25 (52) Wochen – ein Objekt: Der Kleine Prinz, der Widderschädel und die Schlange

Ursprünglich von Wortman angeregt, fotografiere ich jeden Sonntag das Metallfigürchen des „Kleinen Prinzen“ in einem anderen Surrounding. Heute, zu Beginn des November, scheint es mir angebracht, ihn neben dem Totenschädel eines einst herrlichen Widders zu präsentieren. Den Schädel fand ich vor vielen Jahren auf Samothrake, aufgespießt auf einem Pfahl, wo er ein Feld bewachte – vermutlich sollte er die wilden Ziegen davon abschrecken, den angebauten Klee zu fressen… Ich klaute den Schädel und trug ihn heim. Seither ziert er mein Atelier, und ich habe ihn oft gezeichnet und manchmal auch gemalt. Denn jeder weiß, dass Schädel toter Tiere ein wichtiges Motiv in der Malerei sind. (vergl hier oder hier oder hier).

Mitleidsvoll und nachdenklich schaut der Kleine Prinz auf den verwitterten Schädel. Vielleicht befragt er die Schlange, die sich zu seinen Füßen ringelt, was es mit dem Tod des Widders auf sich hat? Sie ist in solchen Fragen ja erklärtermaßen eine Expertin. Ich erinnere an die erste Begegnung des Prinzen mit der Schlange, erzählt von Saint-Exupery, ins Deutsche übertragen von R. Strassenburg

Auf der Erde angekommen, war der kleine Prinz erstaunt, niemanden zu sehen. Er hatte schon Angst, sich im Planeten geirrt zu haben, als sich ein mondfarbener Kringel in der Erde bewegte.

– „Gute Nacht“, sagte der Prinz auf gut Glück.

– „Gute Nacht“, antwortete die Schlange.

– „Auf welchem Planeten bin ich gelandet?“, fragte der kleine Prinz.

– „Auf der Erde, in Afrika“, antwortete die Schlange.

– „Ah! … Gibt es denn niemanden auf der Erde?“

– „Hier ist die Wüste. Es gibt niemanden in der Wüste. Die Erde ist groß“, sagte die Schlange.

Der kleine Prinz setze sich auf einen Stein und schaute hinauf in den Himmel.

– „Ich frage mich“, sagte er, „ob die Sterne erleuchtet sind, damit jeder eines Tages seinen Stern wiederfinden kann. Schau dir meinen Planeten an. Er ist gerade genau über uns … Aber wie weit er doch fort ist!“

– „Er ist schön“, sagte die Schlange. „Was machst du hier?“

– „Ich habe Schwierigkeiten mit einer Blume“, sagte der kleine Prinz.

– „Ah!“, sagte die Schlange. Und sie schwiegen.

– „Wo sind die Menschen?“, fuhr der kleine Prinz fort. „Man ist ganz einsam in der Wüste …“

– „Bei den Menschen ist man auch einsam“, sagte die Schlange. Der kleine Prinz schaute sie lange an:

– „Du bist ein lustiges Tier“, sagte er schließlich, „so dünn wie ein Finger …“

– „Aber ich bin mächtiger als der Finger eines Königs“, sagte die Schlange.

Der kleine Prinz lächelte:

– „Du bist doch nicht stark … Du hast nicht einmal Füße … Du kannst nicht mal herumkommen …“!

– „Ich kann dich weiter fortbringen als ein Schiff“, sagte die Schlange.

Sie rollte sich um den Knöchel des kleinen Prinzen wie ein Goldarmband:

– „Denjenigen, den ich berühre, übergebe ich der Erde, aus der er stammt. Aber du bist rein, du kommst von einem Stern …“

Der kleine Prinz antwortete nichts.

– „Ich habe Mitleid mit dir, so schwach wie du bist, auf dieser Erde aus Granit. Ich kann dir helfen, wenn du eines Tages Sehnsucht nach deinem Planeten hast. Ich kann …“

– „Oh! Ich habe sehr gut verstanden“, sagte der kleine Prinz, „aber warum sprichst du immer in Rätseln?“

– „Ich löse sie alle“, sagte die Schlange. Und sie schwiegen.

 

 

Ich schweige auch. – – –

Avatar von Unbekannt

About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Fotocollage, Meine Kunst, Mythologie, Natur, Philippe, Psyche, Skulptur, Tiere, Zeichnung abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..