Wunsch eines Jasagenden: das Notwendige schön denken.

Einen bedenkenswerten Wunsch „Zum neuen Jahre“ fand ich eben bei phileidos.
Friedrich Nietzsche hat ihn einst an sich selbst gerichtet.

„Ich will immer mehr lernen, das Notwendige an den Dingen als das Schöne sehen  – so werde ich einer von denen sein, welche die Dinge schön machen.“

Hier der Kontext:

„Zum neuen Jahr. – Noch lebe ich, noch denke ich: ich muß noch leben, denn ich muß noch denken. Sum, ergo cogito: cogito, ergo sum. Heute erlaubt sich jedermann, seinen Wunsch und liebsten Gedanken auszusprechen: nun, so will auch ich sagen, was ich mir heute von mir selber wünschte und welcher Gedanke mir dieses Jahr zuerst über das Herz lief – welcher Gedanke mir Grund, Bürgschaft und Süßigkeit alles weiteren Lebens sein soll! Ich will immer mehr lernen, das Notwendige an den Dingen als das Schöne sehen – so werde ich einer von denen sein, welche die Dinge schön machen. Amor fati: das sei von nun an meine Liebe! Ich will keinen Krieg gegen das Häßliche führen. Ich will nicht anklagen, ich will nicht einmal die Ankläger anklagen. Wegsehen sei meine einzige Verneinung! Und, alles in allem und großen: ich will irgendwann einmal nur noch ein Jasagender sein! (Nietzsche: Fröhliche Wissenschaft, Aph. 276)

auf der Flucht (c) Gerda Kazakou

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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25 Antworten zu Wunsch eines Jasagenden: das Notwendige schön denken.

  1. Myriade schreibt:

    Darüber gäbe es viel zu diskutieren, nur habe ich gerade keine Lust. Danke für das Zitat!

    Gefällt 1 Person

  2. Christiane schreibt:

    Das Notwendige als das Schöne sehen: Wie schafft er es, da nicht in „Schöndenkerei“ (von etwas Schlechtem) zu verfallen?
    Und nein, ich bin sehr dafür, die dem Notwendigen innewohnende Schönheit zu erkennen (vielleicht meint er das?), aber wenn ich mir etwas schön denke, was nicht schön ist, dann verharmlose ich, und zumindest das möchte ich (nicht noch mehr als eh schon).
    Interessant und nachdenkenswert, in der Tat.
    Liebe Grüße
    Christiane

    Gefällt 4 Personen

  3. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, etwas schön denken, was nicht schön ist, das kann und will ich nicht. Ja ist, wie du von mir weißt, ein Zauberwort, Ja zu dem zu sagen was ist, dazu gehört auch die Unbill des Lebens, erst wenn ich auch sie bejahe kann ich Wege und Mittel finden, um etwas zu ändern, zuerst immner nur in mir selbst. Falls er es so gemeint haben sollte, dann sage ich: ja…
    Deine Bilder dazu, nämlich die flüchtenden Menschen, die sich Wind und Wellen aussetzen das ist oft tragisch und die Umstände, die diese Menschen dazu bewegen ebenso, also alles andere als schön!
    Danke für diesen Gedankenstups,
    herzlichst, Ulli

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      die Situation der Flüchtenden ist „alles andere als schön“, da hast du freilich recht. Drum hab ich sie dort als Denkanstoß hingesetzt.
      Ein paar Gedanken dazu: Vielleicht kann ja die Darstellung des „gar nicht Schönen“ dennoch schön sein? Denk mal an das „Floß der Meduda“ (Susanne berichtete darüber). oder denk an deine eigenen manchmal ja sehr traurigen Bilder. Wie befindet sich der Künstler, oder der Philosoph angesichts des Elends und der Not der Menschen? Er verwandelt sie in Schönheit: in klare nachvollziehbare Gedanken, in eindrucksvolle Bilder….
      Mit dem „Wegsehen“ als seiner „einzigen Verneinung“ hab ich größere Probleme – und vermute daher, dass er hier seine abgrundtiefe Verzweiflung und seine Ironie über die Weggucker äußerte, die sich die „Süßigkeit des Lebens“ nicht durch das Hinschauen vermiesen wollen.
      Man kann dieses Zitat also durchaus auch als eine Kritik an den biederen Wohlstandsbürgern auffassen, die sich ihre Seelenruhe durch Weggucken erkaufen. Du kennst wohl das Gedicht von Gottfried Benn über Nietzsches letzte Tage in Turin?

      „Ich laufe auf zerrissenen Sohlen“,
      schrieb dieses große Weltgenie
      in seinem letzten Brief -, dann holen
      sie ihn nach Jena -; Psychiatrie.

      Ich kann mir keine Bücher kaufen,
      ich sitze in den Librairien:
      Notizen -, dann nach Aufschnitt laufen: –
      das sind die Tage von Turin.

      Indes Europas Edelfäule
      an Pau, Bayreuth und Epsom sog,
      umarmte er zwei Droschgengäule,
      bis ihn sein Wirt nach Hause zog.

      . .

      Gefällt 5 Personen

      • Ulli schreibt:

        Nee, kenne ich nicht, ich habe nur sehr wenig von Benn gelesen, auch von Hölderlin, gilt es unbedingt nachzuholen…
        Ich lese gerade ein Interview (ganzes Büchlein) mit Louise Bourgeois, die ich ja erst vor ein paar Jahren endeckte und auch dieses Mal war ein ganzer Raum mit Werken von ihr gefüllt, welch eine Freude, aber eben, sie hat vieles auch gegen ihre Angst gemacht, Angst z.B. Menschen direkt anzuschauen, außerdem geht es bei ihr auch immer wieder um die Verarbeitung der Kindheit, ja, das Leben ist herausfordernd, ich nenne es „Aufrichtung“ und viele meine Bilder haben genau damit zu tun, meiner eigenen Aufrichtung, denn so gesehen gibt es Vieles an dem ich hätte verzweifeln können, auch heute noch, da sind mir meine Bilder und meine Texte eine große Hilfe all das zu verwandeln, das stimmt natürlich!
        Es gäbe noch vieles dazu zu schreiben, aber ich lasse es mal hier stehen, mache gerade eine Hausputzpause…

        Gefällt 3 Personen

  4. wolkenbeobachterin schreibt:

    ein glückliches neues jahr wünsche ich dir.
    die bilder oben, gefallen mir sehr.
    die schönheit / das schöne des/im notwendigen sehen –
    das ist reizvoll, weil es dadurch ein anderes gewicht bekommt.

    Gefällt 1 Person

  5. www.wortbehagen.de schreibt:

    ich weiß nicht, ob ich ihn richtig verstehe, denn um einen Menschen wirklich zu verstehen, muß ich um seine Gedanken wissen,.mehr, als ich bisher von ihm kenne, liebe Gerda.
    Ich gehe davon aus, daß er sich selbst sehr gut kannte und er erkannte dabei, wenn es ihm nicht gelänge, im Notwendigen auch das Schöne zu sehen, würde es seinen Geist mehr als notwendig belasten und das täte ihm wahrlich nicht gut. Er wußte sehr genau, daß ein Mensch wie er niemals ein Jasager sein könnte…
    Mir etwas schön zu denken, was wahrhaftig nicht schön, also auch nicht ästhetisch ist, wäre mir nicht möglich. Aber wir können etwas annehmen, was nicht zu ändern ist und damit umgehen. So erkennen wir vermutlich, daß sogar in einem Schmerz im Herzen etwas Gutes, *Schönes*, liegen kann, wir lernen Güte und Demut.
    Schön ist eigentlich ein viel zu ungenauer Begriff.
    Ich kann mit Leichtigkeit in einem Bild, in dem der Künstler Häßliches/nicht Schönes darstellt, Güte, Klasse, das Ästhetische finden und darüber begeistert sein. Ich sage dann JA zu diesem Bild, das nur Häßliches zeigt.

    Finden wir im notwendigen Alltag nicht auch das Schöne/Gute, fällt er uns viel schwerer, als wenn wir ihn annehmen, wie er ist. Mit allem, was er bringt. Häßliche Sorgen und mitunter ein Licht, das uns von der Leichtigkeit des Daseins spricht. Und das eine Licht bringt und viele andere Lichter, Kronleuchter sind es nicht, aber kleine hellleuchtende Punkte, die uns durch die Tage begleiten.

    Lieber Gruß von Bruni zu einem schwierigen Thema und Deinen wundervollen Lebebildern, liebe Gerda, die nichts Schönes zeigen, und doch so gut sind und zu denen ich begeistert JA sage.

    .

    Gefällt 2 Personen

  6. gkazakou schreibt:

    Liebe Bruni, „… die nichts Schönes zeigen und doch so gut sind“, sagst du am Ende deiner feinen Gedanken. Und da hast du eine Erweiterung ins Thema gebracht: von schön zu gut. Die alten Griechen hatten ein Wort für Schönundgut καλλοκαγαθος, denn sie meinten, ein guter Mensch sei auch schön und ein schöner gut. wir kennen das noch im Märchen: die schöne, gute Tochter, die hässlichen bösen Töchter, die schöne Königin, die hässliche Hexe. Und es hält sich bis heute in Kinderbüchern, in Holiwood-Filmen, in billigen Romanen. Darin steckt, wenn man es wörtlich nimmt, ein schlimmes Vorurteil. Menschen mit „hässlichem“ Erscheinungsbild können natürlich gut sein und umgekehrt. Aber auf der symbolischen Ebene mag es dennoch Gültigkeit haben.

    Gefällt 1 Person

  7. Maren Wulf schreibt:

    Das, was notwendig ist, gern zu tun (das Schöne darin zu sehen), erscheint mir ein sehr kluger Vorsatz zu sein. Ebenso wie den Fokus auf das Schöne, das es überall gibt, zu richten und dadurch das Schöne zu verstärken.

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  8. Bludgeon schreibt:

    Da staun ich nun Bauklötze, dass so ein Kapitulantenspruch vom NIETZSCHE stammen soll? Nicht gegen das Häßliche kämpfen? Ja-Sagen als Weltbeglückungsmantra…. na da freun sich aber alle Alphatiere der Grobalisierung, wenn das Schule machte…brrrrr.
    Da halt ichs eher mit dem alten Franzosen „Empört euch!“

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Nicht als Weltbeglückungsmandra, sondern als ironisches Mandra gegen die eigene Verzweiflung vielleicht? Vielleicht, denn was weiß ich schon. ich lese grad „Nietzsche auf dem Balkon“ von Carlos Fuentes und bin gespannt, wie Fuentes diese Persönlichkeit interpretiert.

      Gefällt 1 Person

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