Jeden Sonntag ins Archiv. 1.November 2015: „Entwerden“

Jeden Sonntag steige ich hinunter ins Archiv, um festzustellen, was mich früher an einem Tag wie diesem umtrieb. Ich bleibe gleich im ersten Bloggerjahr stehen: 2015.

Ein erster November scheint grundsätzlich weise, wenn auch etwas trübe Gedanken zu befördern. Meine damaligen lesen sich so: „November. Auch hier ist er nun angekommen, trübe, grau und nass. Es ist eine Zeit des Vergehens. Ich nenne es Ent-Werden. Denn es löst sich auf, was sich im Laufe des Jahres als Struktur gebildet hat. Diese Strukturen müssen nun vergehen, um einem neuen Werden Platz zu machen.“

Strukturen lösen sich notwendigerweise auf, vergehen, damit Neues entstehen kann. Das betrifft nicht nur die Natur, sondern menschliche Verhältnisse ebenso. Wie mir scheint, sind wir in eine Zeit des Verwesens europäischer Herrlichkeit eingetreten. Schön ist das nicht anzusehen. Wer mag schon Verwesendes? Dennoch ist es ein notwendiger Schritt, damit sich Neues entwickeln kann.

Diese Figur, mithilfe von Naturmaterial, Papier und Farben auf Leinwand geschaffen, taufte ich „Entwerden“. Entstanden ist sie einige Jahre früher.

Gesellschaftliche Assoziationen verband ich damals nicht mit dem Bild. Vielmehr ging ich gleich ans Grundsätzliche:

In früheren Zeiten meinte man, das Leben entstehe spontan aus dem Schlamm.  Mutter Erde mit ihren Grotten – das war ihr Uterus. Auch heute wird die Entstehung des Menschen nicht viel anders, nur eben maskuliner erklärt: Gott erschuf Adam aus Schlamm und blies ihm seinen Atem ein. Aus Schlamm oder aus Erde, gelegentlich auch aus Staub, in den wir zurückkehren werden.

Der nächste Gedanke ist dann näher am Bild:

Mit dem Werden sind wir vertraut, und es freut uns. Die Schönheit der vergehenden Formen zeigt sich nicht auf den ersten Blick. Man muss schon näher herantreten. Da sieht man dann, dass sich im Prozess des Ent-Werdens bereits der Keim des neuen Werdens bilden möchte.

Ich denke, wenn ich das heute lese, vor allem an das Gewimmel von Maden im Kadaver. Auch eine Stelle aus Kafkas „Landarzt“ kommt mir unweigerlich in den Sinn (vergl. hier). Was aber sah ich damals, vor elf Jahren, als ich dieses Bild betrachtete und hin und her wendete?

Entwerden 5

Ich war offensichtlich entschlossen, im Verfall nur das Positive zu erkennen, denn ich schrieb: „Einige Teile haben sich vom Corpus abgelöst und schwimmen im fruchtbaren Schlamm davon. Wenn man will, kann man darin die Vorformen neuer Lebewesen erkennen – wie es die Alten taten.“

Entwerden 4

Möge es so sein! Und möge das Leben, das sich aus dem Alten gebiert, schön und erfreulich sein!

Καλό μήνα / Guten Monat November wünsche ich allen hier Mitlesenden!

Avatar von Unbekannt

About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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1 Response to Jeden Sonntag ins Archiv. 1.November 2015: „Entwerden“

  1. Avatar von Joachim Schlichting Joachim Schlichting sagt:

    Ja, es ist interessant in die Tiefe der eigenen Vergangenheit einzutauchen und zu stöbern. Tue ich auch bei bestimmten Anlässen. Manches erscheint mir wegen des (gemäßigten) Vergessens und der neuen Perspektive aus der man nunmehr blickt, anregend und zur weiteren Vertiefung angetan.

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