Geschichten von und mit Philippe (1). Doras Philippika

Ich hätte ja gewarnt sein können. Philippe ist keine Stimmungskanone. Denn wie schreibt sein Autor?

Ach, kleiner Prinz, nach und nach habe ich so dein kleines trauriges Leben verstanden. Lange Zeit blieb dir nur die Lieblichkeit der Sonnenuntergänge, um dich zu zerstreuen. Dieses Detail erfuhr ich am Morgen des vierten Tages, als du mir sagtest:– „Ich mag Sonnenuntergänge. Lass uns einen Sonnenuntergang anschauen…“

Hier gibt es zwar schöne und viele Sonnenuntergänge – also einen am Tag bestimmt! – , Wenn aber ein trauriger Prinz auf deinem Schreibtisch steht, der sich sehnlichst jetzt und sofort einen Sonnenuntergang wünscht, weil sein Herz traurig ist, und es ist zwölf Uhr am Mittag und bis zum Sonnenuntergang dauert es erfahrungsgemäß noch mehrere Stunden …. was tust du dann? Wie kannst du ihm Erleichterung verschaffen?

Ich schlage ihm vor, schon mal ans Meer zu gehen: wer weiß, vielleicht hat die Sonne ein Einsehen und geht ihm zu Gefallen schon um eins unter? (Hoffentlich nicht! Ich möchte  keinen halben Tag verlieren!)

Er schaut mich dankbar an und verschwindet. Eine Stunde drauf ist er wieder da und wirkt etwas heiterer als sonst. Nanu!? sage ich. Fragen stelle ich keine, denn das hat sowieso keinen Zweck. Er antwortet ja nie.

Aber schließlich erfahre ich doch, was passiert ist. Er hatte eine Begegnung mit Dora! Und die war so:

Als er traurig den Horizont betrachtet, der eine scharfe blaue Kante bildet, während die Sonne hoch über seinem Kopf steht, tränzelt plötzlich seine Fast-Schwester heran. In den Händen hält sie zwei Riesenköpfe an Stangen. Schon von Ferne schreit sie: „He, Philippe, wach auf, du sehnsuchtsvoller Hungerleider! Hab ich dich darum auf die Erde geschickt, damit du Trübsinn verbreitest? Soll ich darum deine Rose hüten? (Der gehts übrigens ausgezeichnet). Die Menschen brauchen Spaß und Spiele! Vor allem aber brauchen sie viel Liebe, Philippe! Wenn man ihnen nicht ein bisschen hilft, streiten sie sich vor lauter Langerweile und schlagen sich die Köpfe ein. Also denk nicht nur an dich und deine Rose, sondern denk auch mal an die andern! Unterhalte sie, liebe sie! 

Philippe lächelt schief, als er mir von Doras Philippika* erzählt. Aber er lächelt, und das ist immerhin ein Fortschritt. Außerdem äußert er den Wunsch, nun seinerseits Stockpuppen zu bauen. Ich soll ihm dabei helfen. Aber gern, Philippe! Doch was für Typen wollen wir machen? Solche Streithammel wie Doras Philipp II und Demosthenes?* Oder vielleicht doch etwas liebevollere Wesen? Na, man wird ja sehen. Jetzt müssen wir erstmal ans Meer, denn die Sonne geht unter!

Danke, Dora! Ich hoffe, deine Philippika hat etwas bewirkt. Denn ehrlich, es geht mir auf die Nerven, Philippe so herumhängen zu sehen. Er ist hypersensibel und empfindlich, und sein poetisches Gemüt träumt ständig von Sonnenuntergängen und Mondaufgängen oder er sehnt sich nach anderen Orten als dem, an dem er sich grad befindet. Wieviel erfreulicher war doch das Leben mir dir, kleine Dora!

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*Philippika = Standpauke, benannt nach den berühmten Reden des Demosthenes gegen den König Philipp II von Mazedonien, der die Attische Demokratie bedrohte. Cicero nannte seine scharf anklagenden Reden gegen Marc Antonius orationes Philippicae.

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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1 Response to Geschichten von und mit Philippe (1). Doras Philippika

  1. Deine wunderschönen Photos vom Meer und Sonnenuntergang lassen doch gar keine Streitigkeiten zu sondern einfach nur Freude.
    Diese beiden Wesen von einem anderen Stern, die sich da gerade wieder begegnen, sind sich ja nicht femd,
    nur ein wenig fremd in dieser Menschenwelt.

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