Das Orakel, Teil 2 (self-fulfilling prophecy)

Gestern (und vor einem Jahr) erzählte ich von einem König, der alles hatte, den aber die Frage nach der Zukunft seines Glücks umtrieb. Seine Sorgen waren so groß, dass er ein Orakel aufsuchte.

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Ich weiß nicht, ob du in kritischen Zeiten auch mal Tarotkarten legst oder ins Horoskop schaust – nicht wirklich überzeugt zwar, dass sie dir Aufklärung bringen, aber wer weiß! Gute Karten verstärken den optimistischen Blick in die Zukunft, schlechte sammelt man ein und vergisst sie möglichst schnell.

Ich lebe in einem Land, in dem die meisten Frauen den Kaffeesatz zu lesen verstehen.  img_6533aa Einmal rannte eine Kaffee-Ratte am oberen Tassenrand (sprich: auf meinem Kopf), was mir merkwürdige Alpträume einbrachte.  Wenig später fand ich eine echte, aber tote Ratte, die es auf einer Straße erwischt hatte. Ein frischer Blutstropfen hing noch an ihrem Näschen. Kaum sah ich sie, wurde ich wieder froh. Die Ratte hatte sich für mich geopfert.

Aber zurück zum König meiner Geschichte. Wie geht es mit ihm weiter? Da standen die kohlschwarzen Zeichen an der weißen Wand, als seien sie das Menetekel des Belsazar*. a8a1057708d64f225901dcd763e707c1 Kein Daniel war da, um sie zu entziffern**. Die Fee raunte zwar echt sybellinisch von „gewogen und zu leicht befunden“ und von Heines Belsatzar-Gedicht. Aber war das eine Übersetzung dieser Schrift? img_5244 Nein. Wie denn auch!  Bei solchen Prophezeiungen ist es wie beim Träumen: Nur der Träumer weiß, was der Traum ihm sagen will. Wir anderen tappen im Dunkeln.

Und was war es, was der König an der Wand las? Natürlich eine Bestätigung seiner Befürchtungen: „Dein Pferd wird von einem anderen geritten werden, deine Frau von einem anderen geliebt werden, deine Krone wird ein anderer tragen und dein Hund …“

„O weh! Das will ich nicht erleben!“ rief der König verzweifelt und sprang ins nächstbeste Gewässer, um seinem Leben ein Ende zu setzen.

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Da seht ihr ihn liegen, am Grunde des Meeres. Sein herrenloses Pferd fing ein  Bauer ein und ritt damit davon. Seine Frau trauerte ein wenig, tröstete sich aber bald und liebte einen anderen. Der bestieg den Thron und setzte sich die Krone aufs Haupt. Glückliches Paar!

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Nie fragten sie, wie lange ihr Glück dauern werde. Es dauerte, solange es eben dauerte.  Und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie auch heute noch glücklich und zufrieden.

Der treue Hund aber verwandelte sich in einen Seehund, damit er seinen Herrn bewachen kann dort, wohin ihn seine Dummheit brachte. Er hat eben mehr Liebe und Verständnis in seinem Hundeherzen als ich und du.

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______________

* Ausschnitt aus Rembrandts Gemälde „Das Gastmahl des Belsazar“

** Wissenswertes über diese Bibelgeschichte findest du bei Wikipedia unter Das_Gastmahl_des_Belsazar. Der Prophet Daniel konnte die Schrift lesen: „Menetekel“. Gezählt, gewogen und zu leicht befunden.

Heinrich Heine dichtet:

... Und sieh! und sieh! an weißer Wand
Da kam’s hervor wie Menschenhand;

Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Antworten zu Das Orakel, Teil 2 (self-fulfilling prophecy)

  1. Arabella schreibt:

    Beachtlich die Reihenfolge…erst das Pferd, dann die Frau;-)

    Gefällt 1 Person

  2. gkazakou schreibt:

    das Pferd findet eben schneller einen neuen Halter …..😉

    Gefällt 2 Personen

  3. kunstschaffende schreibt:

    Ja, dass ist wieder die Bestätigung, was man denkt zieht man an! Auf einer Schiffsreise hat mir eine Frau einfach so die Tarotkarten gelegt und dies traf auch ein!
    Lange Zeit habe ich mir selbst die Engelkarten gelegt, heute mach ich nichts mehr in dieser Art. Es kommt wie es vorbestimmt ist, basta!

    Deine Legearbeiten sind wieder sehr beeindruckend mit dieser naja, eigentlich traurigen Geschichte! Aber so kann das Leben eben sein!

    Wünsche Dir eine gute Nacht mit einem schönen Happyend Traum!

    LG Babsi

    Gefällt 1 Person

  4. mmandarin schreibt:

    Dieser dumme Kerl….auch er kannte leider nicht einen meiner Lieblingsweisheiten, „sorge dich nicht vor der Zeit “ er könnte heute noch…wenn er nicht gestorben wäre … usw. Liebe Grüße, Marie, die wie immer dein Geschriebenes und gelegtes bewundert.

    Gefällt 2 Personen

  5. finbarsgift schreibt:

    Traurig, aber wohl wahr, liebe Gerda…

    Nun ist die self fulfilling prophecy eine weit verbreitete und sehr hartnäckige Lebensanschauung,

    vielleicht sogar manchmal die Krankheit zum Tode,
    nur schwer behandelbar…

    Vielleicht ja mit Tarotkarten und deinen faszinierend beeindruckend ästhetischen Bildern und Texten,

    das wäre toll!
    Liebe Novembergrüße
    vom Lu

    Gefällt 1 Person

  6. kormoranflug schreibt:

    Nichts kann festgehalten werden – was kümmern uns die Befindlichkeiten von Königen. Das Pferd wurde bestimmt einem Untertan abgenommen, die Frau aus einem Dorf entwendet. Nur der Hund wurde selbst von ihm aufgezogen.

    Gefällt 1 Person

  7. karfunkelfee schreibt:

    Liebe Gerda,
    Staunte ich heute Morgen nicht schlecht, als mir die Fee in Deinem Beitrag entgegen funkelte! Tarnt und Orakel sind psychologische Wegweiser, Spiegel unserer selbst. Wenn wir den unbequemen oder unangenehmen Blick in unseren Spiegel fürchten, sind schlechte Vorhersagen in der Lage, unseren Lebensplan negativ zu beeinflussen. Orakel sind nichts für Weicheier. Man sollte sich selbst zu begegnen gewillt sein und die Warnungen als Warnungen verstehen, sich selbst und sein Handeln in Frage zu stellen. Darum gibt es, so gesehen, keine „schlechten“ Orakelsprüche. Der König tat, was wohl viele tun würden, wenn sie Angst gemacht bekommen: Er zog alles mögliche in Betracht nur nicht die Möglichkeit, dass er selbst beeinflussen kann wie ihm geschieht. Seine Unbewusstheit hat ihn das Leben gekostet. Darum können Orakel so hilfreich sein, wenn man mutig genug ist, sich ihnen zu stellen, wenn man ihres Rates bedarf. Ich arbeite manchmal mit Tarot oder I-Ging, wenn ich Entscheidungen treffen muss oder einen Hinweis benötige. Auch die Astrologie bietet hilfreiche Aspekte. Wichtig, wie bei allem erachte ich, dass man sich von derlei Hilfsmitteln nicht zu sehr beeinflussen lässt, vor allem nicht in der Zuversicht darauf, dass man das Richtige tun kann um Schaden abzuwenden oder eine Situation zu einem guten Ausgang zu bringen. Dazu gehört zuerst das Vertrauen in sich selbst und kein Orakel dieser Welt kann einem das schenken…
    Liebe Montagsgrüße von Stefanie Karfunkelfee

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Liebe Fee, da will ich dir gerne zustimmen. Mein König hat sich den Orakelspruch so ausgelegt, wie sein Gemüt es ihm erlaubte. Hättest du dich zur Fragezeichen-Alten begeben, so hättest du dieselben Zeichen sicher anders gelesen. Das ist wie mit dem Spiegel: der eine schaut rein und zieht sich eine Grimasse, weil sein Auge auf einen Pickel fiel, der andere lächelt sich zu, um zu sehen, ob das Weißmittel für die Zähne schon was gebracht hat. Der eine findet sich grässlich, der andere bewundernswert, doch beide schauen in denselben Spiegel und sehen sich selbst. LG dir und eine volle Mondnacht!

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