Es kommt ein Schiff geladen

 

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Heute gibts was zu lesen: einen Abschnitt aus einem Romanprojekt, das ich vor einigen Jahren begann. Es wuchs auf 700 Seiten an und erhielt den Namen „Schwanenwege“. Seither liegt es in der Schublade. Aber heute hole ich mal wieder ein Stück hervor.

(Kontext: Ludwig, der mittlere von 5 Geschwistern und homosexuell, ist Hauptschullehrer in Eckernförde und Sterngucker aus Leidenschaft. Und so fährt er in einem Moment großer seelischer Verlassenheit nach Hamburg ins Planetarium, wo eine Show über den Sternenhimmel Alt-Ägyptens läuft.)

„Das große Planetarium wimmelte von Jungvolk, ganze Schulklassen mit ihren Lehrern waren gekommen, es gab auch ein paar Studenten und Rentnerinnen, die übliche Mischung bei solchen Veranstaltungen eben. Kaum hatte Ludwig Platz genommen, fühlte er die altbekannte Ehrfurcht in sich aufsteigen, die ihn immer ankam, wenn sich der Weltenraum ein wenig für ihn öffnen sollte. Nicht der aktuelle Hamburger Sternenhimmel natürlich. Nieselregen und städtisches Streulicht hätten sowieso keine spektakulären Ausblicke zugelassen. Nein, ein in anderen Längen und Breiten ausgespanntes, längst versunkenes Himmelszelt würde sichtbar werden. Ob sie wohl zeigen würden, wie die Sternenbewegung sich den Herren von Alt-Ägypten darstellte, die ihr Planetarium auf dem Inselchen al-Warraq, im Brennpunkt des heutigen Kairo, errichtet hatten?“

….. (Hier folgen Ludwigs innere Erlebnisse beim Anschauen des ägyptischen Sternenhimmels. Es geht dann weiter:)

„Ludwig schwindelte bei dieser Gedankenflucht. Halt suchend wandte er sich rückwärts, in seine Kindheit, und fand sich wieder in der Dorfkirche, es war Advent, oder doch schon Weihnachten? und die Gemeinde sang von einem anderen Schiff: „Es kommt ein Schiff geladen bis an sein’ höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort“. Auch Vater und Mutter sangen mit.

Ludwig pfiff leise die vertraute Melodie – und schrak auf. Er hatte vergessen, wo er war. Menschen sahen sich nach ihm um, tadelnd, ironisch. Beschämt zog er sich in sich zurück.

Da berührte ihn ein Blick, der war freundlich und voll von geheimem Einvernehmen. Dunkle Augen in einem schmalen jungen Gesicht, ein feiner sinnlicher Mund, kaum Flaum über den Lippen. Sein Haar floss ihm in dunklen Wellen bis auf die Schultern. Ludwig errötete, wie ertappt, seine Augen wandten sich ab, der Show zu. Aber es gelang ihm nicht mehr, sich zu konzentrieren. Während die Kamera im Tempel von Edfu herumfuhr und der Kommentator über Horus’ rechtes und linkes Auge sprach, die Sonne und Mond darstellten, fühlte Ludwig immer noch die dunklen Augen des Fremden auf seinem Gesicht.

Als das Licht anging und die Menschen zum Ausgang strömten, stand er ein wenig benommen auf. Er war nicht in Edfu, war nicht in Theben oder in Canopus, der versunkenen Stadt am Delta des Nils, sondern im abendlichen Hamburg. Er musste sehen, wo er in der Nacht blieb. Zögernd ließ er sich dem Ausgang zutreiben.

Da war plötzlich dieser junge Mann neben ihm und sagte: „Haben Sie Lust und Zeit für einen Spaziergang? Ich heiße übrigens Johannes.

*

„Sicher, klar hab ich Zeit“, brachte Ludwig heraus. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals. Schräg von unten – er war ja etwas untersetzt, während Johannes’ schöner Kopf auf einem langen schlanken Körper saß – warf er verstohlene Blicke auf seinen Begleiter. Sehr elegant, ja extravagant war dieser gekleidet in seinem schwarzen, rot unterfütterten Mantel, der auf Taille gearbeitet war und sich nach unten glockenförmig öffnete. Um den Hals hatte er einen weichen weißen Schal geschlungen, der sehr gut zu seinem dunklen Teint stand. Ludwig kam sich neben diesem Prinzen schmutzig und schäbig vor. Normalerweise war ihm sein Aussehen ganz unwichtig, wie er überhaupt nicht viel Wert auf seine Person legte. Am besten fühlte er sich in bequemen Hosen und Pullover und in ausgetretenen Schuhen. Eine Windjacke mit oder ohne Kapuze komplettierte seine Garderobe. Sein Haar war sehr kurz geschnitten, wodurch die Kugelform seines Schädels betont wurde.

Johannes spürte wohl Ludwigs Befangenheit, jedenfalls sagte er mit einem leichten Lächeln: „Johannes Tauler“.

Ludwig beeilte sich, sich seinerseits vorzustellen: „Ludwig Winrod“ – das „von“ fand er unpassend und verschwieg es.

„Nein, nein“, lachte Johannes, wobei sich an seinem sonst tadellosen Gebiss eine leichte Störung zeigte, die Ludwig besonders apart erschien – ein Eckzahn war spitz wie bei einem Raubtier – „Johannes Tauler ist der Dichter des Liedes, das du vorhin gepfiffen hast“.

Du, hatte Johannes gesagt, so vertraulich, als ob sie sich seit langem kannten. In Ludwigs einsamem Herzen ging ein Licht auf und strahlte aus seinen Augen, als er etwas dümmlich zurückfragte: „Der Dichter des Liedes?“

„Ja. Der Tauler Johannes war Mystiker, Schüler von Meister Eckhart. Ein Gottesfreund. Ich weiß das, weil ich mich für die Johannesse dieser Welt besonders interessiere“, fügte er lachend hinzu, und wieder erschien der Raubtierzahn in seinem weichen, sensiblen Mund. „Übrigens hat Tauler das Lied wohl aus noch älteren Quellen geschöpft. Das Schiff bedeutet, wie du vielleicht weißt, die schwangere Maria als Himmelskönigin.“

Und unbekümmert um die Menschen, die durch den abendlichen Park eilten, sang Johannes, sich zu Ludwig leicht hinabbeugend, mit schöner Stimme:

Es kumpt ein schiff geladen
recht uff sin höchstes port,
’s bringt uns den sune des vatters,
daz ewig wore wort.

Daz schifflin daz gat stille
und bringt uns richen last,
das segel ist die minne,
der hailig gaist der mast.

Das Segel ist die Minne! Ludwigs Herz öffnete sich noch einen Spalt, und die zurückgestaute Liebessehnsucht vieler Jahre drohte ihn zu ersticken.“…….

*

Soweit das Romanfragment. In Griechenland ist das Weihnachtssymbol nicht der Tannenbaum, sondern das Schiff. Und so habe ich für meine diesjährige Grußkarte ein Weihnachtsboot in den Farben Griechenlands gebastelt. Frohe Weihnachten!

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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26 Antworten zu Es kommt ein Schiff geladen

  1. gfschmidt schreibt:

    Was für ein schöner Text, danke dafür! Ich würde die Schwanenwege gern lesen

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    • gkazakou schreibt:

      Ihr Interesse ist wirklich ein schönes Geschenk für mich, lieber gf, für das ich mich herzlich bedanke. Ich habe das Manuskript nie abgeschlossen, konnte mich deshalb wohl nicht wirklich von ihm trennen. Die darin lebenden Personen geistern nun im Universum der unveröffentlichten Bücher herum und scheinen darauf zu warten, dass sich jemand ihrer erbarmt. Ein schönes Weihnachten wünsche ich Ihnen! Gerda Kazakou

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  2. kunstschaffende schreibt:

    Oh liebe Gerda, jetzt stellst Du Dich uns auch noch als Schriftstellerin vor, was kannst Du eigentlich nicht!
    Ich bin so gefesselt von dieser Geschichte und würde zu gerne wissen, wie es weiter geht! Ersteinmal herzlichen Dank für die lieben Wünsche mit Deiner schönen Grußkarte! Das mit dem Schiff gefällt mir sehr gut!
    Für Dich und Deine Lieben auch eine wunderschöne, glückliche und beschützte Zeit!

    ❤ Grüße Babsi

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    • gkazakou schreibt:

      Tja, liebe Babsi, so geht es mit diesen Romanpersonen. Man möchte zu gern wissen, wie es weitergeht. Ich habe ihre Wege ja noch recht lange verfolgt, aber irgendwann sind sie entschwunden, und so weiß ich, ehrlich gesagt, auch nicht, was schließlich aus ihnen geworden ist. Danke für die guten Wünsche! auch ich wünsche dir und den Menschen, die du lieb hast, ein friedliches, fröhliches Weihnachten. Gerda

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  3. Hella schreibt:

    Liebe Gerda!
    Ob Deine Schwäne nicht doch noch einen Weg finden zum Leser, eben Schwanenwege?
    Du müßtest Dich nur entschließen, das Manuskript peut à peut ins Internet zu stellen.
    Man kann ein Buch auch bei Amazon einstellen, da braucht es keinen Verlag.
    Die Texte sind so gut, daß es doch ein Jammer wäre, sie in der Schublade (in irgend einer Computerablage) vergammeln zu lassen. Vielleicht würden Dir die Schwäne, wenn Du sie wieder aufsuchst, dann ja auch noch ihre weiteren Schicksale erzählen.
    Eine, die das Schreiben des Romans mit Freude und Spannung verfolgt hat seinerzeit, Hella

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, ganz besonderen Dank dir, ohne die ich dies ganze Projekt nach den ersten Schwierigkeiten fallengelassen hätte. und nun machst du mir noch mal Mut. Danke! ich mag einige Abschnitte ja auch sehr, aber obs für einen Roman reicht? ich denke nach. Sei von Herzen gegrüßt von Gerda

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  4. Christiane schreibt:

    Von deinem Roman würde ich auch gern mehr lesen, liebe Gerda. Und was die Frage angeht, wie so ein Roman bei Amazon eingestellt wird, da könnte ich ganz praktisch helfen.
    Bis dahin aber erst einmal danke fürs Teilen und auch dir frohe Weihnachten!
    Liebe Grüße
    Christiane

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  5. jeannettepaterakis schreibt:

    Der Roman liebe Gerda ist ergreifend.Die Sprache ,die Du verwendest ist bezaubernd.In so wenigen Zeilen sagst Du soviel.Ich möchte mehr ❤
    Gesegnete Weihnachten ,liebe Gerda.Gesundheit,Glück und Kraft ❤

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  6. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda,
    einmal habe ich in schwedisch Lappland Singschwäne gehört, das war so ein grosses Geschenk! Und ich glaube, dass dein Schwanengesang ebenfalls ein Geschenk in der Welt der Bücher für Viele werden kann, allein dieser Ausschnitt ist wunderbar, auch ich möchte sofort mehr lesen.
    Dir einfach eine gute Zeit, wie immer du sie verbringst.
    Herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  7. Monika schreibt:

    Liebe Gerda.
    Ja, mach das, eine Pause, aber nicht so lange. – Bitte – nicht. Auch ich bin gespannt, welche Konflikte noch auftauchen, wie sie gelöst, oder nur im Raum stehen bleiben. Da ist noch eine große Menge an Verwicklungen und, und, und….Erzählstoff.
    Gute kommende Tage
    Monika

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      O ja, liebe Monika, da kommt noch viel nach. Es ist auch nur ein Erzählstrang von fünfen, denn es sind fünf Geschwister. Ob ichs veröffentliche, weiß ich noch nicht. So, nun erstmal: Frohe Weihnacht!

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  8. kowkla123 schreibt:

    fröhliche Weihnachten wünsche ich

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  9. Eine gute Festzeit Dir, Du dichtende, malende, denkende und und und Gerda!

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  10. Hella schreibt:

    Wunderbar, so viel Interesse! Und schon ist Christiane da, die über das Publizieren bei Amazon Bescheid weiß! Schick uns derweil noch ein paar Texte aus Deinem Schwanenroman. Liebe Grüße von Hella

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  11. bruni8wortbehagen schreibt:

    Wundervoll ist dieser Anfang, liebe Gerda.
    Deine Sprache ist so über die Maßen gut, daß Du mit einem solchen Manuskript
    auf bei einem konventionellen Verlag große Chancen hättest.
    Ich bin davon überzeugt, nachdem ich so schnell in den Bann Deiner Zeilen geraten bin.
    Hier steckt so viel ungeheures Potential, das nicht ungelesen weiter in einer Schublade vor sich hinweinen sollte!
    Ich werde so schnell es geht, die Fortsetzung lesen, denn ich bin schon sehr gespannt.

    Liebe Grüße von Bruni

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  12. Pingback: Heilige sind wir nicht | GERDA KAZAKOU

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