Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Rainer Maria Rilke
Für E.M.
Vertraust Du so? Nicht meine Demut nur,
mein Wesen zittert vor so viel Vertrauen.
Mein Grund ist zu geheim, um drauf zu bauen,
ich bin Gefahr, sonst wär ich nicht Natur.
Doch weißt Du`s nicht? Sooft es selig war,
rief Dir Dein Blut nicht immer feierlicher;
Gewagtes Kind nun bist Du nirgends sicher
als in Gefahr.
Die Gedichte 1922 bis 1926 (Briefwechsel in Gedichten zwischen Rainer Maria Rilke und Erika Mitterer, aus der vierten Antwort, Ragaz, 1. / 4. Juli 1924)
Ich finde, dem ist nicht viel hinzuzufügen. Reines Vertrauen in die Redlichkeit und Treue eines anderen Menschen überfordert diesen. Er ist ja nicht Gott, ist auch kein Heiliger, er ist „Natur“. Und eine Eigenschaft der Natur ist ihre Unberechenbarkeit. Eben noch klarster Himmel, und schon braut sich ein mächtiger Sturm zusammen. Eben noch ein lauschiges Plätzchen, und schon hat dich der Skorpion gestochen. Eben noch ein köstlicher Ausblick, und schon weicht der Boden unter deinen Füßen und du stürzt ab. Eben noch ein sicheres Haus, und schon reißt ein Erdbeben es nieder.
Und was tut Rilke? Er macht einen dialektischen Sprung: Im Bewusstsein der Gefahr bist du sicher, und der Sicherheit zu vertrauen, wird zur größten Gefahr.
Das Schlimmste erwarten und das Beste erhoffen – die Balance halten zwischen Vorsicht und Vertrauen, Leichtfertigkeit und Misstrauen – das ist schwer zu erlernen. Es gleicht einer Gratwanderung. Oder einem Drahtseilakt. So manches Mal stürzt man ab und sagt: Nie wieder! Aber das ist auch keine Lösung. Denn einen sicheren Ort gibt es nicht. „Du bist nirgends sicher als in Gefahr“. Also lebe, vertraue und sei gefasst darauf, dass dein Vertrauen jederzeit zu deinem Absturz führen kann.

Mir fällt dazu noch eine Geschichte ein, die ich mal im Rahmen von Juttas Geschichtengenerator geschrieben habe und die ich immer noch sehr mag. Es ist die Geschichte von Emma Lo, Verkäuferin an einer Käsetheke, die dem schwer behinderten schwarzen Poeten Victor begegnet (hier), einen Käseballen gegen ein Gedicht eintauscht (hier) und von dessen Kumpel zu einem Fest eingeladen wird (hier).

Soll sie hingehen? Sie kennt diese Menschen ja kaum. Doch sie fasst sich ein Herz:
Die andern halten mich für ne Zimperliese, weil ich nicht gleich mit jedem geh und immer noch allein bin. Aber wenn mir jemand echt gefällt, habe ich auch Mut. Und der Victor, ja, der gefällt mir, der ist was anderes als die Männer, die ich sonst so kenne. Ich zog mir also am Samstag Abend was Hübsches an und schminkte mich ein bisschen, denn immerhin war es ein Festtag für ihn. Als ich an der Ecke Fußgängerpassage ankam, stand der Bunte da schon, mich abzuholen. Mit nem Mofa! Bonsoar, Madame, und so – er war sehr höflich. Also, ich hinten drauf und los. Es ging ne ganze Strecke bis in einen Stadtteil, den ich gar nicht so kenne. Puh, war mir kalt und auch ein bisschen unheimlich. Aber ich hielt mich an der Jacke vom Bunten fest und sagte mir: Wer A sagt, muss auch B sagen. Schließlich bog er in einen Hof ein, half mir vom Mofa und wies auf eine Treppe, die nach unten führte. Durch die vergitterten niedrigen Fenster drang ein bisschen Licht, auch meinte ich eine Musik mit Trommeln zu hören. Was sollte ich tun? Mitgefangen, mitgehangen, sagte ich mir, und als der Bunte mir galant die Hand gab, um mich die Stufen runterzuführen, ging ich mit…… (hier gehts weiter)
„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“
Friedrich Hölderlin, aus dem Gedicht „Patmos“
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ein schöner Satz. Ob er in gefährlichen Situationen hilfreich sein kann?
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