Bilder-ABC und Kalenderblatt 6.9.: F wie Feige/Feigenblatt

Der heutige Buchstabe für Heides Monats-Challenge ist F wie Feige.

Seit die erste Feige an unserem Baum reifte (hier), ist fast ein Monat vergangen. Jeden Morgen schaue ich als erstes nach, ob mir der Baum ein Feigenfrühstück spenden mag. Er lässt sich Zeit. Die meisten sind noch unreif, aber ein-zwei Früchte finde ich immer, wenn ich ordentlich suche. Sie zu entdecken, ist gar nicht so leicht, denn die Blätter sind mächtig groß und verbergen die reifen Früchte. Auch das Ernten ist nicht immer leicht, denn die Früchte reifen, wo es ihnen passt, und nicht dort, wo ich sie erreichen kann. Daher bleiben einige am Baum und werden von den Vögeln angepickt und von den Insekten vernascht.

Heute aß ich zwei Feigen, bevor ich mich erinnerte, dass ich sie zeichnen wollte. Zum Glück fand sich noch eine dritte, bereits angepickte, die ich zusammen mit einem Feigenblatt ins Atelier trug.

Das Feigenblatt ist sehr groß im Verhältnis zur Feige, und so habe ich es nur halb gezeichnet. Leider wirkt es nun leicht verkrüppelt, was es nicht verdient hat.

Nicht umsonst ist das Feigenblatt seit paradisischen Zeiten, als es der Bedeckung der plötzlich anstößigen Blöße diente, in sprachlichem Gebrauch geblieben. Es ist groß, weit größer als meine Hand, robust, die Oberfläche ist rauh, und die Ränder sind leicht gezackt, es ist gleichmäßig mittelgrün und von kräftigen gelblichen Adern durchzogen.

In der Malerei war es für Adam-Eva-Darstellungen unverzichtbar (Real Biblioteca de San Lorenzo)

Adam und Eva (unbekannter Künstler)

Moment mal! Das sind doch gar keine Feigenblätter, und der Baum sieht eher nach einer Palme aus! Auch Adam und Eva von Albrecht Dürer (1507, Galería online del Museo del Prado de Madrid: Adán y Eva) haben offenbar nicht zu Feigen-, sondern zu ganz anderen Blättern Zuflucht genommen. Vermutlich sind Apfelblätter dargestellt, da ein Apfelbaum bekanntlich die Frucht der Erkenntnis trug….

Hier stutze ich: Stimmt das denn? Hat ein Apfelbaum das Verhängnis über die Menschheit gebracht? O nein! Nicht der Apfelbaum, sondern der Feigenbaum wurde von Gott höchstpersönlich in den Garten gepflanzt und ist überhaupt der einzige, der in der Genesis namentlich genannt wird.  In der jüdischen und der islamischen Tradition ist der Feigenbaum verantwortlich für den Sündenfall – was ich sogleich verstehe. Denn wer unter dem wohlriechenden Dach eines Feigenbaums steht und die reifenden Früchte betrachtet. kann der Versuchung sehr schwer widerstehen, davon zu kosten. –

Erst im Mittelalter, durch die lateinische Bibelübersetzung, kam „malus“ – der Apfel/das Übel – in Gebrauch. Im Paradies, das wohl zwischen Euphrat und Tigris lag, gab es vermutlich keine Apfelbäume, von denen unsere Vorfahren hätten kosten können.

Noch etwas fällt auf: Der Apfel evoziert durch seine Form die Vorstellung der weiblichen Brust (vergl. Dürers Eva), die Feige des männlichen Hoden. Wenn man das weiterdenkt, ergeben sich einige Folgen für die Verführungsszene und die Rolle des Feigenblatts.

Erst spät, nämlich auf dem Konzil von Trient 1545–1563, erließ die Kirche das Genitalverbot, auch Feigenblatt-Erlass genannt. Es wurde befohlen, alle in der Kirchenmalerei vorfindlichen Blößen mit einem Feigenblatt zu übermalen. Das war eine Reaktion auf die nackte Aufklärung der Renaissance einerseits, die protestantische Prüderie andererseits. Die Genitalien zu übermalen, war sozusagen der katholische Kompromiss mit dem Zeitgeist.

Ein bekanntes Beispiel ist die „Vertreibung aus dem Paradies“ von Masaccio (1425) – ein Fresco der Brancacci-Kapelle in Mailand und eine der ersten nach-mittelalterlichen naturgetreuen Darstellungen von Menschen. 250 Jahre lang nahm niemand an der Nacktheit Adams Anstoß. Sein prächtiges Genital wurde erst 1680 übermalt. So blieb es, bis sich dreihundert Jahre später, im Jahre 1988, die Restauratoren entschlossen, es mühsam wieder freizulegen.

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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