Impulswerkstatt: von Zyklopen, Menschen und Dreiäugigen (4. Bild, Bild 2, Mosaikstück, Verbindungsübung)

Was hat sich der Mensch, der dieses Spraybild produzierte, wohl dabei gedacht? Welche Erfahrungen, Fantasien, Alpträume verarbeitet er darin?

Das „dritte Auge“, das aus der mit zwei Augen geschmückten Kapsel hervorstarrt: ist es etwa das Auge, das dem Zyklopen Polyphem abhanden kam, als Odysseus zustach? Polyphem (der „Ruhmreiche“)  hatte ja nur ein Auge, rund stand es auf seiner Stirn: Zyklopen (Rundäugige) heißt seine Menschenart, die weit auf der Erde verbreitet war, bevor die modernen Schlauberger mit den zwei Augen kamen. (Siehe hier: Polyphem war ein Sohn des Meeresgottes Poseidon und ein Zyklop, also ein „Rundäugiger“. Nur ein Auge hatte er auf der Stirn. Dieses Auge ist das, was wir heute das „dritte Auge“ nennen und das uns so sehr fehlt, wenn wir in die Zukunft schauen wollen. Es ist das alte Hellsehen, die Fähigkeit des „Schauens“, das Odysseus, der Intellektuelle und Rationalist, zielgenau ausstach. Mit ihm wurde der moderne Mensch geboren.)

Ulisses and the Cyclop

Die meisten Zyklopen waren allerdings nicht mit Weitsicht geschlagen, sondern waren wilde Gesellen, die dumpf im Hier und Jetzt lebten und ihre Triebe austobten. Oder ist das vielleicht üble Nachrede, die von den Zweiäugigen verbreitet wurde, um ihre zivilisatorische Überlegenheit zu unterstreichen?

Vielleicht sind die Dreiäugigen die Zukunftsrasse der Menschheit: hellsehend-weitsichtig und rational-doppeläugig zugleich? Wenn ich mir die Vision des Sprayers ansehe, kommen mir Bedenken. Sie gleicht eher einem technologisch erzeugten Dreiaugenmensch, der sich zu seiner eigenen auch noch eine künstliche Intelligenz zugelegt hat, und nicht dem, von dem so mancher träumt, wenn er sich bemüht, das Dritte Auge auf seiner Stirn zum Sehen zu bringen.

Und selbst wenn es kein technischer Dreiaugenmensch wäre: Im Märchen „Einäuglein, Zweiäuglein, Dreiäuglein“ der Gebrüder Grimm (hier) wird dem Dreiäuglein durchaus kein guter Charakter bescheinigt. Es verbündet sich mit dem Einäuglein, ist verräterisch und verpetzt das liebe Zweiäuglein an seine Mutter, denn es sieht mit seinem dritten Auge, wenn die zwei Augen schlafen, welcher Zaubertricks das Zweiäuglein sich bedient, um genug zum Essen zu bekommen. So jedenfalls erzählte es die alte Frau, deren zwei Augen viel gesehen haben, bevor sie müde wurden und das Diesseitige nur noch als Schatten wahrnahmen.

Ich möchte der alten Frau nicht widersprechen. Auch ich bin keineswegs sicher, dass der Dreiaugenmensch eine fortschrittliche Form des Menschseins darstellt. Auf die Moral im Inneren kommt es an. Fehlt sie, könnte das weitsichtige Auge auch dem Teufel zu Diensten sein.

Bedienen wir uns unserer zwei Augen, solange sie uns dienen! Sie reichen vorerst durchaus, um zu sehen, „was ist“. Die Qualität unserer Taten ist keine Frage eines Dritten Auges, sondern des Herzens und des Verstandes.

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Dies ist ein Beitrag zu Myriades neuer Runde der Impulswerkstatt. Er verbindet die von ihr als Impuls gesetzten Bilder 2 und 4 und auch das Mosaikstück „Teufel“.

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About gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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9 Responses to Impulswerkstatt: von Zyklopen, Menschen und Dreiäugigen (4. Bild, Bild 2, Mosaikstück, Verbindungsübung)

  1. Avatar von PPawlo PPawlo sagt:

    Die Vernunft des Herzens also! Das mehr zu nähren , lehren und zu lernen ist wohl ratsam. Toll, welche Gedankengänge du hier gehst! Dieses Bild schreckt mich ab und droht für mich mit einer herzlosen Machtübernahme.der KI. Das Firmament dahinter wirkt winzig und unbedeutend. Grausig!

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  2. Avatar von Myriade Myriade sagt:

    Eine sehr interessante Interpretation, dass Odysseus für das Rationale steht, der Zyklop hingegen, für Triebhaftigkeit und Hellsehen. Wobei ja die Zyklopen, wie du auch schreibst, nicht gerade als besonders klug bekannt waren, Odysseus aber „der Listenreiche“ genannt wurde.

    Gekonnt hast du nicht nur zwei von den Bildern sondern auch noch das Mosaikstück „Teufel“ eingebaut. Ich bin selbst noch zu gar keiner Interpretation der gelben Gestalt gekommen, aber mir scheint doch, dass sie einiges zu bieten hat.

    Ich freue mich, dass du wieder dabei bist. Deine Beiträge holen immer Details aus verschiedenen Wissens- bzw Lebensbereichen und machen daraus ansprechende Texte, die für mich neue und ungewöhnliche Wege gehen. Herzlichen Dank dafür!

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  3. Avatar von Myriade Myriade sagt:

    Kommentar liegt sicher bei dir im Spam. Ich habe ihn auch bei den Kommentaren auf der Seite der Einladung auf meinem Blog deponiert.

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  4. Es ist immer wieder spannend zu entdecken, wie man in der Impulswerkstatt Bilder interpretiert und wie unterschiedlich die Beiträge dazu sein können. Gerade dieses Spray-Bildnis hat im Gegensatz zu den anderen Bildern und dem Mosaikstück rein gar nichts in mir geregt. Chapeau, dass Du hier gleich drei auf einen Streich triffst 🙂 Hab ich gern gelesen!

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  5. Sehen ist sehr wichtig im Tierreich, deshalb wurden ja auch so viele Variationen von ihnen entwickelt.
    Bei Spinnen findet man drei zusätzliche Punktaugen, bei bestimmten Schwebfliegen sind die Augen zweigeteilt: Die obere Hälfte kann so Weibchen wahrnehmen, die über den Männchen zu fliegen pflegen.

    Wenn Sehen Begreifen wäre, wäre vielleicht viel gewonnen. Ich erinnere mich an Kurosawas Lustwäldchen, in der ein jeder, der ein Verbrechen beobachtet, unterschiedliches zu erzählen weiß.
    Ich tue mich schwer mit Eindeutigem, gerade in der jetzigen Zeit.

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  6. Wow, was für ein Text, liebe Gerda. Genial, wie Du erzählst, wie Du immer weiter denkst und immer wieder den Punkt triffst.
    *die modernen Schlauberger mit den zwei Augen*

    Ich glaube, sie sind manchmal trotz zwei Augen blind und taub, weil sie nicht sehen WOLLEN, was dicht vor ihren Augen liegt.

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