Gestern im EMST: Yael Davids – Else Lasker-Schüler „Aber dein Herz läßt keine Meere mehr ein.“

Ich bin erneut im Museum für Zeitgenössische Kunst und sehe sie wieder: Zwei Totenmasken von Else Lasker-Schüler auf einem Bord, das um einen Pfeiler läuft. Es gibt auch Texte: die Buchstaben liegen als flaches Relief auf dem Papier – daneben noch einmal als ausgestanzte Negativform.

  

Außerdem gibt es große Stücke von Panzerglasscheiben zu sehen, daneben Erklärungen über die Herkunft aus einem Kibbuz, das zunächst dicke Glasscheiben herstellte, um die Gewächshäuser vor Windbruch zu schützen, seit der ersten Intifada aber begann, sie so dick zu machen, dass sie auch gegen Steine, Kalashnikoffs etc standhielten. Inzwischen sind sie ein Exportschlager.

Wäre da nicht die Faszination dieser Dichterin, ich hätte mich nicht länger dort aufgehalten.  So aber versuche ich zu verstehen, was eigentlich ausgesagt werden soll. Es gelingt mir nicht. Es gelingt mir nicht einmal, alle Stücke dieser Installation auszumachen. Sie sind nicht zu finden. Später lese ich eine Kritik bei Artnet News von Hili Perlson: At documenta 14, Everything’s a Strategy—Even Bad Hanging. ….Similarly, Yael Davids’s elegant installation centering on the difficult biography of poet Else Lasker Schüler, felt cornered“. 

In der Documenta-Zeitung lese ich: Yael Davids, geboren 1968, setzt sich mit den Verschränkungen persönlicher und politischer Narrative auseinander, mit Phänomenen des Sammelns und des kollektiven Erbes, mit dem Körper als Schauplatz von Konvergenzen und Konflikten. In ihrem Projekt für die documenta 14 vereint sie verschiedene Persönlichkeiten, darunter die Malerin Cornelia Gurlitt, die Dichterin und Dramatikerin Else Lasker-Schüler, die römische Kaiserin Iulia Aquilia Severa sowie die für ihre herausragenden Salons berühmte Rahel Varnhagen, mit einer neuen skulpturalen Arbeit, hergestellt in einer Panzerglasfabrik des Kibbuz Tzuba, wo die Künstlerin ihre Kindheit verbrachte.

Aha. Wenn du jetzt verstanden hast: bravo. Vielleicht hilft es, den ganzen Text zu lesen, den ich oben im Detail wiedergab? Es gibt dort Aussagen von Else Lasker-Schüler und Ausschnitte aus Briefen von Gershom Sholem (Gerhard) an Walter Benjamin.

Else Lasker-Schüler – a ruin, more haunted than inhabited by madness? Mir scheint, sie lächelt darüber.

Und so passt nun auch ein Gedicht ins Bild, das ich dort zu lesen versuche: To the Barbarian. Geschrieben 1911.  Die Künstlerin hat es auf Englisch mit Haaren auf Papier gestickt.

Das deutsche Original hing nicht dabei. Es lautet so:

Dem Barbaren

Ich liege in den Nächten

Auf deinem Angesicht.

Auf deines Leibes Steppe

Pflanze ich Zedern und Mandelbäume.

Ich wühle in deiner Brust unermüdlich

Nach den goldenen Freuden Pharaos.

Aber deine Lippen sind schwer,

Meine Wunder erlösen sie nicht.

Hebe doch deine Schneehimmel

Von meiner Seele –

Deine diamantnen Träume

Schneiden meine Adern auf.

Ich bin Joseph und trage einen süßen Gürtel

Um meine bunte Haut.

Dich beglückt das erschrockene Rauschen

Meiner Muscheln.

Aber dein Herz läßt keine Meere mehr ein.

O du!

A Reading That Loves—A Physical Act (2017)

Installation mit:

Metallkonstruktion mit 2 Holztafeln
300 × 400 × 60 cm

Score in Glass (2017)
Mit André van Bergen
Glas produziert von Oran Safety Glass, Kibbutz Tzuba

To the Barbarian (2017)
Gedicht von Else Lasker-Schüler (1911) handgestickt mit dem Haar der Künstlerin
Papier und Haare

A Composition (2017)
Drei Beschreibungen
Else Lasker-Schüler und Iulia Aquilia Severa, 130–200-mm-Glas
Textcollage, Papier, Tinte

Totenmaske von Else Lasker-Schüler angefertigt von Grete Wolf-Krakauer (1945)
Gips
24 × 17 × 12 cm
Sammlung Else Lasker-Schüler-Gesellschaft, Wuppertal

Totenmaske von Else Lasker-Schüler angefertigt von Jakob Löw (1945)
Gips
23 × 16 × 11 cm
Open Museums Tefen, Israel, courtesy Hannah Kaplun-Kogan, Haifa

Statue der Kaiserin Iulia Aquilia Severa, Sparta (221–222 n. Chr.)
Bronze
Höhe: 184 cm
Archäologisches Nationalmuseum Athen

Mykenisches Schwert, Typ A (16. Jh. V. Chr.)
Schachtgrab IV, Grabzirkel A, Mykene
Bronze
Länge: 78 cm
​Archäologisches Nationalmuseum Athen

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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36 Antworten zu Gestern im EMST: Yael Davids – Else Lasker-Schüler „Aber dein Herz läßt keine Meere mehr ein.“

  1. Myriade schreibt:

    Das Barbarengedicht gefällt mir sehr gut.
    „Aber dein Herz lässt keine Meere mehr ein.“ Die Zeile hast du wohl auch am stärksten gefunden, weil du sie ja als Titel gewählt hast.

    Gefällt 2 Personen

  2. kunstschaffende schreibt:

    Dieses Herzzerreißende Gedicht und dann mit Haaren auf Papier gestickt, lässt einen im Anblick, wenn man direkt davor steht, sicher den Atem stocken!
    Sehr, sehr berührend!

    ❤liche Abendgrüsse Babsi

    Gefällt 2 Personen

  3. gkazakou schreibt:

    Liebe Babsi, ehrlich gesagt habe ich ziemlich ratlos vor dem schlecht lesbaren englischen Text gestanden. Erst das deutsche Original, das ich im internet fand, entfaltete seine Wirkung.
    Vielleicht interessiert es dich: Bei „Wissen.de“ fand ich, dass mit dem „Barbaren“ Gottfried Benn gemeint sei. Gunnar Decker schreibt dort:
    Else Lasker-Schüler, Benns erste große Liebe, bringt ihm bei, was große Dichtung ist. Sie gibt ihm viele Namen, auch den des »Barbaren«. Ein Wort, das Benn dann lebenslang verfolgen sollte. Wo sind die Barbaren des 20. Jahrhunderts, fragt er mit Nietzsche – und zeigt auf das, was unter der dünnen Decke der Zivilisation verborgen bleibt. … 1912, als Else Lasker-Schüler ihn einen »Barbaren« nannte, war gerade sein erster Gedichtband erschienen: »Morgue« – Gedichte aus dem Leichenkeller, Sektionsprotokolle am Leichnam eines Zeitalters, die ein auf Erbauung gestimmtes Publikum schockierten. Alle seine Glücke seien »mit Verbrechen verkuppelt«, wird Benn einmal gestehen. Er weiß, wovon er spricht. Dieser Dichter ist wahrlich kein moralisches Vorbild, will es auch gar nicht sein. Aber mit seinem »Jenseits von Sieg und Niederlage beginnt der Ruhm« gewinnt er eine Glaubwürdigkeit, wie sie allein aus dem Rückzug aus der Welt der Eitelkeiten, des Geldes und der Macht kommt.

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  4. Ulli schreibt:

    Ich bin sehr traurig geworden bei all dem, nur nicht bei den Totenmasken, ja sie lächeln, so sehe ich sie auch und sie sind ein wunderbarer Kontrast zu den „leblosen“ Masken, die du vor ein paar Tagen gezeigt hast- ja, Masken brauchen ene Verbindung, eine Seele, sonst sind es eben tote Masken, egal wie bunt sie gestaltet wurden
    Ich habe als junge Frau Else Lasker-Schüle sehr verehrt, nun finde ich es doch seltsam, dass ich keins ihrer Bücher mehr habe-
    danke Gerda
    liebe Grüsse, Ulli

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  5. finbarsgift schreibt:

    Eine sehr wichtige Poetin!

    Ein seeehr interessanter Bericht von dir, liebe Gerda, aus diesem zeitgenössischen Museum…

    Ich habe von ihr auch schon verschiedene Poeme gepostet, dieses hier zum Beispiel:
    https://finbarsgift.wordpress.com/2016/09/08/dasein-lasker-schueler/

    Liebe Grüße zur Nacht vom Lu

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  6. karfunkelfee schreibt:

    Liebe Gerda, ganz lieben Dank. Ich las, sah und staunte. Die Else- so also sah sie aus… mit Haaren stickte sie dieses Wortjuwel, ich bin voll ah oh’s und Riesen-Bewunderung…

    Danke für Deinen wieder mal fundierten und lesenswerten Beitrag, von glücklicherweise quicklebendigen Fingern an einem schönen Ort getippt (brrr…Totenmasken sind schon echt speziell…)

    Ich wünsche Dir gute Zeit und sende liebe landregenduftende Grüße ins liebliche Land der Griechen

    Liebe

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  7. karfunkelfee schreibt:

    Die Grüße fehlten noch zur Liebe☺️🌀

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  8. Susanne Haun schreibt:

    Liebe Gerda,
    eine sehr gelungene Kunstwerkbesprechung!
    Ich stelle auch immer wieder fest, dass moderne Kunst nicht mehr sinnlich zu erfassen ist. Das macht mich ratlos. Wichtig ist es für mich ohne sinnlichen Eindruck, dass dann ohne große Lektüre das Konzept erkennbar ist. Danach beurteile ich moderne Kunst. Was löste eine Installation in mir aus? Regt sie mich zum Denken an? Ist doch – wie hier die Maske – ein figuratives Element dabei?
    All dass scheint hier nicht gegeben. Weisst du, ob die Installation auch in Kassel gezeigt wird? Ich werde auf jeden Fall die documenta in Kassel besuchen. Zuerst werden wir meinen Sohn aus Göttingen abholen und dann werden wir uns in Kassel einen schönen Tag machen.
    Liebe Grüße und einen schönen Freitag wünscht dir Susanne

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  9. wortsonate schreibt:

    Else Laske Schüler Texte bewegen mich immer tief.

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  10. mmandarin schreibt:

    Bin beeindruckt von dem ausgeschnittenem Gedicht, zumal ich seit ein paar Tagen für einen französischen Musiker einen Satz von Victor Hugo ausschneide und einfach nicht zufrieden bin mit der Arbeit und dann sehe ich das mit Haaren gestickte Bild. Puh, was für ein Objekt. Die Else Habe ich schon als junge Frau sehr verehrt, eine mutige Frau… Marie

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  11. wildgans schreibt:

    Den Drang, alles verstehen zu wollen, habe ich unter die Überschrift „Das Leben ist zu kurz“ gelegt. Ich schaue, fühle, sehe, genieße, was ich verstehe. Oder einfach so. Richtig gutes Gefühl! Vielleicht versimpelt mein Gemüte – meine Güte.
    Ja, und!!

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  12. bruni8wortbehagen schreibt:

    Ihre Totenmaske hat mich erschreckt, liebe Gerda. Was wir hier sehen, ist nicht mehr SIE.
    Es ist ein völlig lebloses Abbild und sie war ja das totale Gegenteil von leblos. Sie lebte so exzessiv, daß kaum einer sie länger ertrug.
    Viele ihrer wunderbaren Gedichte tragen eigentlich seinen, Benns Namen, selbst wenn sie ihn poeetisch umschreibt und manche dieser Texte könnten genau so von ihm geschrieben sein, so ähneln sie seinen Worten.
    Mir wäre es in der Ausstellung genau wie Dir ergangen. Es sind am Ende ihre Worte, die beeindrucken, SIE bleiben haften. Sie transportieren ihre beeindruckende Persönlichkeit zu uns, nicht die Totenmaske

    Herzliche Grüße schick ich zu Dir

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    • gkazakou schreibt:

      Ich fand die Maske merkwürdig lebendig, liebe Bruni. Sicher, das Tote, Leblose überwiegt, wie bei jedem Körper, den die Seele und der Geist verlassen haben, aber in die Knochenstruktur hat sich doch etwas von ihrer sehr besonderen Persönlichkeit eingeprägt, scheint mir. Und die macht sich ein wenig lustig über uns Nachgeborenen, die versuchen, die Installation zu begreifen. Das Lebendigste ist natürlich ihr Wort, denn es ist Geist und Seele.

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      • bruni8wortbehagen schreibt:

        ach, das iat interesssant, wie Du ihre Totenmaske siehst, liebe Gerda.
        Also sehe ich sie mir wieder an, lange, und versuche dabei, mir ihr Leben, soweit ich davon weiß, vorzustellen.
        Ich sah ja erstmal nur dieses zahnlose Grinsen, aber jetzt sehe ich es etwas anders, vielleicht wirklich auch ihre Belustigung über die Menschen, die sich im Nachhinein so viele Gedanken über sie machen. Aber vielleicht wäre es ihr auch total egal gewesen, doch ihr Herz war groß, also liege ich mit Sicherheit schon wieder falsch 🙂

        Eines steht fest, sie war so lebendig, wie es manchesmal viele Menschen auf einmal nicht sind …

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    • gkazakou schreibt:

      da liegst du nun gar nicht falsch.dass sie lebendiger war als viele Menschen zusammen. Mit der Maske kann ich mich auch täuschen. Vielleicht MÖCHTE ich was sehen, was gar nicht da ist. Ich meinte übrigens gar nicht ihren Mund, sondern die Stirn und die Augen.

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  13. Gerhard schreibt:

    Enormer Beitrag!

    Ich kenne Else Lasker-Schüler nicht. Scheint ein „Universum für sich“.
    Bezüglich Kunst-und Themenaufbereitung in Ausstellungsräumen: Nicht jeder Besucher hat Zeit, sich in eine Installation, in all das Umfeld der Kunstwerke einzudenken. Ist ohnehin schwierig. Aber wenn das Komplexe erweitert wird, dann erst recht.
    Kunst soll doch vermitteln, nicht überfordern.

    Gruß
    Gerhard

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Lieber Gerhald, ich kann dir eigentlich nur in beidem zustimmen: Else Lasker-Schüler ist ein „Universum für sich“, das zu erforschen Abenteuer von besonderer Schönheit, aber auch Gefahren bringt. Was du zu Ausstellungen sagst: dass der Betrachter überfordert sei. Ja, oft ist das Haptische und Sichtbare sehr zusammengeschrumpft und spricht nicht mehr zu den Sinnen. Es benötigt einen Haufen von Information, Erklärung, Interpretation, um den Betrachter zu interessieren oder gar zu bewegen. Mir gefällt das nicht. Ich möchte direkt durch das Kunstwerk in meinem Inneren bewegt werden. Aber leider muss man sich heutzutage erst durch das ganze Drum und dran durcharbeiten um zum Kern vorzustoßen. Manchmal lohnt sich die Anstrengung.

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