Bilder-ABC und Kalenderblatt 27.9.: Ä wie Ähren (von Volk und Obrigkeit)

Der heutige Buchstabe in Heides Monats-Challenge ist das Ä. Äpfel fiel mir als erstes ein, doch habe ich in diesem Monat schon eine Apfelzeichnung gepostet. Es muss doch auch Wörter mit Ä geben, die nicht vom A abgeleitet sind? So dachte ich und fand die Ähren, die ihr Ä vermutlich der Unterscheidung von den Ehren verdanken.

Doch woher sollte ich Ähren nehmen? Hier gibt es weit und breit weder Weizen- noch Geste- oder Roggenfelder, dafür aber reichlich wilden Hafer und alle möglichen Gräser. Die meisten bilden keine „echten“ Ähren aus, wie ich von Google-KI erfuhr. Ich nahm, was ich fand und zeichnete es.

 

Echte Ähren sind dicht gepackt, jede einzelne Blüte oder die Teilblütenstände (Ährchen) sitzen ohne Stiel direkt an der Hauptachse. Bei den von mir gezeichneten Gräsern erfüllt die mittlere wohl diese Bedingung. Der wilde Hafer (links im Bild) lässt einseitig lange dünne Stiele aus der Hauptachse herauswachsen, an deren Ende die jetzt vertrockneten leeren Hüllblätter der Samen sitzen. Das Gras rechts in der Zeichnung lässt seine vielen dünnen Verzweigungen strahlenförmig aus zentralen Punkten am Stiel herauswachsen, und an den Enden gibt es tatsächlich dürftige Ähren. Die Hauptstiele wachsen ebenfalls  aus einem zentralen Punkt in der Erde. Dieses Gras ist hier allgegenwärtig, sehr hoch und licht. Ich mag es sehr, wenn es sich im Wind wiegt.

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Eine literarisch-politische Assoziation kommt mir immer beim Wort „Ähren„: das Gedicht von Wilhelm Busch „Ein dicker Sack„, mit der Endstrophe: „Sanft rauschen die Ähren: du wärst ein leerer Schlauch, wenn wir nicht wären“.

Ein dicker Sack – den Bauer Bolte,
Der ihn zur Mühle tragen wollte,
Um auszuruhn, mal hingestellt
Dicht bei ein reifes Ährenfeld –
Legt sich in würdevolle Falten
Und fängt ’ne Rede an zu halten.
»Ich«, sprach er, »bin der volle Sack.
Ihr Ähren seid nur dünnes Pack.
Ich bin’s, der euch auf dieser Welt
In Einigkeit zusammenhält.
Ich bin’s, der hoch vonnöten ist,
Dass euch das Federvieh nicht frisst;
Ich, dessen hohe Fassungskraft
Euch schließlich in die Mühle schafft.
Verneigt euch tief, denn ich bin der!
Was wäret ihr, wenn ich nicht wär‘?«
Sanft rauschen die Ähren:
»Du wärst ein leerer Schlauch,
Wenn wir nicht wären.«

Zuerst erschienen ist das Gedicht 1874 in Buschs erster reiner Gedichtsammlung Kritik des Herzens. Damals (1871) hatte das 2. Deutsche Reich gerade seinen Auftritt in Versailles gehabt, und ein preußischer König (Wilhelm I) wurde zum Kaiser und Repräsentanten der deutschen Bevölkerung jeder Couleur, mit Ausnahme der weiterhin von Habsburg Regierten. Ein einheitlicher Obrigkeitsstaat mit Armee, Polizei, Geheimdiensten und Zensur machte sich breit,  und die Industriellen arbeiteten Hand in Hand mit dieser Obrigkeit. Das führte zu einem enormen Wirtschaftswachstum und zu einer Euphorie in den bürgerlichen Kreisen, die auch durch das Malheur des 1. Weltkriegs nicht gebrochen wurde („Wir wollen unsern alten Kaiser Willem wiederham“*).

Wilhelm Busch erlebte die Gründung des Kaiserreichs, nicht aber dessen Ende (1832-1908). Mit dem Sack charakterisiert er offensichtlich die Herrschenden (Obrigkeit-Polizei-Bürokratie) und mit dem Ährenfeld die arbeitende Bevölkerung. Die Obrigkeit hält sich selbst für das Wesentliche und das Volk für sekundär. Und mehr noch: es rechnet sich zur Ehre an, das „dünne Pack“ in die Mühle zu schaffen und so einen Mehrwert aus ihm herauszupressen.

Anderthalb Jahrhunderte sind seither vergangen, so mancher Sack (Kaiserreich) wurde gegen einen neuen (Weimarer Republik) und dieser gegen einem weiteren (3. Reich) und weiteren (Besatzungsstatus, zwei deutsche Staaten, BRD) ausgetauscht. Zu allen Zeiten rühmt sich der gerade aktuelle Sack, das Eigentliche und Wesentliche zu sein, weil er die dünnen Ähren zur Mühle schafft, auf dass Mehrwert entstehe. Das Ährenfeld aber rauscht wie eh und je: „Du wärst ein leerer Schlauch, wenn wir nicht wären“.

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Ganz ernst gemeint ist die Sehnsucht nach dem „alten Kaiser Wilhelm“ wohl nicht, es handelte sich eher um einen sentimentalen Ulk, der nach dem Ende des Kaiserreichs 1918 aufkam und als „Gassenhauer“ die Runde machte.  Gesungen wurde nach der Melodie des Fehrbelliner Reitermarschs (auch Kaiser-Wilhelm-Marsch genannt). Nicht den Kriegsverlierer Kaiser Wilhelm II, sondern „den mit dem Bart“, also den Gründer des Deutschen Reichs Wilhelm I  (1797–1888)  und mit ihm „die gute alte Zeit“ wollte man zurückhaben.

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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