Griechische Kunst am Sonntag: „Tagebuch einer Schneiderin“

Alexandros Psychoulis

Wie stellt sich der Mensch zu seinem Körper und wie präsentiert er seinen Körper der Gesellschaft? Im fünften Stock hoch über dem Straßengewimmel von Psyrri, in der Galerie a. antonopoulou.art, gehen 14 Künstlerinnen und Künstler diesen Fragen nach. Ausgangspunkt ist das Notizheft einer jungen Frau, 1958 Schneiderlehrling –  griechisch „μοδiστρα“ (Modistin). Es war eine Zeit, in der Griechenland langsam aus den Trümmern von Krieg und Bürgerkrieg hervorkroch und modebewusst, „modern“ wurde – was freilich für die vielen nur ein Traum war. Dem Traum zur Wirklichkeit zu verhelfen, waren die „Modistres“, die modischen Modistinnen-Schneiderinnen berufen, die in den renommierten Modehäusern der Zeit ausgebildet wurden. Für Frauen aus dem „Volk“ war es ein Aufstiegsberuf. So manche eröffnete ihr eigenes Atelier und genoss den Umgang mit ihren Kundinnen – Damen der „guten Gesellschaft“. Eine der Erfolgreichen war wohl die junge Frau von damals, denn ihr Enkel, der ihre Notizen fand und zur Verfügung stellte, ist ein bekannter Athener Architekt geworden.

Alexandros Psychoulis

Mit dem nach oben gerichteten, enthusiastischen Greco-Blick betrachteten sie wohl die feinen Kundinnen und träumten sich, Stich vor Stich, die gesellschaftliche Leiter hinauf.

Alexandros Psychoulis

Der Körper der Frau – mehr noch als der des Mannes – wurde umgeben mit einer modischen  Projektionsfläche für angenommene oder tatsächliche Männerwünsche.

Eine künstlerische Interpretation setzt an die Stelle des männlichen Gesichts gleich den heiß ersehnten Swimmingpool mit Kunstpalme….

oder erträumt sich den modischen Helden – nun schon sehr zeitgemäß – ins Land Fantazio.

Ilias Kafouros, «A bigger splash»

Es ist eine historisch und künstlerisch faszinierende Ausstellung (Kuratorin: die Journalistin Efi Falida), die noch bis zum 26. Mai läuft. Nur wenige Exponate konnte ich fotografieren, denn oft handelt es sich um komplexe Gebilde wie Musterbücher, Schnittmuster, handschriftliche Notizen etc., teils Originale, teils künstlerisch interpretiert. Einige Fotos mehr findet ihr bei Interesse in griechisch-sprachigen Kommentaren zur Ausstellung hier und hier.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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21 Antworten zu Griechische Kunst am Sonntag: „Tagebuch einer Schneiderin“

  1. Myriade schreibt:

    Die würde ich auch gerne sehen ……

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  2. Ulli schreibt:

    Klasse und spannend, gerne schaue ich noch bei den beiden von dir eingestellten Links.
    Ich sah gerade eine Doku mit dem Titel: ich bin schön, hier ging es ausschließlich um Frauenbilder und wie sich einige Frauen davon befreiten, es war von witzig, bis das kennt wohl fast jede Frau, bis hin zu: ja eben … ich bin schön!
    liebe Grüße, Ulli

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  3. wildgans schreibt:

    Sagenhafte Menschenspuren.
    Den Blick mit den Nadeln im Mund, den kannte ich auch von meiner Mutter, die Schneiderin war. Das lange Stehen und Abstecken nervte mich sehr als junges Ding, und das von ihr genähte Burdamusterzeug gefiel mir nicht mal.
    Diese Ausstellung scheint was ganz Besonderes zu sein.
    Gruß von Sonja

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    • gkazakou schreibt:

      meine Mutter war zwar nicht Schneiderin, aber sie nähte alle unsere Sachen, und ich kenne daher auch dies Anprobieren, vor Weihnachten mit verbundenen Augen. ja, ich fand die Ausstellung auch ganz außergewöhnlich, sie traf einen Nerv.

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  4. kopfundgestalt schreibt:

    Die Zeichnung mit den Nadeln besticht!

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  5. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Gerda,
    als Zeichnerin sprechen mich besonders die Arbeiten von Alexandros Psychoulis an. 🙂 Danke fürs Zeigen.
    Das Uni-Semester hat wieder angefangen und ich beschäftige mich dieses mal mit Biennalen in Afrika, passend zum Urlaub 🙂
    Liebe Grüße und einen sonnigen Tag von Susanne

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  6. chrinolo schreibt:

    Faszinierend! Danke für´s Zeigen! 🙂

    ❤ Grüße und eine schöne neue Woche!

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  7. mmandarin schreibt:

    Ach, tausend Emotionen werden freigesetzt. Ich sehe mich als kleine Schneiderlehrlingin, mit 14 Jahren saß ich in einer finsteren Schneiderstube auf dem Tisch und stichelte vor mich hin. Der Meister war ein feister herrischer Typ, der nicht freundlich zu seiner Frau war, die ebenfalls mit im Betrieb arbeitete. Dafür war er aber zudringlich zu den weiblichen Angestellten. Zum Glück war ich körperlich noch unterentwickelt und fiel nicht in sein Beuteschema….. eine unsägliche Zeit war das. Ein Wunder, dass ich nicht die Freude am Nähen verloren habe. Die Bilder beeindrucken mich sehr. Liebe Grüße von Marie, die nach dem Ausstellungswochenende noch etwas erschlagen von den vielen Eindrücken und Begegnungen in den Seilen hängt.

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Marie, jetzt bin ich angerührt von deinen Erinnerungen, die schmerzhaft klingen. Für mich war die Schneiderei einerseits meine Mutter, die, wenngleich nicht dazu ausgebildet, uns Kinder perfekt mit Selbstgeschneidertem einkeidete. Die andere Erinnerung ist an den Vater meiner Schulfreundin, Schneidermeister ist er nach Krieg und Flucht geworden, um seine Familie zu ernähren, und er war ein sehr guter. Aber er spielte auch sehr gut Querflöte. Seine Frau saß im dunklen Raum und stichelte die Nähte. ich war selten, aber gern dort in der Werkstatt.
      Du wirst von der Ausstellung erzählen? Liebe Grüße Gerda

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      • mmandarin schreibt:

        Ja, ich werde berichten, noch bin ich ganz angefüllt und ein wenig übermüdet, denn es arbeitet noch nach. Aber es war sehr positiv. Ich muss mich ein wenig kneifen. Bis recht bald, Marie

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  8. www.wortbehagen.de schreibt:

    Das muß eine spannende Ausstellung gewesen sein, liebe Gerda.
    Leider habe ich nie nähen gelernt, bzw. ich hatte keine Freude daran, hier in die Maschine zu treten. Das einzige Stück, das ich nähen mußte, war eine halbe Schürze, und die Nähte waren krumm und schief. Und doch liebe ich dieses Handwerk, die Kunst, besondere Kleidungsstücke zu kreieren, mit sehr gutem Schnitt, aus wundervoll wertvollen natürlichen Stoffen
    Als Kind und Jugendliche wurde ich hier sehr kurz gehalten, weil mein Vater das alles für überflüssig und unnütz hielt …
    Im Haus gegenüber wohnte in einem separaten Zimmerchen jedes Jahr für einige Monate eine Schneiderin, die der Familie die neueste Mode schneiderte und ich staunte sehr, daß es sowas gab…
    Die Zeichnung der Schneiderin mit den kunstvoll gefächerten Nadeln im Mund ist für mich das eindrucksvollste und das letzte Bild ließ mich ziemlich schmunzeln.

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    • gkazakou schreibt:

      Herzlichen Dank, liebe Bruni, für deine hübschen Erinnerungen. Ich hab das Nähen auch lieber meiner Mutter überlassen, als es selbst zu lernen. Keinen Bock. Auch war ich bekanntermaßen ungeschickt, da linkshändig. Nahm ich eine Schere in die Hand, hieß es gleich: lass man, ich mach das schon. Nur Nadeln einfädeln – darin war ich Spitze.

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  9. www.wortbehagen.de schreibt:

    Vielleicht lag es bei mir auch an der ursprünglichen Linkshändigkeit
    Nadeln einfädeln? *g*, wenn die Nadel groß genug war, dann schon *lach*

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  10. ann christina schreibt:

    Wow, die ersten drei Zeichnungen sind ja grandios! Der Rest ist auch toll, es hat ja so jeder seine Vorlieben… Vielen Dank für´s Zeigen!

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