Kontraste, Polaritäten

Gestern – es war schönstes Frühlingswetter und der Himmel so blau, wie er nur in Attika sein kann – trieb es mich raus aus der Stadt. In die Natur wollte ich, reine Luft atmen, Frühlingsblumen auf sanften grünen Wiesen schauen. Ich wusste freilich: unser Hausberg, die einst so schöne Penteli, ist tief verwundet. Der Marmor wurde ihr seit der Antike aus den Flanken gebrochen, die Wälder wieder und wieder niedergebrannt, die Gipfel mit Antennen bestückt – aber dennoch dachte ich: es wird ja der Frühling sich auch dort zeigen. Ich fuhr einfach drauflos, auf das Wunder hoffend. Was sich mir zeigte, war dann allerdings so niederdrückend, dass ich die Flucht ergriff. Die riesigen Hochspannungsleitungen ängstigten mich, auch schien mir rundum die Vegetation gestört. Also wandte ich mich wieder nach Süden, den an den Berg sich anlehnenden Vororten zu. Und da wehten auf einem Hügelchen hellviolette Anemonen im Sonnenlicht, berührten mein Herz. Immer heilt die Natur, immer verletzt der Mensch, fühlte ich und war sehr traurig. Und als ich sie fotografierte, war ich mir bewusst: mein Handy nimmt von den Antennen da oben seine Signale, mein Auto fährt mit dem Benzin, das in den stinkenden Raffinerien erzeugt wird. Ich bin Teil der Zerstörung, aber auch des immer sich erneuernden Wunders des Lebens.

Am Tag zuvor war ich in der Stadt gewesen, hatte zwei Ausstellungen gesehen, und auch da tat sich mir ein schmerzhafter Zwiespalt auf. Die eine Ausstellung zeigte die Lebenswelt auf den Kykladen-Inseln, lange, bevor der Vulkan von Santurini (Thera) ausbrach und sie versinken ließ.  Wunderbar einfache, mit Hand, Stein, Ton und Wasser geformte Statuen und Gefäße, spiralengeschmückte Steine, zauberhafte Fresken  sind uns von dort geblieben. 3500, 5000 Jahre sind seither vergangen.

Und heute? Ich war dann noch in einer Kontrastausstellung, von der ich morgen erzählen möchte. Der Tag endete damit, dass ich hoch über dem Verfassungsplatz an einem Panoramafenster saß und auf das beleuchtete Parlament, den nie abreißenden Strom der Autos blickte … und einen Tee von Kräutern des Olympos trank, gesüßt mit dem Honig der Bienen.  In den vier Stockwerken unter mir verkauften sie Elektronik.

Polaritäten in der von uns geschaffenen Menschenwelt.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, alte Kulturen, Ökonomie, Fotografie, Kunst, Natur, Psyche, Umwelt abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

19 Antworten zu Kontraste, Polaritäten

  1. Myriade schreibt:

    Ja, ich verstehe sehr gut, was du meinst. Andererseits entsteht Neues und auch Harmonie letztlich aus Kontrasten, aus verschiedenen Schwingungen. Jedes Bild lebt von der Spannung, die aus Kontrasten entsteht. Schön, dass du über eine Kontrastausstellung berichten wirst. Das klingt sehr interessant …..

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    • gkazakou schreibt:

      Liebe Myriade, mir scheint, die Spannungen empfinde ich als so groß, weil die ganze Menschheitsenwicklung – und nicht nur die relative Gegenwart in einem überschaubaren Erdenwinkel – vor uns ausgebreitet ist, und weil ein Großteil unseres Seelenlebens und unserer Leiblichkeit tief im ganz Frühen steckt, von dem wir uns doch technologisch so weit entfernt haben und immer weiter entfernen. Da entstehen enorme Spannungen, die man im Denken und Fühlen schwer harmonisieren kann.

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  2. kunstschaffende schreibt:

    Da bin ich auch sehr gespannt! Auch wenn ich Großstädten so garnichts abgewinnen kann, dieser Blick von der Terasse und die Beleuchtung des Gebäudes, ist sehr schön!

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  3. mmandarin schreibt:

    Liebe Gerda, wieder sprichst du mir aus der Seele….ja wir sind alle auch beteiligt an der Zerstörung. Auch ich gehe durch die Natur und suche nach Heilem, Verllässlichem…. momentan bin ich sehr verstört…mein Mann ist schwer erkrankt…da ist der Anblick einer Blüte schon Geschenk. Danke Marie

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    • gkazakou schreibt:

      Ach, Marie, hoffentlich kann er seine Kräfte bald wieder gewinnen. Pass auf dich auf! Viele Blüten zu deiner Stärkung schicke ich dir. Und Herzensgrüße. Gerda

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    • Ulli schreibt:

      Liebe Marie, auch ich sende dir einen Strauss Kraft, aus den Frühblühern gebunden, schau mal: Narzissen in weiss und gelb, dazu Himmelsschlüsschen und Veilchen, mögen sie dir ein Lächeln schenken.
      Herzlichst
      Ulli

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  4. mmandarin schreibt:

    Danke liebe Gerda, Marie

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  5. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda,
    ich teile deine Traurigkeit ob der nicht enden wollenden Ausbeutung, Verschandelung und Zerstörung der Natur, damit „wir“ es bequemer haben. Und du sagst es ehrlich: wir sind Teil davon und haben Anteil daran. In D werden nun die Errichtungen der Tankstellen für Elektroautos vorangetrieben, gestern las ich über eine Schreibtischlampe, die über Solarzellen betrieben wird, also keinerlei Strom braucht, das sind Entwicklungen in die richtige Richtung, nur geht eben alles doch ziemlich langsam, zu langsam?!
    Ich teile aber auch deine Freude und Faszination an den uralten Dingen, die die Menschen schon in den sehr alten Zeiten formten und verzierten, danke, dass du sie zeigst.
    Gerade eben freue ich mich über den blauen Himmel über dem Hochtal, der mich vor die Türe lockt…
    herzliche Sonntagmorgengrüsse sende ich dir
    Ulli

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    • gkazakou schreibt:

      Solarzellen, ja, das geht. Aber elektrischer Strom als Ersatz für andere Treibstoffe ist keine gute Lösung. Die Windräder sind eine Katastrophe, die Hochspannungsleitungen ein Graus, und auch die Solarfabriken, die ja verkabelt werden müssen, verschandeln die Welt. Von den grässlichen Antennen und den Satelliten für unseren Kommunikationshunger , von den Straßen und Tunneln für unsere Reisewut will ich gar nicht erst reden. Es hilft nichts, wir zerstören die Erde, das steht nun.mal fest. Was mich freilich nicht hindert, mich an meinem Leben und dem blauen Himmel zu erfreuen. Gleich fahre ich an eine schöne Küste, zum Heiligtum der Nemesis in Ramnous. Nemesis ist die Göttin, die einschreitet, wenn das Gleichgewicht von Geben und Nehmen gestört wird. Ihre Schwester ist Dike, die Gerechtigkeit. Auch sie wurde dort verehrt. Das Heiligtum wurde im 5. Jahrhundert auf Anweisung des allerchristlichsten Kaisers von Konstantinopel zerstört.

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  6. afrikafrau schreibt:

    sehr zwiespältiges Thema, bislang war die Natur aber immer stärker……

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  7. afrikafrau schreibt:

    muss ich in Epochen denken?? die Natur wird Sieger bleiben… sie leidet zwar…trotzdem die
    Natur wird sich sicher verändern, ja, aber sie ist stärker als wir……………….

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    • bruni8wortbehagen schreibt:

      Aber nun wird es mühevoll für sie, mehr als es je war

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    • gkazakou schreibt:

      Natürlich musst du nicht in Epochen denken, liebe Afrikafrau. ich fragte mich nur, was du unter „bisher“ verstehst. Es gibt da einen Witz: Einer fällt aus dem 40. Stockwerk, und als er am ersten vorbei kommt, denkt er: Bisher ist es ja gut gegangen. Natürlich hoffe ich auch, dass die Natur es schafft. Denn sonst sind auch wir Menschen am Ende.

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  8. bruni8wortbehagen schreibt:

    Ein Text, der mir aus der Seele spricht, liebe Gerda.
    Ich erkenne sie auch, diese irrwitzigen Kontraste und möchte auf vieles Neuzeitliche nicht mehr verzichten und doch weiß ich sehr um unsere Leiblichkeit, wie Du es so treffend ausdrückst, die irgendwo und irgendwie tief im ganz Frühen steckt, die Natur sucht, aber im nächsten Moment schon wieder auf das Display des Handys blickt, und nicht so recht weiß, wie sie sich zwischen all diesen Kontrasten bewegen soll. Es macht Bauchschmerzen.

    Die erste Ausstellung liegt mir auf den ersten Blick näher und da sind es die Steine, die mich sehr anrühren, die so viele Fragen aufwerfen und nach Antworten suchen.

    Liebe Grüße zur Nacht von Bruni

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  9. Madame Filigran schreibt:

    Die Bienen und die Menschenwelt…
    Was du in deinem Beitrag beschreibst, beschäftigt mich immerzu, und ich schicke täglich Wünsche an die Natur, daß sie stärker sei als der Mensch.
    Herzlichst

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  10. Pingback: Griechische Kunst am Sonntag: Gebrauchsgegenstände und Spielsachen vor 3-5000 Jahren | GERDA KAZAKOU

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