112 Stufen, 3: Mutter (Tucholsky)

Reiner hat ein „Mitmachding“ initiiert. Es geht darum, jeden Tag einen Text zu einem Wort zu posten, das sich auf der Holsteiner Treppe in Wuppertal, verteilt auf 9 Absätze befindet. Es reizt mich, da mitzumachen, allerdings eher nicht mit eigenen Textproduktionen, sondern mit literarischen Assoziationen und Gedichten anderer. Ich bin gespannt, welche Texte, Gedichte, Geschichten jedes dieser Wörter in meiner Erinnerung aufleuchten lässt. All diese Erinnerungen an Gelesenes und im Gedächtnis Aufgehobenes sollen mir einen nachklingenden Teppich weben, den ich über die Stufen lege, um noch einmal hinaufzusteigen.

Die dritte Stufe ist: Mutter. Ich zögere, wähle schließlich ein Gedicht von Tucholsky, das, ganz ohne sentimentalen Unterton, die enorme Leistung der Mutter preist, die in schweren Zeiten ihre Kinder großzieht. „Großkriegt“, wollte ich schreiben, aber Tucholsky veröffentlichte sein Gedicht 1929 (siehe Kommentar von Gachmuret weiter unten) und also vor dem zweiten großen Krieg. Ich verneige mich vor den Müttern, die mit ihrer Liebe und Arbeit mich und meine Generation über den fürchterlichen Krieg hinweg- und ins Leben retteten.

Kurt Tucholsky

Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten
un Kaffe jekocht
un de Töppe rübajeschohm –
un jewischt un jenäht
un jemacht un jedreht …
alles mit deine Hände.

Hast de Milch zujedeckt,
uns bobongs zujesteckt
un Zeitungen ausjetragen –
hast die Hemden jezählt
und Kartoffeln jeschält …
alles mit deine Hände.

Hast uns manches Mal
bei jroßem Schkandal
auch’n Katzenkopp jejeben.
Hast uns hochjebracht.
Wir wahn Sticker acht,
sechse sind noch am Leben …
Alles mit deine Hände.

Heiß warn se un kalt.
Nu sind se alt.
Nu bist du bald am Ende.
Da stehn wir nu hier,
und denn komm wir bei dir
und streicheln deine Hände.

Das Gedicht endet mit dem Wort der zweiten Stufe: streicheln. Trotz aller Bedrängnis und Not, das materielle Überleben zu sichern, gaben die Mütter ihren Kindern fast immer auch genügend Zärtlichkeit, damit die nächste Generation leben konnte und nicht den Verstand verlor. So konnte sie auch ihren Müttern Zärtlichkeit zurückgeben – und sei es auch spät oder erst im Augenblick des Sterbens.

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Chronis Botzoglou: „Zwei Generationen“, Wasserfarben, 1045 x 75 cm, 1988

 

 

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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2 Responses to 112 Stufen, 3: Mutter (Tucholsky)

  1. Avatar von gachmuret gachmuret sagt:

    Eine Korrektur und ein daran anschließender Hinweis:

    Tucholsky lebte von 1890-1935, das Gedicht hat er mithin nicht 1937 geschrieben. Es wurde auch nicht erst 1937 zum ersten Mal veröffentlicht, sondern 1929 in der kommunistischen Arbeiter Illustrierten Zeitung (siehe hier: http://www.zeno.org/nid/20005816424 )

    Der Publikationsort ist wichtig, um eventuelle biographische Fehlschlüsse zu verhindern. Tucholsky sprach hier keineswegs persönlich über seine Mutter, die er ganz gewiss nicht so portätiert hätte. Sondern – ganz an der Zielgruppe der AIZ orientiert – über die proletarische Mutter. Die dann wiederum – und da schließt sich der Kreis – in der Tat entbehrungsreich und aufopferungsvoll um das Überleben ihrer Kinder kämpfen musste. Im ersten nicht weniger als im zweiten Weltkrieg oder in der Zeit dazwischen (daher auch die passende Wiederveröffentlichung im agitatorischen „Deutschland, Deutschland über alles“-Buch).

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