Eigentlich hatte ich nicht die geringste Lust, etwas zum Frauentag zu schreiben. Aber dann verwickelten wir uns bei unserem Morgenbummel in ein Gespräch mit Nachbarn, die uns zu einem Kaffee einluden. Eine gemütliche bildungsbürgerliche Atmosphäre mit künstlerischen Einschlägen begrüßte uns oben. Besonders auffällig waren die vielen traditionellen Stickereien auf Kissen, Decken, Gardinen. Frauenkunst!
Die Frau des Hauses namens Ζωή („Zoe“ = Leben), gebildet, politisch versiert, lässig gepflegt und selbstbewusst, hat Erzählungen geschrieben und veröffentlicht, die in Milieus spielen, in denen solche gemeinsam ausgeübte weibliche Handwerkskunst noch gang und gäbe war. In ihren Büchern hat sie eigene Kindheitserinnerungen verarbeitet.
Während ich mir die Erlaubnis erbitte, einige Motive zu fotografieren, die mich an meine eigenen Kindheit erinnern, sehe die Frauen vor mir, wie sie die Stoffe in den Stickrahmen halten und sticheln und reden und vielleicht auch gegen diese und jene Mitstichelnde sticheln – denn das kann bei Frauenrunden nicht ausbleiben… „Mutig, mutig! Solch struppige Frisuren sollen ja im Kommen sein“ und die Angesprochene blickt mit glänzenden schwarzen Augen von ihrer Stickerei auf, grinst schief und fährt sich mit der freien Hand durch das kurzgeschnittene lockige Haar. Ja, sie hat sich getraut, ihr schönes langes Haar abzuschneiden! Bald kommt die Sommerzeit, und mit der Sommerzeit das Schwimmen im Meer. Wie befreit wird sie sich fühlen, wenn sie im seichten Wasser herumplanschen und untertauchen kann! Sie wird ihr Haar mit einem Handtuch trockenreiben, ganz wie die jungen Männer! Wie werden ihre Augen unter der strubbeligen schwarzen Haarpracht funkeln, und alle werden sie beneiden und hinter ihrem Rücken tuscheln. Ein paar Jahre später werden all ihre stickenden Freundinnen, die jetzt so etepetete tun, sicher auch mit dem unbequemen langen Haar Schluss machen…
Dies ist mein Beitrag zu Christianes „abc-etüden“, bei denen diesmal die Wörter
Sommerzeit
struppig
sticheln
zu bedienen waren.
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Ps. Da fällt mir ein: Meine Schwägerin Polytimi Kazakou-Botoula hat ein Buch über die Haarmoden im Laufe der Geschichte geschrieben: Πιάνοντας την Ιστορία από τα μαλλιά („Die Geschichte bei den Haaren packen“) heißt es und wurde 2017 im Verlag Papazissis veröffentlicht. Sie fördert dort Erstaunliches und Erheiterndes aus den Annalen der Geschichte über die Art, wie Männer und Frauen das Haar zu tragen pflegen und was das über die Epoche, über den Menschen und seine politischen Überzeugungen aussagt.


Ich mag solche Stickereien auch wenn sie etwas altmodisch erscheinen. Sie erinnern mich an meine Oma. Sie liebte es zu sticken. Für höhere Töchter war damals normale Arbeit eh keine Option. Einmal mussten wir in Handarbeit Knopflöcher nähen. Meine sahen grauslig aus. Da erbarmte sich Oma und ein perfektes Meisterstück entstand. Meine Lehrerin schüttelte den Kopf und meinte, das hast du aber nicht selbst gemacht. Oma war’s gab ich zu. Sag deiner Oma, meinte sie, wenn sie in ihrem Alter noch solche Knopflöcher sticken kann, wird sie bestimmt hundert Jahre alt. Oma hat das fast geschafft…
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🙂 Meine Oma stickte zwar keine Knopflöcher, wurde aber trotzdem 98.
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Wer so etwas Schönes stickt, hat meistens gar keine Lust mehr darauf zu sticheln.
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Die Stickerei erinnerte mich sofort an eine Cousine meiner Mutter, deren Wohnung ich nach ihrem Tod auflösen musste. Dabei fand ich eine Schachtel mit Stickmustern, die sie sicher für ihren Handarbeitsunterricht verwendet hatte. Der Verlobte jener Tante war im Krieg gefallen. Sie ist ihm treu geblieben und hat ihre Liebe zu Kindern als Lehrerin ausgelebt. Rührende Briefe von Schülern bezeugen ihre Beliebtheit. Auch ein Frauenleben.
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Meine Mutter hat gehäkelt, nicht gestickt. Ich bin nicht sicher, ob sie es zu mühsam fand oder ob sie es einfach nicht mochte. Aber vertraut ist mir die Art der Stickerei auch.
Danke für die Erinnerung! Danke für die Etüde!
Morgenteegrüße ⛅🎶🛋️🍵
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