch dran ist.

Zunächst ein paar unbeschnittete Fotos der heutigen Skizzen, gegen halb sechs Uhr auf dem Balkon aufgenommen. (Anklicken = Vergrößern)

Ich habe dieselben Zeichnungen dann noch mal bei schwachem Tageslicht fotografiert. Auch hier sind natürlich manche Bildabschnitte heller als andere, was zu bläulichen und rötlichen Verfärbungen führt, aber die Kontraste sind geringer. (Anklicken = Vergrößern)

Wenn man die Fotos digital auf Schwarz-Weiß umstellt, tötet man eine wichtige Dimension ab: das Licht, das beim Betrachten der Originale eine meist unbewusst bleibende Rolle spielt. Wer achtet schon auf die Farbklänge, die auf dem Papier und den Linien durch das Licht entstehen? Und doch sind sie immer da.

Es folgen nun drei „bereinigte“ Varianten, bei denen ich die Farbklänge der Originalfotos weggenommen habe, indem ich sie in die Schwarz-Weiß-Bilder  verwandelte, die sie „eigentlich“ sind. Denn ich habe mit Bleistift und schwarzem Fineliner auf weißem Papier gezeichnet.

Normalerweise bekommst du nur solche „bereinigten“ Bilder zu sehen. Ziel einer professionellen Reproduktion ist es ja, ein Kunstwerk „rein“, „an sich“ und ohne störende „Akzidenzien“ zu präsentieren.

Doch es gibt kein Kunstwerk „an sich“. Das „Kunstwerk ohne Akzidentien“ ist eine Illusion. Wenn ich ein Original betrachte, herrschen immer irgendwelche Lichtverhältnisse, die den  Oberflächen des Papiers und der Zeichenmaterialien ihr besonderes Farbspiel aufdrücken und sie überhaupt erst sichtbar machen.

Bei den Schwarz-weiß-Varianten habe ich dieses Farbspiel rausgefiltert. Den umgekehrten Weg gehe ich, wenn ich das Farbspiel, das beim Fotografieren unter Tageslichtverhältnissen immer entsteht, digital verstärke und gelegentlich auch verschiebe.

Wie also sieht das Original „tatsächlich“ aus? Was meinst du?

Skizze mit Bleistift und Fineliner auf weißem Papier, Skizzenblock, 23.3.2019

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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18 Antworten zu Heutige Skizzen. Zur Illusion des „rein“ reproduzierten Kunstwerks

  1. wechselweib schreibt:

    Ich finde das ganz toll als Idee. Die Varianten von um halb Sechs sind sehr lebendig und die Tageslichtvarianten mehr mediterran.

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  2. Ule Rolff schreibt:

    Sowohl die zarten „Fehlfarben“ wegen des knappen Lichtes als auch die verstärkten und verschobenen Farben finde ich stark.
    Schwieriger würde solche Manipulation wahrscheinlich bei farbig angelegter Grafik oder Malerei, bei der die genaue Farbnuance wichtig ist.
    Original? Nicht „oder“, sondern „und“ mal wieder, jedes hat seine eigene ästhetische Berechtigung für mich. Das Experiment zeigt mal wieder, wie zweifelhaft der Begriff des Originals ist.
    Am schönsten finde ich im übrigen auch hier wieder die unregelmäßig beschatteten unbeschnittenen Fotos.

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    • gerda kazakou schreibt:

      Danke, Ule. Bei farbigen Bildern würde ich keinen Sinn in dieser Methode sehen. Da müsste man, um die Bedingungen des tatsächlichen Sehens zu verdeutlichen, wohl anders vorgehen. Die unbeschnittenen Fotos kommen dem tatsächlichen Sehen am nächsten, daher wirken sie am lebendigsten. Die Verschattung ist allerdings sehr stark, so dass Gezeichnetes und Schattenspiel eine gleichberechtigte Rolle bei der Bildwirkung spielen. Das ist schon grenzwertig. Da möchte ich dann doch die Zeichnung ein wenig mehr ins Licht rücken, um mein Produkt sichtbarer zu machen . 😉

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      • Ule Rolff schreibt:

        Der Wunsch ist nachvollziehbar, stehen die Schattenflächen doch beinahe schon in Konkurrenz zu den Zeichnungen. Es hängt wohl ganz davon ab, welchen Gestaltungsanteil man dem Zufall am Gesamtwerk einräumen möchte. Das liegt jeweils in der individuellen künstlerischen Entscheidung. Interessant sind deine Varianten allemal.

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  3. PPawlo schreibt:

    Voll interessante Beobachtungen stellst du da an! Es zeigt gut, wie Licht und Schatten durch ihre „Dosis“, Form, Einfallswinkel und Umgebung ein Bild beeinflussen. Es ist ein Faszinosum, das mich auch schon oft in den Bann gezogen hat. Ich erinnere mich an ein Bild im Schatten, das mir bei einer Ausstellung im ersten Rundgang nicht groß auffiel. Es wurde zu einem großen Erlebnis, nachdem jemand es einfach nach einem Verkauf in die Sonne gehängt hat. Auch ein buntes Bild kann für all das reizvoll sein. Nun dies auf Schwarz-Weiß zu sehen ist ein Aha-Erlebnis für mich, weil das sich noch viel mehr ins Bild selbst integrieren lässt, so wie auf dem ersten Bild deiner obersten Galerie. Liebe Grüße, Petra

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    • gerda kazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, Petra, du machst mit deinem Kommentar meine Gedanken noch mal für Mitlesende verständlicher. Denn ich denke, jedem ist schon mal aufgefallen, dass die Hängung und Beleuchtung eines Bildes in einem Museum enorm viel für die Wahrnehmung ausmacht. Zugleich gibst du einen Hinweis auf die Frage, die Ule oben aufwarf: ob meine Überlegungen auch für farbige Bilder etwas hergeben.

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      • www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

        Über die Hängung und Beleuchtung von Bildern habe ich oft nachgedacht.
        Bei einer zu hellen Beleuchtung meiner Collagen verlieren sie viel von ihrem Charme und ich habe erlebt, daß sie tot beleuchtet werden konnten und auch wie sehr lebendig sie bei anderem Licht wirken können..,

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    • gerda kazakou schreibt:

      So ist es, Bruni. Heute zeigte ich einer Freundin ganz stolz meine Olivenzeichnungen – aber sie sah fast nichts. Nicht nur, weil sie ihre Brille nicht mithatte, sondern auch, weil das Lampenlicht die Bleistiftlinien aufzehrt. Es spiegelt. Und ich wollte sie so gern rahmen lassen und ausstellen! Das wird dann wohl nix. Ob Plexiglas hilft?

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    • gerda kazakou schreibt:

      Nein Bruni. Das Problem ist die Oberfläche. Die Ölbäume habe ich in einem Block gezeichnet, den man für Federzeichnungen benutzt. Das Papier ist glatt, und der Bleistift wird zum Spiegel, wenn Licht drauf fällt. ich muss das einfallende Licht quasi abstumpfen, damit es nicht spiegelt. Bei Tageslicht ist es unproblematisch

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  4. Mitzi Irsaj schreibt:

    Der Unterschied in Stimmung und Wirkung ist enorm. Überhaupt gefällt es mir den Wandel eines Bildes hier bei dir zu sehen. Licht und Schatten, verschiedene Ausschnitte, nachbearbeitet usw. Es macht die Bilder wunderbar lebendig.

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  5. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    Um halb 6 aufgenommen, die letzte der Reihe, sie ist mir hier die liebste, aber es hängt auch damit zusammen, wie die gesamte Aufnahme auf mich wirkt.
    Deine Zeichnung wird mit dem rechts zu sehenden Hintergrund zu einer wundervollen Einheit und die Skizze selbst wirkt auf mich, als sei sie das aufgeschlagene Blatt in einem dicken Buch , liebe Gerda

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  6. www.wortbehagen.de.index.php schreibt:

    ja, genau, ein Blatt Deines Lebensbuches. Das passt doch gut, liebe Gerda

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  7. Stephanie Jaeckel schreibt:

    Ulkig – als Kunsthistorikerin „stören“ mich Tageslichteinflüsse, d.h. ich versuche sie gleich wegzudenken. Dabei… – und gleich wieder was, worauf ich nie im Leben gekommen wäre… Herzlichen Dank!

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    • gerda kazakou schreibt:

      danke, Stefanie. ja, wir versuchen beim Betrachten von Bildern wohl immer Lichteinflüsse – ob nun künstliches oder Tageslicht – „wegzudenken“ und uns so dem „eigentlichen“ Bilde anzunähern. Der Maler tut das übrigens auch: er trägt sein Bild herum, überprüft es unter verschiedenem Licht: wie wirkt es, halten die Farben, die er früher bei Kerzen- oder Petroleumlampe, heute bei Neonlicht aufgetragen hat, auch bei Tageslicht stand? usw. Manche Bilder kann man in Museen nur bei gedämpftem Licht sehen (Aquarelle), da sie sonst ausbleichen würden, also sieht man sie eigentlich gar nicht. Andere glänzen, andere wieder – vor allem Skulpturen – werden durch Punktstrahler verändert … Nun, all das wissen wir und bemühen uns, es beim Sehen auszuschalten. Ich mache nun den Trick, dies sonst Ausgeschaltete bewusst ins Bild zu integrieren.
      Empfehlenswert ist übrigens ein heutiger Eintrag von Joachim Schlichting, wo er beschreibt, wie Leonardo die tatsächliche Beleuchtung des Modells Mona Lisa (Gegenlicht, Seitenlicht) überlistet. https://hjschlichting.wordpress.com/2019/03/26/leonardo-da-vinci-2-zur-physikalischen-dimension-des-malens/

      Liken

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