Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.
Schon wieder Goethe? Ja. Kaum las ich das Wort auf der 66. Treppenstufe, fiel mir das Lied des Harfners aus Goethes „Wilhelm Meister“ ein. Es ist einer der Texte, der mich mein Leben lang schon begleitet, ja, er war geradezu eine Grundmelodie meines Aufwachsens in den Nachkriegsjahren. Niemals wurde das schwere Thema von Schuld, Sühne und Reue anrührender formuliert als in diesen wenigen Liedzeilen.
Johann Wolfgang von Goethe
Das Lied des Harfners
Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte.
Ihr führt ins Leben uns hinein,
Ihr lasst den Armen schuldig werden,
Dann überlasst ihr ihn der Pein:
Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.
Ihm färbt der Morgensonne Licht
Den reinen Horizont mit Flammen,
Und über seinem schuldigen Haupte bricht
Das schöne Bild der ganzen Welt zusammen.
Hugo Wolf, Franz Schubert und Franz Liszt haben das Gedicht vertont, manch anderer hat sich der Anfangszeile bemächtigt, Pasolini hat sie seinem ersten Spielfilm im Titel beigegeben (Accattone – Wer nie sein Brot mit Tränen aß, 1961). Die Vertonungen sagen mir nicht zu, weil sie die Klage in eine musikalisch überhöhte Selbstbemitleidung verwandeln. Pasolinis Accatone ist ein übler Bursche, ein Zuhälter, Schläger und Dieb, und es fällt mir schwer, seine Nöte mit denen des blinden Harfners gleichzusetzen, der wegen einer verbotenen Liebe zu seiner Schwester (Inzest) ins Unglück geriet. Als Romantitel bezieht sich die Ausgangszeile dann auch auf die NS-Zeit, in der viele „arme Menschen“ schuldig wurden. Und was das bedeutet, begreife ich nur allzu gut.
„Das Böse muss ja in die Welt kommen, aber wehe dem, durch den es kommt!“ So werden verschiedene Wehe-dir-Drohungen im Matthäus-Evangelium paraphrasiert. Er ähnelt der Harfner-Klage, denn auch dies ist ein Satz, der dem Weinen über schuldhafte Verstrickungen einen besonderen, sehr bitteren Beigeschmack gibt.

Ödipus, die Sphinx und das Rätsel, dessen Antwort lautet: „der Mensch“. Legebild
Goethes Lied vom Harfner hat mich natürlich angesprochen, und spontan zeigte ich es bei mir an.
Als ich aber dann Deine Worte aus der Bibel las , nahm ich es wieder heraus und suchte in allen Evangelien nach diesem Wort, fand es aber nicht.
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„Wehe Ihr Pharisäer…“ , ja davon gibt es einige sehr deutliche Worte JESU, an die Pharsäer gerichtet.
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Ich hatte geantwortet, sehe aber keine Antwort. Also noch mal: Ich schrieb „paraphrasiert“, also nicht wörtlich. Am nächsten kommt die Stelle bei Matthäus über die Kinder bzw die Kleinsten, wo es nicht „das Böse“, sondern „das Ärgernis“ heißt (Luther-Bibel)
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Was für ein schöner Beitrag!
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Dein Kommentar freut mich, Xeniana.
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